Die Liestaler Vorstadt am unteren Altstadtrand erhält derzeit mit dem wuchtigen Neubau «Rebgarten» ein völlig neues Gesicht. Und schon steht im gleichen Gebiet das nächste Grossprojekt an. Vergangene Woche wurden die Mieter des Lüdin-Areals, zu denen auch die bz zählt, über das Vorhaben informiert. Dieses Areal umfasst das rund 5000 Quadratmeter grosse Geviert Schützenstrasse-Rheinstrasse-Bahnhofstrasse mit einer Handvoll teils recht verschachtelten Liegenschaften und gehört der Lüdin AG.

Deren Verwaltungsrat Gilbert Hammel erläuterte, dass man nach einer Bebauungsstudie im Jahr 2014 auf ein Workshop-Verfahren gesetzt habe. An fünf Veranstaltungen mit Verwaltungsrat, Planungsteam und Vertretern der Stadt Liestal sowie des Kantons sei man zu folgender Erkenntnis gelangt: «Im Vordergrund steht eine dreizeilige Überbauung in Nord-Süd-Richtung parallel zur Bahnhofstrasse mit Büros und einem Wohntrakt.»

Cueni-Klassiker als Knacknuss

Das Areal soll durchlässig für Fussgänger werden und auch Grünanteile beinhalten. Derzeit laufe noch ein Studienauftrag zur Gebäudefassade. Eine Jury werde das beste Projekt prämieren, an dem danach weitergearbeitet werde. Hammel ist überzeugt: «Das gibt eine Aufwertung für Liestal.»

Doch der Weg sei noch lang. Die Lüdin AG wolle das Grossprojekt aber nicht selbst realisieren, sondern das Ganze an einen Investor verkaufen, sobald der Quartierplan stehe. Zum Fahrplan meinte Hammel, dass 2023 mit dem Neubau begonnen werden könne. Man habe entsprechend vorgespurt und die längsten Mietverhältnisse liefen Ende 2022 aus. Verwaltungsratspräsident Mathis Lüdin betont, dass es noch viele Fragezeichen gebe. So verweist er auf den möglichen Ausbau des Gerichtsgebäudes am Bahnhofplatz, das an seiner Hinterseite an den Lüdin-Perimeter grenzt. Das Projekt der Lüdin AG müsse darauf wie auch auf die geplanten Änderungen der Stadt in der Allee abgestimmt werden.

Das grösste Fragezeichen dürfte jedoch das markanteste Gebäude des ganzen Areals darstellen, das vierstöckige Geschäftshaus an der Rheinstrasse mit bz drin und Attika-Wohnung oben drauf. Dieses figuriert im kantonalen Bauinventar und gilt dort als «kommunal zu schützen». Die Begründung lautet: «Der präzis gesetzte Flachdachbau zeigt in seiner grosszügigen Gestaltung das Selbstbewusstsein der erfolgreichen Druckerfirma Lüdin. Ernst Cuenis Klassiker der 1950er-Jahre steht als Prototyp für eine ganze Reihe von Bauten mit ähnlicher Aufgabenstellung, bei denen versucht wurde, die grosse Baumasse durch die Loslösung vom Boden (Arkaden und offenes Ladengeschoss), durch Bandfenster und durch ein abgesetztes Flachdach in ihrer Wirkung leichter zu gestalten.»

Grösste Sorgfalt gefordert

Der in Liestal fürs Bauliche verantwortliche Stadtrat Franz Kaufmann sagt dazu: «Für mich hat dieser Bau Charakter und ist ein Stück Identität von Liestal. Wir werden uns dafür einsetzen, dass er erhalten bleibt.» Generell müsse die Parzelle der Lüdin AG an der prominenten Lage unmittelbar vor der Altstadt mit grösster Sorgfalt entwickelt werden. Die Besitzer seien aber auf gutem Wege dazu, so Kaufmann.

Ebenfalls ein grosses Fragezeichen ist, ob Liestal zu Beginn der 2020er-Jahre so viele Projekte praktisch gleichzeitig und räumlich eng beieinander bewältigen kann: SBB-Vierspurausbau, Bahnhofneubau, Postneubau, Neugestaltung der Allee und jetzt noch Neubau auf dem Lüdin-Areal. Auch Mathis Lüdin hat seine Bedenken. Er meint aber: «Vielleicht ist der Zeitpunkt für unser Projekt nicht ideal. Aber unser Ziel ist und bleibt ein Baubeginn im Frühjahr 2023.»