Ein Auto taucht auf. Und noch eines. Und noch eines. Als Krönung braust ein Lieferwagen vorbei. Wie kam der überhaupt an den engen Stellen vorbei?

Im Hagnau-Tunnel findet eine Operation am offenen Herzen statt. Im Halbrund wird gebohrt, geschliffen, gehämmert und gefräst, meist bei laufendem Betrieb. Von zwei Fahrspuren ist jeweils eine geöffnet, die andere gesperrt. Nur kümmert das längst nicht alle Autofahrer. Das führt zu Begegnungen der unangenehmen Art. Dann helfe, erzählt ein Bauarbeiter, häufig nur noch eines: der beherzte Sprung zur Seite.

Wieder spuckt die gesperrte Handwerkergasse ein fehlgeleitetes Auto aus. Es ist Fahrzeug Nummer fünf – und das innert weniger Minuten. Jetzt wird es auch Hanspeter Hofmann zu bunt. Der Bauleiter greift zum Telefon, weist die Kollegen an, die Hindernisse vor dem Tunneleingang noch enger zu stellen. Und vor allem: auf der Hut zu sein. «Verkehr ist wie Wasser», sagt Hofmann. «Er sucht sich immer den kürzesten Weg.»

Der kürzeste Weg, das ist nicht automatisch auch der schlauste. Aber schlau sind nicht alle, die sich hinters Steuer setzen dürfen. Es wird noch so manches Warntelefon notwendig sein. Hofmanns Arbeitgeber ist das Astra, das Bundesamt für Strassen. Das Erhaltungsprojekt Schänzli, wie das Vorhaben offiziell heisst, ist eine der komplexesten Baustellen, die das Astra gerade beschäftigt. Drei Tunnelröhren – die beiden des Schänzli-Tunnels und diejenige des Hagnau-Tunnels – werden saniert, ebenso alle Zufahrten samt Brücken und Rampen.

Die Sache mit der Stauwurzel

Was das bedeutet: fünf Jahre lang Sperrungen, Verengungen, Umleitungen und immer wieder Tempo-Reduktionen – das alles bei einem der wichtigsten Autobahndrehkreuze der Schweiz. Schänzli- und Hagnau-Tunnel verknüpfen die A18 mit der A2. Die A18 ist die Pendlerachse der Nordwestschweiz, die Verbindung des Birs-, Leimen- und Laufentals zum Rest der Welt. Pro Werktag benutzen den Abschnitt Schänzli gegen 70 000 Fahrzeuge. Bei der kleinsten Störung stockt der Verkehr, es geht nicht mehr weiter. Das war schon im Normalbetrieb nicht anders. Beim Astra gibt es einen Begriff für solche Flaschenhälse: Stauwurzel.

Der Startschuss für die Schänzli-Sanierung war im April 2017. Geht alles nach Plan, ist sie bis Ende 2021 abgeschlossen. Die Tunnel haben 40 Jahre auf dem Buckel. Das Astra nutzt die Revisionen, um im gleichen Zug auch andere Stellen auszubessern. Insgesamt erneuert der Bund 10 Kilometer Nationalstrassen-Trasse, dazu gehören rund 70 Kunstbauten, also Brücken, Über- und Unterführungen, aber auch Stützmauern, Ölrückhaltebecken sowie die Überwachung, die Beleuchtung und die Belüftung.

Den Kanton kostets nichts

Insgesamt verschlingen die Arbeiten rund eine Viertelmilliarde Franken. Die Rechnung begleicht der Bund. Was nur wenige wissen: Der gesamte Baustellenperimeter befindet sich in Bundesbesitz, er gehört zur A2. Gebaut wird von der Verzweigung Hagnau bis zum A18-Anschluss Muttenz Süd. Bei der Einfahrt in die Hagnau zieht das Astra auf Birsfelder Seite eine neue Brücke hoch. Das Ziel der Planer: In Richtung Hagnau-Tunnel den Verkehr entflechten, damit er das – anders als heute – möglichst nicht mehr selbst erledigt.

Der Hagnau-Tunnel ist einer der eindrücklichsten Bauplätze des Instandstellungsprojekts. Wenn nicht gerade saniert wird, nehmen die meisten das Bauwerk gar nicht richtig wahr. Der Tunnel ist nur rund 30 Meter lang, und zwischen ihm und dem Schänzli-Tunnel gibt es eine Lücke, die jedoch mit Metallplatten überdeckt ist. Wer von Basel herkommend auf die A18 in Richtung Delémont einfährt, hat den Eindruck, eine einzige dunkle Röhre zu durchqueren.

