Nein, unter Plastikplanen wie auf den Feldern Südspaniens hausen im Baselbiet keine illegalen afrikanischen Landarbeiter. Auch schläft niemand auf Matratzen auf nacktem Boden in den Ruinen abgelegener Weiler wie es «Le Monde diplomatique» für die Tomatenpflücker aus Ghana in Süditalien beschreibt. Der Unterschied: Die Schweizer Landwirtschaft produziert primär fürs Inland und geniesst einen gewissen Grenzschutz. Das italienische Tomatenpüree ist für den Weltmarkt und ist somit der globalen Konkurrenz – nicht zuletzt aus China – ausgesetzt.

Doch auch an den Baselbieter Bauern geht der Weltmarkt nicht spurlos vorbei. Sowohl die Preise für Inputs – Saatgut, Maschinen, Dünger, Pestizide etc. – als auch die Preise für Agrarprodukte werden von grossen Konzernen und an Rohstoffbörsen gemacht. Im Vergleich dazu ist die Marktmacht bäuerlicher Familienbetriebe aus der Schweiz minimal. Und auch die Politik kann die Differenz zwischen Weltmarktpreisen und Schweizer Produktionskosten nicht vollständig abfedern.

Sinkende bäuerliche Einkommen

Zwischen 2002 und 2012 sank der Wert der in der Baselbieter Landwirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen um ein Zehntel auf 180,4 Millionen Franken. Zugleich ist aber der Wert der Inputs praktisch gleich geblieben. Die Abschreibungen – der buchhalterische Wertverlust der Investitionen – haben in der gleichen Zeit um 6,5 Prozent zugenommen. Angesichts dieser Schere – sinkender Umsatz bei steigenden Kosten – sank das selbst erarbeitete Einkommen der Baselbieter Landwirtschaft um zwei Drittel auf 11,7 Millionen Franken. Auch wenn man die 54.7 Millionen Direktzahlungen einbezieht, schrumpfte das Einkommen pro Betrieb gemäss einer vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain präsentierten gesamtwirtschaftlichen Berechnung in zehn Jahren von 44'000 auf 31'000 Franken.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass eine Familie auf dem eigenen Hof keine Wohnungsmiete bezahlt und Lebensmittel zum Teil selbst produziert, deckt dieses Betriebs-Einkommen – in der Regel durch mehrere Arbeitskräfte erarbeitet – den Familienbedarf nicht.

Andreas Bubendorf, Hauptabteilungsleiter Strukturverbesserung im Ebenrain, schätzt, dass im Schnitt im Baselbiet die Familien ein nicht-landwirtschaftliches Nebeneinkommen von 15'000 Franken erwirtschaften, das Gesamteinkommen also im Schnitt 46'000 Franken beträgt.

1600 Franken netto

In Branchen mit tiefer Wertschöpfung werden Angestellte schlecht bezahlt. «Die meisten Personen aus dem Schengenraum – oft aus Portugal und Polen – haben den nach Normalarbeitsvertrag festgeschriebenen Minimallohn von 3200 Franken brutto» berichtet Simon Affolter, der an der Universität Bern die transnationalen Rekrutierungsnetzwerke für Landarbeiter untersucht. «Nach den Abzügen für Sozialversicherungen und Kost und Logis bleibt nur noch ein Gehalt von rund 1600 Franken netto.» Dies gilt für eine körperlich anstrengende 50-Stundenwoche – mit Vieh eine 55-Stundenwoche. Entsprechend ist der Ausländeranteil: 2012 hatten im Baselbiet von den 763 familienfremden Arbeitskräften deren 396 – also gut die Hälfte – keinen Schweizer Pass. «Grundsätzlich ist es so, dass es in der Milchwirtschaft deutlich weniger Angestellte braucht. Hingegen ist man auf Betrieben mit Gemüse und Früchten auf zahlreiche Arbeitskräfte angewiesen», erklärt Affolter.

Die Landwirtschaft benötigt nicht nur billige, sondern auch auf flexibel abrufbare Arbeitskräfte, denn das Wetter ist nicht planbar, und oft muss eine Ernte sehr schnell eingebracht werden. Ausländer ohne gültige Aufenthaltspapiere sind oft besonders willig, solche Jobs anzunehmen. Entsprechend nennen Studien des Bundes die Landwirtschaft immer wieder als Tätigkeitsfeld für Sans-Papiers.

Im Ebenrain liegen keine Daten zu Sans-Papiers vor. Auch Affolter kann zur Nordwestschweiz keine Detailangaben machen. Allgemein erfolge die Rekrutierung über verschiedene Kanäle: «Es gibt organisierte Gruppen, welche Menschen direkt aus einem bestimmten Herkunftsland rekrutieren. Diese fungieren dann als Arbeitsverleih. Es gibt aber auch Personen, welche direkt auf den Höfen vorbeigehen und für Arbeit fragen. Grundsätzlich werden diese Menschen selten für längere Zeit angestellt, sondern sind kurzfristige Aushilfskräfte.» Affolter beschreibt in «Terra cognita», einer Publikation der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen, die «Professionalisierung der informellen Vermittlungsnetzwerke». Sans-Papiers könne man telefonisch bestellen und stünden tage- und halbtageweise zur Verfügung. «Aufgrund ihres illegalen Aufenthaltes sind Sans-Papiers am stärksten von Ausbeutung betroffen.»

Vieles läuft in Graubereichen

Da Früchte und Gemüse im Baselbiet wichtige Betriebszweige sind, kommen dürften auch hier solche Arbeitsverhältnisse vorkommen. Olivia Jost von der Anlaufstelle für Sans-Papiers in Basel beobachtet, dass oft ehemalige Saisonniers aus dem Kosovo und Serbien, die über Ortskenntnisse und Beziehungsnetze verfügen, ohne Aufenthaltsbewilligung solche Kurz-Arbeitsbeziehungen eingehen. Mit der Personenfreizügigkeit würden sie aber zunehmend von legal anwesenden Saisonniers aus der EU verdrängt.

Mit anderen Worten: Die Abschaffung der Personenfreizügigkeit könnte umgekehrt illegalen Arbeitsverhältnissen Vorschub leisten. Affolter schreibt allerdings in «Terra cognita»: «Beobachter melden zahlreiche Fälle von Personen aus der EU, die ohne Bewilligung in die Schweiz geholt werden. Sie verrichten folglich Schwarzarbeit und sind ziemlich schutzlos.»

Olivia Jost kann zu Sans-Papiers in der Nordwestschweizer Landwirtschaft keine Zahlen nennen, da nur kurz anwesende Wanderarbeiter sich seltener an die Beratungsstelle wenden als fest ansässige, die beispielsweise Krankenkassenfragen regeln müssen. Es gibt aber auch andere Schicksale, wie das untenstehende Treffen mit einem Baselbieter Sans-Papier aus dem Kosovo zeigt: Er lebt und arbeitet seit Jahren auf dem gleichen Betrieb.

Tina Bopp, die an der Uni Basel ihre Masterarbeit zu Landwirtschaft und Migration schrieb, folgert deshalb: «Es geht nicht darum, einzelne Menschen zu verurteilen, sondern die Strukturen zu betrachten, unter denen Landwirte heute produzieren müssen.»