Der Birsfelder Jürg Wiedemann ist sowohl einer der eifrigsten und engagiertesten als auch einer der umstrittensten Politiker im Baselbieter Landrat. Durch seine Unterstützung für die Freisinnige Monica Gschwind bei den Regierungswahlen 2015 provozierte er seinen Ausschluss aus der Grünen Partei. Der 55-jährige Sekundarlehrer ist als Kopf des Komitees Starke Schule Baselland massgeblich dafür verantwortlich, dass im Baselbiet breit und kritisch über die Reformen im Bildungswesen der vergangenen Jahre diskutiert wird. Wiedemann empfängt die bz zum Gespräch in seinem Haus in Birsfelden, in dem auch das Büro der Starken Schule, des Zusammenschlusses von Eltern und Lehrern, untergebracht ist. Bei Wiedemann ist Leben, Arbeiten und politisches Engagement nicht voneinander trennbar.

Jürg Wiedemann, die Bildungspolitik ist im Baselbiet ein Riesenthema, das oft emotional und ideologisch diskutiert wird. Weshalb?

Jürg Wiedemann: Mit Einreichung der Standesinitiative zur Harmonisierung des Schweizer Bildungssystems (Harmos) war der Kanton Baselland federführend. Dieses Anliegen habe ich damals unterstützt, mit dem Ziel, Mobilitätsschranken abzubauen. Familien sollten den Wohnort von A nach B wechseln können, ohne dass ihre Kinder in der neuen Schule Schwierigkeiten erhalten. Was nun aber unter dem Deckmantel von Harmos realisiert werden soll, ist etwas ganz anderes: Der Lehrplan 21 ist unter Ausschluss des Meinungsbildungsprozesses der Schulen im stillen Kämmerlein ausgearbeitet worden. Federführend war ein Kabinett, die Erziehungsdirektorenkonferenz, die ohne Auftrag und Legitimation einen Lehrplan mit einer völlig neuen Ideologie erarbeiten liess und jetzt den Schulen aufzwingen möchte. Interne kritische Stimmen wurden mundtot gemacht.

Sie und Ihr Komitee Starke Schule sind mitverantwortlich für die Ideologisierung der Bildungspolitik – auch weil Sie selbst zu bildungspolitischen Details Volksinitiativen lancieren. Der 5. Juni bildet erst den Auftakt zu weiteren Initiativen aus dem Haus der Starken Schule.

Das politische System der direkten Demokratie beinhaltet das Recht, Initiativen zu lancieren und damit eine Volksabstimmung zu erzwingen. Die Starke Schule hat von diesem legitimen Recht Gebrauch gemacht und mehrere Initiativen lanciert und im Landrat politische Vorstösse eingereicht. Wichtig zu betonen ist: Eine Vielzahl der Anliegen fand im Parlament auch eine Mehrheit. Wären wir nicht überzeugt, dass wir mit unseren Anliegen Mehrheiten erzielen können, würden wir kaum so viele Anliegen lancieren. Für eine Initiative auf der Strasse Unterschriften zu sammeln, ist kein Zuckerschlecken.

Für Laien ist es schwierig, im Begriffs-Dschungel der Bildungspolitik den Durchblick zu behalten. Was soll bei Harmos falsch gelaufen sein?

Das Harmos-Konkordat verlangt eine Angleichung der kantonalen Lehrpläne. Der Lehrplan 21 geht jedoch deutlich weiter. Er enthält rund 3500 meist abstrakte, kaum umsetzbare Kompetenzbeschreibungen, die jede Lehrperson anders interpretieren kann. Massgebend sind nicht mehr Inhalte und Themen, die für einen reibungslosen Schulwechsel entscheidend wären. Die Schulen driften mit diesem Lehrplan auseinander. Die Schulkinder werden normiert und gleichgeschaltet. Das ist ein überholtes Gesamtschulkonzept ohne differenzierte Leistungsprofile, die den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Jugendlichen gerecht werden. Die Kinder werden über denselben Kamm geschert. Wir wünschen uns einen Lehrplan, der für jedes Fach klar definiert, welche Inhalte in jedem Schuljahr behandelt werden.

Alle Schüler würden im Lehrplan 21 über denselben Kamm geschert. Wie meinen Sie das?

Zentral wäre, die spezifischen Stärken der Jugendlichen zu fördern. Es bringt wenig, von den Sekundarschülern des Leistungsniveaus A dieselbe Herangehensweise an theoretisches Wissen zu fordern wie von P-Schülern, die später eine akademische Laufbahn einschlagen möchten. Jugendliche im Profil A verfügen oft über starke handwerkliche Fähigkeiten. Werken, Bildnerisches Gestalten motivieren viele mehr als kopflastige Fächer. Diese Stärken gilt es auch im Hinblick auf die Berufswahl zu fördern. Der Lehrplan 21 macht dies nicht, er wirft alle Jugendlichen in denselben Topf. Er degradiert zudem die Lehrpersonen zu Lerncoachs, die kaum mehr einen fundierten Unterricht erteilen, sondern die Jugendlichen vorwiegend betreuen und kontrollieren. Die Unterrichtsqualität nimmt unweigerlich ab. Damit kratzen wir ohne Not an unserem bewährten Bildungssystem, dem die Schweiz den Wohlstand verdankt.

