Tier des Jahres ist in der Schweiz das Hermelin. Doch im Baselbiet läuft ihm vom Öffentlichkeitsecho her das Schwein derzeit locker den Rang ab. Es stand kürzlich an der öffentlichen Metzgete und der anschliessenden Selbstgeisselung eines Pfarrherrn in Sissach im Mittelpunkt. Es dominierte aus tierischer Warte die Fasnacht, an der das Sissacher Theater wieder aufgewärmt wurde. Und ganz ums Schwein dreht sich auch eine vielschichtige Ausstellung im Museum.BL in Liestal, die heute beginnt (es stand in der bz).

Für die Zukunft des Schweins am folgenreichsten dürfte aber ein vor kurzem gestartetes Projekt des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) und von Demeter sein – mit einem Baselbieter in der Hauptrolle: Der Reigoldswiler Jungbauer Yannick Steffen (25) und ein weiterer Landwirt wollen eine neue Schweinerasse züchten: ein genügsames, robustes und gesundes Hausschwein, das sich für die Weidehaltung eignet.

Umdenken kam auf Hochsitz

Dabei wies in Steffens Lebenslauf nichts auf diesen innovativen Schritt hin. Für ihn gehörte die traditionelle Schweinemast zum Alltag wie für andere der Hundespaziergang. Um die 50 Ferkel kamen jeweils im Alter von zwei Monaten und einem Gewicht von 25 Kilogramm vom Züchter und gingen vier Monate später auf 100 Kilogramm hochgemästet ins Schlachthaus. So handhabte es der Grossvater, so handhabte es der Vater und so handhabte er es selbst, als er nach der Lehre auf dem elterlichen Hof Seilern einstieg.

Doch Steffens grosses Hobby, das Jagen, führte zum Umdenken. Genauer gesagt das nächtelange Beobachten der Wildschweine vom Hochsitz aus. Er sagt: «Ich begann, mir Gedanken zu machen. Die Wildschweine konnten rennen, wenn sie wollten, sie konnten fressen, was sie wollten, sie konnten sich suhlen, wenn sie Lust dazu hatten. Den Stallsauen dagegen war es langweilig, sie hatten immer das gleiche Fressen, die gleiche Temperatur und ihren öden Betonboden.» Yannicks Vater Daniel Steffen erinnert sich an jene Zeit: «Kaum hatte er die Jagdprüfung absolviert, kam er zu mir und sagte, wir müssten nun die Schweine tagsüber raus auf die Wiese hinter dem Stall lassen.» Der Vater winkte ab. Das gehe aus Gewässerschutzgründen nicht.

Da trat die angehende Umweltingenieurin Anna Jenni, die heute beim FiBL für das Hausschwein-Zuchtprojekt angestellt ist, auf Vermittlung eines Jagdkollegen zum ersten Mal in Yannick Steffens Leben. Sie suchte im letzten Frühjahr einen Bauern, der ihr für einen Versuch Land zur Verfügung stellen würde. Beim Versuch ging es unter anderem um die Verdichtung und den Nährstoffeintrag in den Boden bei der Freilandhaltung von Schweinen. Steffen sprang auf und fand Gefallen an der gesteigerten Lebensqualität der vier Mastschweine, die ihre – kurze – Lebenszeit nun als Weideschweine mit viel Auslauf verbringen durften.

Der nächste Schritt liess nicht lange auf sich warten, obwohl ihm andere Bauern wegen des Aufwands und der Mehrkosten davon abrieten: Steffen bestellte im Sommer beim Züchter zwei Dutzend Jager – so nennt man die Ferkel im Alter von zwei Monaten – und stellte ihnen eine halbe Hektare grosse Wiese mit selbstfabrizierter Unterkunft zur Verfügung. Die kleinen Schweinchen verdankten es auf ihre Art: Zuerst noch unsicher und dicht beieinander stehend, wurden sie zusehends mutiger und aktiver und waren mit ihren Verfolgungsrennen und Suhlbädern schliesslich eine kleine Reigoldswiler Attraktion.