Fahrt durch den Hagnau-Tunnel

Fahrt durch den Hagnau-Tunnel

Albtraum für alle mit dem «L»

Eine gefährliche Röhre. Der Hagnau-Tunnel ist ein Unfall-Hotspot. Fahrlehrer nutzen ihn als eine Art Generalprobe: Wer ihn ohne Blechschaden und Schweissausbrüche meistert, ist parat für die Prüfung. Da wäre zum einen die Tunnelzufahrt. Wer von Basel auf der A2 in Richtung Delémont abzweigt, gerät zuerst auf eine 270-Grad-Linkskurve. Dann erscheint das Tunnelportal. Innert weniger Meter müssen die Fahrzeuge auf der Spur rechtsaussen in die mittlere wechseln.

Sekunden später folgt schon die nächste brenzlige Stelle: die berühmt-berüchtigte Ausfahrt Muttenz-Nord: Sie führt von der Überholspur in einer engen Kurve nach links. Mittlerweile gibt es Aufpralldämpfer vor der Tunnel-Scheidewand – aus gutem Grund.

Vier Spuren müssen offen bleiben

Eine Verkehrsführung wie im Hagnau-Tunnel würde heute kaum mehr bewilligt. Das weiss auch das Astra. Um die Situation zu entschärfen, wollte es eine dritte Fahrspur in die Röhre pressen, doch dafür war sie zu eng. Jetzt wird der Tunnel komplett abgetragen und neu gebaut. In Zukunft wird er drei Fahrstreifen haben – die Links-Abbieger nach Muttenz erhalten eine eigene Spur.

Die neue Verkehrsführung im Tunnel Hagnau. Der Tunnel wird im Rahmen der Instandstellung Schänzli (A2/A18) vom Bundesamt für Strassen (Astra) abgebrochen und neu gebaut.

bz Tunnel Hagnau

Die neue Verkehrsführung im Tunnel Hagnau. Der Tunnel wird im Rahmen der Instandstellung Schänzli (A2/A18) vom Bundesamt für Strassen (Astra) abgebrochen und neu gebaut.

Die grösste Herausforderung für die Bauleitung des Erhaltungsprojekts: Fahrstreifen-Reduktionen sind nicht erlaubt. Der Verkehr darf nicht durchsickern, soll nicht auf Muttenz und Basel ausweichen. So schreibt es das Astra vor. «An dieser Stelle erträgt es nichts», sagt Hofmann. «Das heisst: Pro Fahrtrichtung müssen immer zwei Fahrspuren geöffnet sein, zumindest tagsüber und unter der Woche. Nur in der Nacht und an den Wochenenden können wir die Tunnel komplett sperren.» 

Fahrt durch den Bypass A18-A2

Fahrt durch den Bypass A18-A2

Pendler sind ein wenig stur

Nach jeder Änderung bei der Linienführung braucht es laut Hofmann etwa ein bis zwei Wochen, bis sich die Verkehrsteilnehmer an die neuen Wege gewöhnt haben: «Autofahrer sind Gewohnheitstiere. Gerade bei den Pendlern braucht es nochmals mehr Zeit: Sie fahren eine Strecke Tag für Tag, manchmal jahrelang, und so verabschieden sie sich nur ungern von den gewohnten Pfaden. Ab und zu müssen wir nachhelfen – etwa, indem wir auf der betroffenen Spur zusätzliche Signale aufstellen.» Gewohnheitstiere waren es wohl auch, die im Hagnau-Tunnel die den Handwerkern vorbehaltene Gasse benutzten. Die neue Verkehrsführung gilt dort seit dem 15. August.

Dabei gäbe es eine Alternative in Fahrtrichtung Delémont, damit – wie vorgeschrieben – immer zwei Fahrspuren zur Verfügung stehen, zumindest tagsüber. Die Ersatzspur führt zum anderen Schänzli-Tunnel, zu jenem, der in die Gegenrichtung führt. Weil dort aber auch eine Spur wegfällt und die ebenfalls zu kompensieren war, musste sich das Astra etwas einfallen lassen. Die Lösung ist spektakulär: Mehrere Hilfsbrücken, samt provisorischen Auf- und Abfahrten. Der Bypass führt über das Areal zwischen Birs und Muttenz-Donnerbaum.

Zwar müssen die Autos und Lastwagen, die den Bypass benutzen, zwei äusserst enge Kurven fahren, die Strecke ist z-förmig. Dafür hat die Hilfsbrücke zwei Vorteile: Sie bietet eine schöne Aussicht. Und es kann sich hier niemand verirren.