Pratteln fühlt sich ausgegrenzt. Trotz einer wachsenden Bevölkerung und vielen Arbeitsplätzen halten in der Gemeinde keine Schnellzüge. An Werktagen nutzen im Schnitt 9500 Passagiere den Prattler Bahnhof. Nur Liestal kann diese Zahl im Kanton Baselland noch toppen.

Immer wieder bemühte sich Pratteln deshalb um Anerkennung durch Bund und SBB und um einen Platz im Fernverkehrsnetz. Auch Gelterkinden fordert seit Jahren eine weitere Schnellzugverbindung, im Gegensatz zu Pratteln erfolgreich. Die SBB sehen in ihrem Ausbaukonzept 2025 eine zusätzliche Verbindung in Richtung Zürich vor.

Bei den Prattlern löst diese Haltepolitik grosses Unverständnis aus. Denn in Gelterkinden steigen an Werktagen rund 4000 Passagiere weniger ein als in Pratteln. «Es ist faktisch und logisch nicht nachvollziehbar, warum die Prattler Wohnbevölkerung seit Jahren ignoriert und aufs Nebengleis gestellt wird.» So heisst es in einer Resolution vom Prattler Einwohner- und Gemeinderat, die einen Schnellzughalt in der Gemeinde fordert. Dem stehen jedoch einige Hindernisse im Weg.

Der Bund hat den Lead

Federführend bei der Ausgestaltung des Fernverkehrsnetzes sind die SBB. Allerdings sind sie dabei eingeschränkt durch Richtlinien des Bundesamts für Verkehr (BAV). Diese Richtlinien basieren auf einer Wegleitung, die das BAV im Jahr 2016 herausgegeben hat. Darin sind die Grundsätze, Ziele und Kriterien des Fernverkehrsnetzes festgelegt.

Dessen primäre Aufgabe ist es, die wichtigsten Knotenpunkte im Land miteinander zu verbinden und diese an die internationalen Verkehrsachsen anzubinden. Schweizer Städte werden gemäss der Wegleitung in drei Kategorien eingeteilt: Metropolitane Zentren wie Basel, Zürich oder Bern gehören in die Kategorie A; Gross- und mittelstädtische Zentren wie Thun oder Chur sowie Landesflughäfen in die Kategorie B; Tourismuszentren und kleinstädtische Zentren wie Liestal oder Aarau in die Kategorie C. Die Letzteren spielen in der Planung eine untergeordnete Rolle.

Liestal hat nun das Pech, nicht als «einwohnerstarke Agglomeration» zu gelten. Diese Einzugsgebiete mit über 70'000 Einwohnern werden in die Kategorie B hochgestuft und erhalten mehr Schnellzughalte. So kommt es, dass die Zugverbindungen der Kantonshauptstadt keine Selbstverständlichkeit sind. Die Kategorisierung in A-, B- und C-Zentren schliesst kleinere Gemeinden jedoch nicht aus: Diese können gemäss Wegleitung bedient werden, «sofern sie an einer Fernverkehrs-Linie liegen und betrieblich machbar sind», heisst es in der Wegleitung. Dies ist aktuell in Sissach, Laufen und Gelterkinden der Fall.

Die Passagierzahlen der acht grössten Bahnhöfe im Kanton Baselland

Die Passagierzahlen der acht grössten Bahnhöfe im Kanton Baselland

Der Fahrplan gibt den Takt an

Die Frage bleibt offen, weshalb Pratteln keinen Schnellzughalt hat. Eva Juhasz, Leiterin der Abteilung öffentlicher Verkehr des Kanton Baselland, weiss mehr: «Ein- und Aussteigerzahlen sind nicht allein massgeblich», erklärt sie. «Eine Rolle spielt beispielsweise auch das S-Bahn-Angebot, das in Pratteln deutlich grösser ist als in Gelterkinden.» Ausserdem habe Gelterkinden eine zentrale Bedeutung für die Erschliessung der umliegenden Täler, erläutert Juhasz.

Bei der Auswahl von Fernverkehrshalten spielen neben der Erschliessungsfunktion eines Bahnhofs auch technische Faktoren eine Rolle. Unter anderem sind die Länge der Perrons, die Beschleunigungsfähigkeit der Fahrzeuge sowie die Verfügbarkeit der Trassen relevant.

Stimmen die Voraussetzungen, steht einem Schnellzughalt noch eines im Weg: der Fahrplan. «Züge müssen über die gesamte Strecke ins Fahrplangefüge passen», erklärt Christian Ginsig, Mediensprecher bei den SBB. Kommt ein Zug ein paar Minuten zu spät im Bahnhof Basel an, hat das Auswirkungen auf alle anderen Züge. «Die Fahrpläne sind meist schon lange im Voraus bis auf die Minute genau geplant», so Ginsig. Kurzfristige Änderungen sind also nicht möglich. Diese Einschränkungen durch den Fahrplan spielen auch im Fall von Pratteln eine Rolle.

Die Kantone haben jedes Jahr die Möglichkeit, Anträge zum neuen Fahrplan zu stellen. Ebenso können sie sich in der Gestaltung der Fernverkehrskonzession einbringen. Darin wird festgelegt, welche Züge wo halten. «Der Kanton Baselland hat in den letzten Jahren mehrfach Halte von Fernverkehrszügen unter anderem in Gelterkinden und Pratteln gefordert», erklärt Juhasz.

Der Bahnhof Pratteln werde immer mehr zum regionalen Umsteige- und Verkehrsknotenpunkt, schrieb der Kanton zum Fahrplanentwurf 2017. «Ob die Anträge und Wünsche umgesetzt werden, entscheiden der Bund und die SBB. Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind somit sehr begrenzt», so Juhasz.

Erst diesen Frühling äusserte sich die Regierung negativ zu zwei Vorstössen, die eine bessere Anbindung des Baselbiets an die Zentren forderte. «Der Regierungsrat strebt die Verdichtung der S-Bahn-Züge und schlanke Anschlüsse an den Fernverkehr in Basel, Olten und Biel an», heisst es in der Stellungnahme. Der Landrat liess sich jedoch nicht so einfach abspeisen und bestand darauf, dass die Kantonshauptstadt nicht abgehängt wird. Die Prattler warten mittlerweile auf eine Antwort des BAV auf ihre Resolution. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Schnellzüge nicht mehr am Städtchen vorbeirasen.