Obwohl er in der Nähe der Kirche wohnt, schläft Bernhard Cueni jede Nacht bei offenem Fenster. Die viertelstündlichen Zeitschläge stören den Vizepräsidenten der Katholischen Kirchgemeinde Röschenz nicht. Wie in anderen Dörfern im Laufental wird auch hier an einem Brauch festgehalten, der dank des technischen Fortschritts lange schon nicht mehr notwendig wäre. Die Schläge der Kirchenglocken informieren die Einwohner rund um die Uhr, wie spät es ist. Negative Reaktionen aus der Bevölkerung auf die nächtlichen Unruhe seien ihm nicht bekannt, erzählt Cueni. Er persönlich höre das Schlagen der Glocken gerne.

Im benachbarten Städtchen Laufen stehen drei Kirchen, von denen nur die christkatholische Kirche in der Altstadt im Viertelstundentakt die Uhrzeit bekannt gibt. Zusätzlich dazu werden die Glocken morgens, mittags und abends während einiger Minuten geläutet. Eine der beiden Laufner Kirchen, die in der Nacht schweigen, ist die reformierte Kirche. Deren Pfarrer Claude Bitterli empfindet die Stille als angenehm, obschon Zeitschläge einigen Gemeindemitgliedern durchaus Halt geben würden. Die kürzlich erneut entflammte Diskussion über schlagende Kirchenglocken bezeichnet er als «alten Zopf», den er seit seiner Jugend kenne.

Landbewohner mögen Glocken

Für Gesprächsstoff sorgte jüngst ein Artikel des «Tages-Anzeigers», in dem festgestellt wurde, dass neuerdings immer mehr Zürcher Kirchen in der Nacht auf einen Glockenschlag verzichten. Die Entscheidung wurde massgeblich von lärmgeplagten Anwohnern herbeigeführt, die sich bei der jeweiligen Kirchgemeinde beschwerten. Diese bestimmen auch im Kanton Baselland selbstständig, wann die Glocken geläutet werden und ob die Uhrzeit geschlagen wird. Eine Anfrage bei Kirchen im Baselbiet zeigt, dass in ländlichen Gebieten häufiger nachts Glockenklänge zu hören sind als in stadtnahen. In Reigoldswil, dessen Kirchturm nach Einbruch der Dunkelheit beleuchtet wird, sei der Stundenschlag akzeptiert, meint Roland Plattner-Steinmann. Als aber vor einigen Jahren die Kirchenglocken ausgebessert wurden, habe ihm ein Dorfbewohner gesagt, dass er nun besser schlafen könne. Der Co-Präsident Kirchenpflege der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Reigoldswil-Titterten fügt auch an, dass er während der Renovation von Gemeindemitgliedern angesprochen wurde, die sich den Glockenklang baldmöglichst zurückwünschten.

Von mehreren Beschwerden spricht hingegen Andrea Schlachter, Sekretärin der Römisch-Katholischen Pfarrei in Aesch. Vor allem die Gäste eines nahe bei der Kirche gelegenen Hotels würden sich über die in der Nacht zu hörenden Glocken aufregen. Auch Anwohner hätten sich schon einige Male negativ über das Gebimmel geäussert.

Zwischen 22 Uhr und 7 Uhr werden in Pratteln die Kirchenglocken abgestellt. Vor rund sechs Jahren wurde die schon seit langer Zeit bestehende Nachtruhe noch verlängert: «Nach Protesten aus der Bevölkerung wurde damals entschieden, die Glocken eine Stunde länger verstummen zu lassen», sagt Claudia Wieman. Die Sekretärin der Römisch-Katholischen Kirchgemeinde Pratteln-Augst ist der Ansicht, dass der nächtliche Glockenklang in der Gemeinde heute nur noch von sehr wenigen Personen vermisst wird.