Kaum 24 Stunden waren seit der Tat vergangen – schon war die Schuldige identifiziert, abgeführt und verurteilt. Die Anklage lautete: Nichtbefolgung einer Weisung des Bundesrats, Widerhandlung gegen die Vorhersehbarkeit, Verbrechen gegen Weltoffenheit. Für den letzten Punkt gabs die Höchststrafe: die Verachtung der Städter. Auf Lebenszeit.

Tatzeit war der 9. Februar. Der Tag, an dem das Resultat über die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP bekannt wurde. Auf der Anklagebank sass die Agglomeration, verächtlich auch Agglo genannt.

Sie war es gewesen, die die Abstimmung entscheidend beeinflusst hatte. Natürlich nur der Agglomerationsgürtel – nicht die Kernstadt. Aber das reichte: Knapp 20'000 Stimmen machten am Ende die Differenz aus, die entschied, dass die Initiative angenommen wurde.

Agglo in Reinkultur

«Du warst das!», fauchten die Urbanen. «Du warst das?», säuselten die Traditionalisten, als könnten sie nicht so recht glauben, wer ihnen da geholfen hatte.

Es gibt einen Ort, da gibt’s die Agglo in Reinkultur. Wenige hundert Meter vor den Toren Basels. Es ist das Sternenfeld-Quartier in Birsfelden, eingeklemmt zwischen Rhein, Hafen und Friedhof. Rund dreissig Wohnblöcke mit Grün drum herum, kein Gebäude älter als 50 Jahre.

1996 Menschen wohnen hier, weiss die Einwohnerkontrolle Birsfelden. Einer von ihnen ist Walo Wälchli, 75-jährig, gebürtiger Stadtberner, früher Chef der eidgenössischen Edelmetall-Kontrolle, nun pensioniert. Er wohnt im fünften Stock eines Wohnblocks. Und er ist Präsident des Quartiervereins Sternenfeld mit 150 Mitgliedern. Er sitzt auf dem Balkon, der in einen Wintergarten umgebaut worden ist, und geniesst die Frühlingssonne, die ihm auf das volle weisse Haar scheint.

Haben die Mitglieder des Quartiervereins Ja gestimmt, Herr Wälchli?

«Sie wollten doch zuerst mein Sternenfeld sehen, oder?»

Nur noch ein Hunde-Coiffeur

Walo Wälchli und seine Frau Astrid wohnen seit 44 Jahren im Quartier. Er ist ein typischer Sternenfelder: nicht aus der Region – früher beim Bund angestellt.

Der Pensionär steht auf und zeigt auf den Sternenfeld-Platz unter ihm, der eigentlich Sternenfeld-Center heisst. «Das war einmal ein richtiges Einkaufsparadies», sagt Wälchli in breitem Berndeutsch. «Dort war der Vögele, da hatte es einen Sutter-Begg. Und dort hatte es einen Kiosk, und gleich daneben war der Bell. Die meisten haben dichtgemacht. Dafür hat es jetzt einen Hundecoiffeur. Wir müssen uns nur noch einen Hund zutun.»

Auch die Abstimmungs-Verlierer in Birsfelden führten einen kurzen Prozess, obwohl gar nicht ersichtlich war, welcher Ortsteil wie gestimmt hatte. Trotzdem: Das Sternenfeld ist schuld, hiess es. Schuld, dass Birsfelden die Initiative angenommen hatte, mit 54,38 Prozent, dem höchsten Ja-Anteil des Bezirks Arlesheims. Ausgerechnet das «rote Birsfelden», die Gemeinde mit dem höchsten SP-Anteil bei den letzten Nationalratswahlen.

Hat der Quartierverein nun Ja gestimmt, Herr Wälchli?

«Wollen Sie nicht etwas über die Geschichte des Quartiers wissen?»

Bähnler, Pöstler, Zöllner

Leute wie die Wälchlis zogen ab 1960 zu Tausenden in die Region. Basel war ein Zentrum für SBB, PTT, Zoll. Die Bundesbetriebe riefen nach Arbeitskräften – und sie kamen aus der ganzen Schweiz.

Die Bähnler, Pöstler, Zöllner brauchten Wohnungen. Auf dem Sternenfeld, dem ehemaligen Basler Flughafen, hatte es Platz, und so zogen die Baugenossenschaften der Bundesbetriebe innerhalb von wenigen Jahren Dutzende von Wohnblöcken hoch. Der berühmteste Spross des Sternenfelds: SBB-Chef Andreas Meyer, aufgewachsen im sogenannten «Bähnler-Block».

Die Zuzüger vom Land nahmen ihr Dorf gleich mit. Wälchli weiss das. Der Quartierverein organisiert jeden Sommer die Ländlerchilbi. Dann sitzen die Sternenfelder auf Klappbänken und hören zu Wurst und Brot Manne in geblümelten Hemden zu, die auf einer Bühne sitzen und Schwyzerörgeli spielen.

Die Alpwiese im Kopf

Das passt ins Erklärungsmuster von Politologen, die das Ergebnis analysierten. Viele Agglomerationsbewohner hätten eine Alpwiese im Kopf, mutmasst etwa Michael Hermann. Sie fühlen sich auf dem Land, aber wenn sie vor die Tür treten, dann ist es dort immer mehr wie in der Stadt. Darum haben sie für die Abschottung gestimmt.

Abgeschottet ist das Sternenfeld bereits wegen seiner Lage. Christof Hiltmann hat das nie gestört. Der Birsfelder Gemeindepräsident ist im Sternenfeld aufgewachsen. Er beschreibt es wie eine Oase. «Es hatte alles: Kameraden zum Spielen, der Fussballclub in der Nähe, einen Skiclub und Einkaufsmöglichkeiten.» Als Kind von Eltern aus der Region sei er gerade im Skiclub ein Exot gewesen. «Das Sternenfeld ist ein Little Innerschweiz», scherzt Hiltmann.

Für das Abschneiden seiner Gemeinde hat Hiltmann keine pfannenfertigen Erklärungen parat. Sein Ansatz: Birsfelden, gerade das Sternenfeld, kenne wegen des hohen Ausländeranteils nicht nur die positiven Seiten der Immigration. «Die neuen Nachbarn sprechen kein Deutsch. Der Verein hat immer weniger Mitglieder. Das verunsichert. Viele haben dann wohl bei der Abstimmung diesem Gefühl Ausdruck verliehen, indem Sie sich für Selbstbestimmung und Begrenzung entschieden.»

Herr Wälchli, zum letzten Mal: Wo waren Sie am Nachmittag des 9. Februars 2014?

«Och, ich habe Dario Colognas Goldlauf in Sotschi geguckt und immer wieder mal ins Abstimmungsstudio gezappt. Ach ja, der Quartierverein ist politisch neutral. Ich weiss doch gar nicht, was die Mitglieder stimmen.»

Im Kindergarten trainieren Betagte

Walo Wälchli steht nun vor dem Hauseingang und zeigt auf den Hof eines ehemaligen Kindergartens, in dem sich die Spitex eingemietet hat. Wo früher Kinder spielten, stehen nun Stangen mit Plastikscheiben herum. Sie sehen aus wie riesige Ohrläppchen. Betagte könnten hier trainieren, zu sehen ist aber niemand.

Die Überalterung ist ein Problem für das Quartier – ein weiteres Problem. Spätestens hier zeigt sich: Das Sternenfeld ist eine kleine Schweiz. Oder aber die Schweiz ein grosses Sternenfeld.