Wie eine Umfrage der bz bei mehreren Gemeinden zeigt, wollten diese nicht ausharren, bis der Kanton seine künftige Alterspolitik in einem Leitbild festhält (siehe Kasten). «Der politische Druck war bei uns gross. Hätten wir auf den Kanton gewartet, wären wir noch nirgends», sagt etwa Mark Wyss, stellvertretender Leiter der Abteilung Soziale Dienste und Gesundheit in Allschwil. Auch in Binningen hat man das Heft selbst in die Hand genommen: «Bei Altersfragen haben wir uns bereits grosses Wissen angeeignet. Auf das kantonale Leitbild sind wir nicht angewiesen», sagt Gemeindeverwalter Olivier Kungler.

Der Muttenzer Gemeinderat Hanspeter Ruesch sagt ebenfalls, dass man bereits «voll am Umsetzen» sei. Seine Vermutung: «Das Leitbild bringt wohl eher den kleinen Gemeinden etwas.» Diese könnten von den Empfehlungen des Kantons durchaus profitieren, da sie sich weniger auf ausgeprägte eigene Strukturen verlassen könnten. Wyss geht diesbezüglich noch weiter: «Das grösste Problem ist fehlendes Fachwissen. Gerade kleinere Gemeinden kann die immer komplexer werdende Alterspolitik überfordern.» Dies vor allem, wenn es um die konkrete Umsetzung von Massnahmen ginge.

Kleinere Gemeinden selbstsicher

Da kann der Zwingner Gemeindepräsident Benno Jermann nur lachen: «Mit unserer Alterssiedlung sind wir beim Motto ‹ambulant vor stationär› sogar Vorreiter.» Die zwölf Wohnungen seien bereits vor zwanzig Jahren gebaut worden. Im Gegensatz zum Grossteil der Baselbieter Gemeinden kann Zwingen zwar kein eigenes Alterskonzept vorweisen. Laut Jermann sei dies auch gar nicht nötig, da man die Überzeugung, die Menschen so lange wie möglich zu Hause zu behalten, auch so verinnerlicht habe.

Dass vor allem kleinere Gemeinden vom Leitbild profitieren, kann Paul Richener nicht unterschreiben. Der Gemeindepräsident von Nusshof glaubt nicht, dass es seiner Gemeinde nutzt: «Bei unseren 229 Einwohnern ist die individuelle Betreuung noch wichtig. Wir wissen, wenn jemand Hilfe braucht. Dann suchen und finden wir eine Lösung. Dafür brauchen wir nicht den Kanton.» Mit dem Anschluss an das Sissacher Altersheim und die dortige Spitex sei man auch infrastrukturell gut aufgestellt. Richener fragt sich eher, ob sich die Kosten gelohnt haben, das Leitbild am kantonalen runden Tisch für Altersfragen auszuarbeiten.

Warten auf konkrete Massnahmen

Der Allschwiler Wyss sagt dazu bewusst provokativ: «Statt des Altersleitbilds könnte man auch einfach ein gutes Sachbuch zum Thema lesen.» In der nun laufenden Vernehmlassung dürfte das Konzept dennoch kaum komplett infrage gestellt werden. Sämtliche Befragten anerkennen, dass der Kanton damit seiner Verpflichtung nachkommt, die Alterspolitik koordinieren zu wollen. «Das ist auch dringend nötig, da momentan vor allem im Unterbaselbiet jeder für sich neue Altersheime baut, ohne auf den Nachbarn zu schauen», sagt der Muttenzer Gemeinderat Ruesch. Er befürchte deshalb eine Überproduktion an Heimbetten. Für viele ist letztlich entscheidend, was der Kanton mit dem Leitbild macht, wie Hanspeter Meier von den Grauen Panthern betont: «In vielen Gemeinden sind Leitbilder nur schönes Papier. Beim Kanton werden wir besonders darauf achten, ob es auch wie angekündigt in konkrete Massnahmen mündet.»