Martin Tschirren, sind Muttenz, Birsfelden und Reinach öV-Wüsten?

Martin Tschirren: Nein. Die Basler Agglomerationsgemeinden sind durchaus bei den Leuten.

Aber weshalb haben sie denn so schlecht abgeschnitten in der Studie des Städteverbands? Die grossen Baselbieter Agglomerations-Gemeinden landen in ihren jeweiligen Kategorien fast ausnahmslos im hinteren Drittel.

Die Anzahl Haltestellen ist lediglich ein Faktor bei der Beurteilung, wie gut der öffentliche Verkehr ist. Wenn eine Gemeinde vergleichsweise wenige Haltestellen hat, kann das zum Beispiel mit der Topografie oder mit der Struktur des Netzes zusammenhängen. Mit anderen Worten: Es hängt davon ab, ob in einer Gemeinde mehrere öV-Linien zusammenkommen oder die öV-Linie eine Zubringerfunktion zu einem öV-Knoten ausserhalb der Gemeinde hat.

Welche Kriterien zählen noch?

Ein wesentliches Element für die Beurteilung der öV-Qualität ist, wie häufig die Haltestellen angefahren werden und ob sie geschickt platziert sind. Klar ist aber auch: Wenn wir den öV in der Schweiz weiter verbessern wollen, gibt es in zahlreichen Schweizer Agglomerationsgemeinden Nachholbedarf. Bund, Kantone und Gemeinden haben das erkannt und stecken mittlerweile im Rahmen der Agglomerationsprogramme Hunderte von Millionen pro Jahr in die Verkehrsinfrastruktur in den Agglomerationen.

Was auch auffällt: Muttenz, Birsfelden, Reinach und Allschwil sind zwar alle über attraktive Tramlinien mit dem Zentrum Basel verbunden. Trotzdem schneiden sie in der Studie schlecht ab. Ist ein Tram ein Nachteil für die Binnenerschliessung dieser Orte?

Grundsätzlich ist ein Tram ein grosser Standortvorteil für eine Gemeinde. Vor allem im dicht besiedelten Gebiet ist die Transportkapazität des Trams fast unschlagbar. In verschiedenen Städten, etwa in Bern, Lausanne und Genf, leisten neue Tramlinien einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von ganzen Stadtteilen. Zudem sind Tram und Bus komplementär zu verstehen: Während Trams auf Strecken mit grossem Passagieraufkommen geeignet sind, sind es Busse eher in der Feinverteilung im Quartier.

Ebenso ist auffällig, dass die grossen Vorortsgemeinden der anderen Schweizer Grossstädte insgesamt besser abschneiden als diejenigen in der Region Basel. Ist der öV in der Region Basel zu stark auf das Zentrum ausgerichtet?

Der starke Fokus des Ortsverkehrs aufs Zentrum ist in der Schweiz durchaus üblich. Weil es in der Schweiz keine Mega-Cities gibt, macht das auch Sinn. Die Rolle, die in grossen Metropolregionen Tangentialverbindungen mit Trams und Bussen spielen, übernimmt bei uns üblicherweise das dichte S-Bahn-Netz. Der Ansatz hat aber Grenzen, deshalb planen und realisieren auch Schweizer Städte zunehmend Linien, die nicht mehr zwingend über den Hauptbahnhof führen. Entscheidend ist aber ein funktionaler Zusammenhang: eine Tangentialverbindung von Agglomerationsgemeinde zu Agglomerationsgemeinde macht nur Sinn, wenn dadurch beispielsweise Arbeitswege, der Weg zu einer Bildungsinstitution oder zu einer Freizeiteinrichtung abgedeckt werden kann.

Wenn wir uns die öV-Güteklassen für die Grossstädte anschauen, sehen wir, dass Genf sehr gut abschneidet. Dort fällt mehr als die Hälfte der Einwohner in die Kategorie «Sehr gute Erschliessung». Was macht Genf richtig – oder anders herum gefragt: Was machen die anderen weniger gut?

Genf hat es etwas einfacher als die andern. Die Bevölkerungsdichte ist beträchtlich höher als in allen anderen Schweizer Städten, zum Beispiel fast doppelt so hoch wie in Basel. Das hat grosse Vorteile für das öV-Netz, weil man pro Haltepunkt mehr Menschen erreicht. Werden diese Halte dann intensiv bedient, profitiert ein Grossteil der Bevölkerung von einem sehr guten öV-Angebot.

In Basel wird über eine unterirdische Verbindung zwischen dem Bahnhof SBB und dem Badischen Bahnhof diskutiert, das sogenannte Herzstück. Mit ihm soll die Agglomeration näher an die City heranrücken. Würde das Herzstück die öV-Erschliessung der Agglomeration Basel stark verbessern?

Auch hier gilt: Das eine tun und das andere nicht lassen. Mit dem Herzstück liesse sich das S-Bahn-Angebot im Raum Basel deutlich verbessern, gerade auch im grenzüberschreitenden Verkehr. Der volkswirtschaftliche Nutzen wäre beträchtlich. Aber es handelt sich um ein Generationenprojekt, das keine Alternative dazu ist, das Verkehrssystem insgesamt in den nächsten Jahren weiterzuentwickeln.