Sie telefonieren, lackieren sich die Nägel oder kochen auf dem Beifahrersitz Kaffee: Verkehrskontrollen und Überwachungsvideos bringen zutage, was Fahrzeuglenker so treiben. In voller Fahrt, versteht sich.

Die Lenker, die auf alles andere als den Verkehr achten, sind ein wachsendes Problem. Die Schweizer Strassen werden zwar immer sicherer – wenn es aber einmal knallt, so ist die Wahrscheinlichkeit immer grösser, dass ein sogenannter «Blindflieger» am Steuer sass.

In den beiden Basel ist das nicht anders: Seit Jahren steigt hier der Anteil der Unkonzentrierten bei den Unfallverursachern an. Dass dieser Trend nicht gebrochen ist, zeigen die jüngsten Zahlen: Vergangene Woche präsentierten beide Kantone ihre Verkehrsstatistiken 2013. In Basel-Stadt wie in Baselland stellen die abgelenkten oder unaufmerksamen Fahrer die Risikogruppe Nummer eins dar – vor denjenigen, die den Vortritt missachten, den Blaufahrern und Drogenkonsumenten sowie den Rasern.

Sind Smartphones schuld?

Eine beängstigende Entwicklung muss die Baselbieter Polizei zur Kenntnis nehmen. Im Jahr 2004 lagen Ablenkung/Unaufmerksamkeit an vierter Stelle der vermuteten Unfallursachen; «nur» bei jedem zehnten Unfall fand diese Begründung Eingang ins Unfallprotokoll. 2013 war es bereits bei einem Viertel der Crashs der Fall. In Zahlen: 213 Mal krachte es im vergangenen Jahr auf Baselbieter Strassen, weil ein Lenker den Kopf nicht bei der Sache hatte. Basel-Stadt publiziert im Gegensatz zu Baselland keine Zahlen. Doch der Leiter der Basler Verkehrspolizei, Rolf Thommen, bestätigt die Zunahme ebenfalls.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) ist besorgt. Sie hat ihr Augenmerk auf technische Geräte geworfen, die Autofahrer ablenken. Erhärten lässt sich die These, dass vor allem Navigationssysteme, Radios und Mobiltelefone die «Blindflug»-Unfälle verursachen, nicht. Denn nur bei einem Viertel der betreffenden Unfälle wird die genaue Ablenkungsquelle protokolliert, moniert die BfU.

Für Baselland fällt auf: Der Anteil der Unkonzentrierten an den Unfällen steigt parallel zum Absatz von Smartphones an – in Basel sähe das Bild sicher ähnlich aus. Rolf Thommen räumt ein, dass die technischen Geräte eine Versuchung darstellen würden. Entscheidend sei jedoch der immer dichter werdende Verkehr. «Heute erträgt es fast keine Störungen mehr. Früher gab es wohl auch Lenker, die am Radio herum hantiert haben, aber glücklicherweise war ansonsten niemand auf der Strasse.»

Oder anders ausgedrückt: Es hat weniger Luft zwischen den Fahrzeugen – es knallt schneller. Ähnlich argumentiert Christoph Naef, Chef der Baselbieter Verkehrspolizei: Immer mehr Verkehrsteilnehmer würden offenbar Mühe bekunden «den Überblick zu bewahren».

Zwar machen Basel-Stadt und Baselland bei einer grossen Kampagne gegen Ablenkung mit – mehr kontrollieren wollen sie jedoch nicht. Die BfU fordert, dass die Ablenkungsquellen nach Crashs genauer protokolliert werden. Ansonsten ziele die Prävention ins Leere.

In der Tat spielt es eine grosse Rolle, ob Blindflieger telefoniert, die Nägel lackiert oder Kaffee gekocht haben. Oder ganz einfach zerstreut waren.