Steffens Bilanz lautete fünf Monate später, als das letzte «Wiesenschwein» im Schlachthaus gelandet war, durchzogen, aber letztlich positiv: «Die tägliche Arbeit wurde kleiner, weil ich nicht misten musste. Insgesamt war der Aufwand aber grösser, wenn man das Einrichten der Weide, das Reparieren der Zäune und der Schutzhütte nach einem Sturm sowie den gestaffelten Transport ins Schlachthaus miteinrechnet. Die Säue aber waren zufriedener und gesünder, und ich musste kein einziges Mal Antibiotika einsetzen.» Deshalb mache er weiter mit Freilandhaltung.

Schlechtes Gewissen

Finanziell zahlte sich das Ganze noch nicht aus. Zwar konnte Steffen das Fleisch von 15 Tieren direkt verkaufen, was viel mehr war, als er erwarten durfte, da seine Kundendatei erst im Aufbau begriffen ist. Doch die restlichen 11 Schweine musste er zum normalen Grosshandelspreis für Mastschweine abliefern. Und da liegen Welten dazwischen: Der Grosshandel zahlt für ein 100 Kilogramm schweres Schwein gegen 700 Franken. Der Direktverkauf bringt bei einem Mischpreis von 25 Franken pro Kilo gut 1000 Franken pro Schwein.

Auch emotional musste Steffen eine kleine Baisse durchschreiten. Er erzählt: «Ich brachte die Schweine in kleinen Gruppen à vier bis fünf Tiere selbst in die Schlachthäuser in Ziefen oder Büsserach. Dazu sortierte ich die entsprechenden Tiere eine Woche zuvor von den übrigen auf eine kleinere Weide aus und stellte ihnen den Transportanhänger als Nachtlager hin. So gewöhnten sie sich rasch an diesen. Als ich dann aber an ihrem letzten Morgen die Anhängertüre von aussen schloss, fühlte ich mich schlecht und musste mir eingestehen: Eigentlich verarschst du die Tiere.»

Doch auch hier gibt es zwei Seiten. Als die Türe vor dem Schlachthof wieder aufging, tippelten die Säue neugierig aus dem Anhänger rein ins Gebäude, in dem der Elektrobolzen auf sie wartete. Bei den traditionell gehaltenen Mastsäuen sei dagegen das kollektive Ein- und Ausladen der Tiere jeweils «Panik und purer Stress» gewesen, schildert Steffen. Diese Masthaltung ist übrigens auf der «Seilern» seit letztem Jahr Geschichte. Zum Bedauern des Vaters und zur Freude des Sohns. Wobei Daniel Steffen anfügt: «Eine Änderung bei unserem Hauptstandbein, der Milchwirtschaft, hätte mir mehr Sorgen gemacht. Ich finde es aber auch toll, mit wie viel Begeisterung sich Yannick seinen Weideschweinen widmet. Ich hoffe nur, er übernimmt sich nicht.»

Mittlerweile ist Anna Jenni vom FiBL ein zweites Mal in Yannick Steffens Leben getreten, wiederum mit Folgen. Ein grosser Demeter-Betrieb ist aus dem Projekt, ein robustes Hausschwein für die Weidehaltung zu züchten, ausgestiegen, und da hat sie ihn gefragt, ob er in die Lücke springen wolle. Wieso gerade er? Jenni antwortet: «Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Yannick gemacht. Er ist praxisorientiert und begeisterungsfähig.»

Pragmatisch ist Steffen die neue Herausforderung angegangen: Er beschaffte sich einen Duroc-Eber – das ist eine der vier Schweizer Fleischrassen – und zwei Distel-Mooren; laut Steffen «extensive Feld-Wald-Wiesen-Säue». Er sagt: «Ich wollte nicht zwei extensive Rassen. Ein bisschen Fleisch müssen wir schon hineinbringen.» Im Verlaufe dieses Monats kommen dann noch zwei Edelschwein-Mooren und ein extensiver Turopolje-Eber dazu. Mit jenem Nachwuchs, der sich besser bewährt, züchtet er weiter. Klar ist für den Jäger und angehenden Meisterbauer aber: «Wir gehen mit der Zucht unseres Hausschweins wieder einen Schritt zurück zum Wildschwein.»