Die präsaisonale Brunftzeit, in der sich 12- bis 42-Jährige in Ganzkörper-Plüschanzügen eine Woche lang schiefe Guggenmusik anhören und dabei unverhältnismässig viel Grünen Frosch wegbechern. So reden die Leute von Fasnacht, die Fasnacht verstehen. Ich sage nicht, dass sie damit Unrecht haben. Es gibt durchaus einige Kritikpunkte, die man zu dem Spektakel äussern könnte: Die 250 Tonnen Fasnachtsabfälle, die pro Durchführung anfallen, zum Beispiel. Oder die tagelange Lärmbelästigung und der durch Umzugsrouten lahm gelegte Verkehr. Zusätzlich stellt sich seit der #MeToo-Debatte auch die Frage, ob man Zuschauerinnen überhaupt noch stopfen oder in den Badewannen einreiben darf.

Aber all den kritischen Stimmen zum Trotz findet sie auch dieses Jahr wieder statt. Fasnacht in beiden Halbkantonen. Und hierbei zeigt sich der Unterschied zwischen Stadt und Land in seiner ganzen rural-suburbanen Ausdehnung. In der Stadt ist die Fasnacht Unesco-Weltkulturerbe. Morgestraich, Schnitzelbängg, Pfyfferli, Laternenausstellung auf dem Münsterplatz, Blaggedde, Cortège. Dort hat die ganze Veranstaltung System, ist zeitlich geplant und nach Massstäben geregelt. Und wehe, jemand kommt mit einer roten Clownnase zum Umzug. Oder ein Waggis lüftet seine Larve. Oder wagt, keine weissen Handschuhe zu tragen. Dann gnade ihm die Alti Dante.

Die ländlichen Fasnächtler dagegen lassen sich kaum etwas von irgendjemandem vorschreiben. Noch nicht mal die Promille-Limite der eigenen Lebertätigkeit. Auf dem Land ist die Fasnacht ein einziges Fest. Ein dröhnender, hochprozentiger, konfettiverzierter Rausch, der nach Mimosen und Traktor-Abgasen riecht. In der Stadt nimmt man die traditionellen Werte der Fasnacht ernst. Es ist sozusagen die englische Tea Time der Basler. Auch auf dem Land pflegt man Traditionen, wenn auch solche mit anderen kulturellen Schwerpunkten. So gibt es gerade an der Fasnacht im Waldenburgertal das ungeschriebene Gesetz: Während dem Guggenkonzert am Dienstagabend hat sich jedes Jahr ein/e Vertreter/in aus den Jahrgängen der amtierenden Sekundarschüler/innen mit Traubenschnaps zu betrinken und hinterher in die WB zu kotzen. Das funktioniert jedes Jahr. Ohne Absprache. Nehmt das, ihr drey scheenschte Dääg.

Allem voran ist Fasnacht eine Zeit der Begegnungen. In den Pulks von Verkleidungsenthusiasten trifft man Freunde und Bekannte, lässt sich von schelmisch grinsenden, sechsjährigen Piraten mit Konfetti bewerfen, tanzt zusammen zu Gugge-Arrangements und klagt darüber, wie kalt einem ist, obwohl man extra ein Unterhemd und Skisocken angezogen hat. Und ja, die Umweltverschmutzung, die Alkoholleichen, die C02-Emissionen der Zugfahrzeuge, das alles ist auch Bestandteil der Fasnacht. Aber Fasnacht ist auch noch so viel mehr als das.

Fasnacht ist der Fluchtreflex, der durch meinen Körper feuert, wenn ich jemanden in Zoggeli über Teerboden und in meine Richtung laufen höre.

Fasnacht ist der Sprung unter die heisse Dusche, um zwischen nachmittäglichem Umzug und abendlichem Um-die-Häuser-ziehen den unterkühlten Körper wieder an 37° zu klimatisieren.

Fasnacht ist aber auch, knöchelhoch durch ein Meer von feuchtem Konfetti, geplatzten Orangen, geköpften Wurfblumen, zerschlagenem Glas und zertretenen Süssigkeiten zu waten und dabei nichts anderes zu verspüren, als Euphorie über das gelungene Volksfest.

Und manchmal ist Fasnacht auch nur eine mit Magensäure durchsetzte Schnapspfütze auf einem WB-Sitzpolster.

 

*Die 19-jährige Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.