In der Abstimmung vom 5. Juni geht es aber zumindest vordergründig «nur» um eine Kompetenzverschiebung: Abschliessend über den Lehrplan 21 soll der Landrat und nicht der Bildungsrat entscheiden. Weshalb?

Der 14-köpfige Bildungsrat kann heute einen Lehrplan völlig autark und abschliessend beschliessen – ohne die Meinung von Fachexperten und Pädagogen berücksichtigen zu müssen. Stimmt das Baselbieter Volk am 5. Juni Ja zur Bildungsvorlage «Einführung Lehrplan 21», so wird sich der Bildungsrat mit den Schulen und der landrätlichen Bildungskommission absprechen und einen ausgewogenen, gesellschaftlich und schulpolitisch mehrheitsfähigen Lehrplan präsentieren müssen.

Weshalb braucht es denn ein zweites Gremium, das über diesem Lehrplan brütet? Eines reicht völlig!

Wenn zusätzlich zum Bildungsrat auch die Bildungskommission des Landrates als Zweitgremium einen Lehrplan nochmals unter die Lupe nimmt und Schwachstellen eruiert, dann wird das Endprodukt besser. Die Mehrheit der Mitglieder des Bildungsrates haben beruflich wenig bis nichts mit Schulbildung zu tun. Sie haben aufgrund der Komplexität des Lehrplans 21 verständlicherweise Schwierigkeiten, beurteilen zu können, ob dieser umsetzbar ist oder nicht. Kürzlich zeigte sich dies deutlich während einer Medienkonferenz des Bildungsrates: Die Fragen der Journalisten zum Lehrplan 21 konnten die Bildungsräte nur mit grosser Mühe und wenig fundiert beantworten.

Erst recht wird dann doch das Volk Mühe haben, über ein derart kompliziertes Konstrukt wie den Lehrplan 21 zu entscheiden. Darüber kann doch nicht ernsthaft eine öffentliche Diskussion geführt werden. Da stimmt die Flughöhe nicht. Überlassen wir das den Fachleuten.

Der Einbezug von Fachleuten, die auf Bildungsfragen spezialisiert sind, ist eminent wichtig. Genau das ist unsere Forderung. Deshalb sollte das Milizgremium Bildungsrat nicht abschliessend entscheiden.

Weshalb schafft man da nicht gleich diesen ausserparlamentarischen Bildungsrat ab? Im Landrat ist jüngst ja ein Vorstoss aus der FDP überwiesen worden.

Den Bildungsrat ersatzlos abzuschaffen, fände ich nicht sinnvoll. Die Bildung ist der wichtigste Rohstoff der Schweizer Wirtschaft. Angesichts der riesigen Bedeutung ist es sicher nicht verkehrt, wenn sich mit dem Bildungsrat und der Bildungskommission zwei politische Gremien mit Bildungsfragen beschäftigen. Allerdings sollten die Aufgaben und Kompetenzen des Bildungsrates überprüft werden. Regierungsrätin Monica Gschwind will in diese Richtung zielen.

Zur Sammelfächer-Vorlage: Was soll an Sammelfächern falsch sein?

Sammelfächer führen dazu, dass angehende Lehrpersonen viel mehr Einzelfächer studieren müssten, um weiterhin drei Unterrichtsfächer erteilen zu können und das in kürzerer Ausbildungszeit. Sekundarlehrpersonen würden so zu Allroundern, die von vielem etwas und von nichts eine fundierte Ahnung haben. Die Unterrichtsqualität nähme zwangsläufig ab. Nehmen wir das bereits bestehende Lehrmittel «Urknall» zur Hand, das Lehrmittel für «Natur und Technik», das der Sammelfächer-Konzeption folgt. In den vier Bänden gibt es wenige wirkliche Vernetzungen. Die Themen der Physik, Chemie und Biologie wechseln sich schön der Reihe nach ab. Die Realität sieht so aus, dass weiterhin Einzelfächer unterrichtet werden. Im heutigen Fach «Biologie mit Chemie» trennen die Lehrpersonen mehrerer Sekundarschulen diese beiden Fächer in der Regel sogar nicht nur inhaltlich, sondern auch stundenplanmässig.

Dann spielt es erst recht keine Rolle, ob die Sammelfächer kommen.

Heute ist kaum eine Lehrperson befähigt, die Fächerkombination Biologie, Physik, Chemie zu unterrichten. Oder auch die Kombination Geschichte, Geografie. Wechseln wir zu Sammelfächern, müssten die Lehrpersonen eine intensive Weiterbildung absolvieren, um mit der gleichen Qualität und Tiefe unterrichten zu können. Dies würde Millionen kosten, die der Steuerzahler berappen müsste. Weil das kaum finanzierbar ist, sind Weiterbildungen im Umfang von zehn Tagen geplant. Das ist weniger als ein Fünfzigstel einer heutigen regulären Ausbildung an der Universität. Diese Schnellbleiche macht offensichtlich, dass die Unterrichtsqualität leiden würde mit schleichenden negativen Langzeitfolgen: Die Folgekosten im Sozialbereich werden anwachsen, wenn mehr Jugendliche den Wechsel in die Berufswelt nicht schaffen und zum Sozialfall werden.