«Basel ist genial für Parkour und bietet enorm viele geeignete Plätze, sonst würden wir nicht internationale Cracks hierher holen», schwärmt Chris Harmat, einer von 15 Mitstreitern der World’s Parkour Family (WPF), die das Camp vorbereitet haben. An die 15 Top-Athleten sind gekommen, aus Genf, Ägypten, Ungarn oder den USA. Lohn erhalten sie keinen, nur Spesen. «Bei unserem Camp geht es nicht darum, Geld zu verdienen, sondern darum, Freunde zu treffen und sich auszutauschen.» Auch mit den 40 Nachwuchs-Hüpfern des Camps, die während der Woche ihre Vorbilder beobachten und mit Fragen löchern. Nicht nur bei den Parkour-Streifzügen durch Basel, sondern auch abends auf dem Campingplatz in Reinach, wo alle schlafen, essen, trainieren und rumblödeln.

Zuschauen und Lernen

Gut 20 Youngsters stehen auch im Halbkreis, als Harmat nochmals Anlauf holt. Das Parkour-Rudel streunt eben vom Pausenplatz der Fachhochschule beim Vogelsangplatz zur nächsten Location. Doch kurz vor dem St. Jakobsdenkmal entdecken sie eine reizvolle Gartenmauer: ein perfekter Absprungplatz, um beim gut vier Meter dahinter stehenden Wohnblock auf den Fenstersims im ersten Stock zu springen. Ein ziemlicher Satz. Doch tatsächlich gelingt er, nachdem Chris Spasses halber allen unnötigen Ballast wie T-Shirt und Hose abgeworfen hat. Am Fenster erwartet ihn eine Horde Kinder, die den unerwarteten Besucher in Boxershorts und seinen Abgangssalto freudig beklatschen.

«Zu Hause in Los Angeles hätten die Bewohner uns eher angebrüllt und die Cops gerufen», kommentiert Jesse La Flair lachend seine ersten Parkour-Erfahrungen auf europäischem Boden. Der US-Crack selbst kommt nicht ganz hoch. Er will es nicht darauf schieben, dass er Shirt und Hose anbehält: «Ich bin mit 28 Jahren der Senior der Truppe und vielleicht nicht mehr so sprunggewaltig.» Dem Alter entsprechend hat er auch schon einiges auf seinem Leistungsausweis.

Das Hobby im Film

Gerade konnte man seine Stunt-Künste in Will Smiths Sci-Fi-Action-Film «After Earth» bewundern. Smiths Sohn trainierte er auch in Parkour. Als Nächstes kämpft er dann im Griechen-Epos «300: Rise of an Empire». «Da mussten wir noch Schwertkampf lernen, bevor wir dramatisch über Mauern herabfallend sterben durften», lacht La Flair über seine Hollywood-Jobs. Sie finanzieren seine Parkour-Reisen: «Bald bin ich wieder blank. Dann müssen ein Film oder ein paar Werbe-Spots her.»

Filme sind nicht nur als Brötchengeber wichtig für die Szene. Dank Luc Bessons Action-Klassiker «Banlieue 13» oder «Yamakasi» sprang Parkour vor gut zehn Jahren aus den Pariser Vororten bis ans Rheinknie. Zudem tauscht sich die internationale Szene neben den Events vor allem via Youtube-Clips aus. Ein aktueller Renner auf der Plattform ist der weltweit erste Frontflip von Kevin Fluri über den «Manpower Gap» bei Paris – eine Kultstätte für Parkour-Freaks.

Kevin Fluri Frontflip

Springen als Paar

Fluri bildet mit Harmat ein Parkour-Duo. Seit Jahren trainieren sie gemeinsam und kreieren Twin-Tricks, die nur sie zwei beherrschen. Seit 2010 sind die beiden nun Parkour-Profis. Sie gehören zu den weltbesten Athleten und sackten schon einiges an Wettkampf-Trophäen ein, bis hoch zum Weltmeistertitel. Streifen oder sonstige Anzeichen für die Meriten sucht man auf ihren Lumpen-Shirts und Jogginghosen jedoch vergebens. Fluri: «Titel sind nur für die Sponsoren und das Vermarkten wichtig. Bei den Wettkämpfen geht es eigentlich mehr darum, sich zu treffen und auszutauschen. Einer gewinnt dann halt.» Harmat ergänzt: «Parkour ist mehr Lebenseinstellung als Sport.» Aus ihrem Mund klingen selbst die fünf bis sechs Stunden tägliches Training als das reinste Vergnügen.

Nebst Hausfassaden, die sie für ihre Sponsoren hinunterrennen, Wettkämpfen und Show-Events liegt beiden der Nachwuchs sehr am Herzen. Workshops und Camps für Junge sind von Beginn weg Bestand der World’s Parkour Family.

Kein klassischer Sportverein

«WPF ist ein Club, jedoch fern von üblichen Sportvereins-Strukturen», wie Fluri betont. Das vierte Camp soll darum wieder zu einem minimalen Preis allen Interessierten offen stehen. Ein Alterslimit gibt es nicht. Harmat: «Als Kinder turnten wir alle rum wie Affen. Das wollen wir fördern statt einschränken, wie es die Gesellschaft tut.» Zum Camp-Abschluss veranstaltet die Parkour-Horde ab Mittag nochmals ein Affen-Theater rund um den Tinguely-Brunnen. Ein offener Jam, bei dem man nicht nur staunen und klatschen, sondern auch «mitgumpen» kann.