Helmut Dörr liess die Katze gleich aus dem Sack und erntete spontanen Applaus der rund hundert Bürgerinnen und Bürger im Saal. Dörrs Gutachten bestätigt, was die Grenzacher und Wyhlerinnen hören wollen: Es ist nachhaltiger, den Schweizer Industriemüll aus der Kesslergrube auszuheben und abzutransportieren, als ihn vor Ort im Boden einzumauern.

Roche hat sich auf dem Perimeter I für den Aushub entschieden, BASF will dagegen auf dem Perimeter II die Deponie mit einer unterirdischen Mauer einkapseln und eindringendes Rheinwasser laufend abpumpen. «Beide Varianten sind nach deutschem Gesetz zulässig», erläuterte Bürgermeister Jörg Lutz zu Beginn der Veranstaltung. «Wenn BASF den Dreck drin lässt, holt er uns später immer wieder ein», fasste dagegen ein betagter Bürger vor der Veranstaltung die Ängste zusammen.

Langzeitszenario überzeugt

Dörr hat 29 Kriterien aus den drei Bereichen Umwelt und Ökologie, Wirtschaft sowie Soziales und Gesellschaft darauf hin bewertet, was die nachhaltigere Lösung sei. Bei zehn Aspekten hat der Aushub weniger negative Folgen, bei sieben die Einkapselung. Beim Rest waren beide Sanierungsformen gleichwertig oder die Kriterien zeigen keinen Einfluss. Im Langzeitszenario fällt das Ergebnis aber nicht nur 10:7, sondern sogar 12:5 zugunsten des Aushubs aus.

In den Bereichen Umwelt und Ökologie sowie Gesellschaft hat der Aushub die Nase deutlich vorn, während sich die Einkapselung als die wirtschaftlichere Variante erweist. Kurz: Mit der Einkapselung wird auf Kosten der Umwelt und der Gesellschaft gespart.

Das Gutachten hatte das Landratsamt Lörrach in Auftrag gegeben, BASF und die Gemeinde Grenzach-Wyhlen waren eingebunden. Die Bürgerinitiative (BI) «Zukunftsforum Grenzach-Wyhlen» forderte am Dienstag unmittelbar nach Dörrs Referat, dass das Landratsamt als Entscheidungsinstanz nun die Einkapselung neu bewerte. Und: «BASF, jetzt sei IHR dran – Totalaushub!»

Verwirrung um Grundlagen-Daten

Doch dafür hat BASF kein Musikgehör – im Gegenteil: «Einkapselung als nachhaltige Sanierungslösung bestätigt», betitelt BASF Schweiz gestern ihr Communiqué, denn nur in drei Punkten sei der Komplettaushub nachhaltiger. Zudem weise das Gutachten sachliche Fehler auf: So werde nur mit einem Aushub von 5 statt 10 Metern Tiefe gerechnet, es würden also zusätzliche 500 000 Tonnen Aushub anfallen und deshalb die Sanierung 16 statt nur acht Jahren dauern, teilt BASF auf Nachfrage mit. Auch habe Dörr nicht berücksichtigt, dass man dafür 10 Millionen Kubikmeter Grundwasser abpumpen müsste. Weiter rechne der Gutachter damit, dass man nur 30 Prozent des Aushubs thermisch behandeln müsste. Im benachbarten Roche-Perimeter seien es aber 100 Prozent.

Für diese Argumentation zeigt BI-Sprecher Manfred Mutter kein Verständnis: «Dörr hat die Nachhaltigkeit auf der Basis der von BASF und Roche vorgelegten Studien verglichen. Wenn BASF nun die Basisdaten anzweifelt, sagt das Unternehmen, dass sein eigenes Gutachten nicht stimmt.» Und im seit gestern auf der Website der Gemeinde Grenzach-Wyhlen aufgeschalteten Gutachten schreibt Dörr zu den BASF-Korrekturen: «Die richtiggestellten Grössen wurden bei der Bewertung der entsprechenden Kriterien zusätzlich benannt und bewertet.»

Ungeachtet dessen bleibt BASF dabei: «Die gesetzlichen Vorgaben werden durch das Sanierungsprojekt der BASF voll und ganz erfüllt. Die BASF hält deshalb an der Sanierungsvariante Einkapselung fest.»

Forderung an Behörden und BASF

Mutter, selbst Professor der Chemie und wie andere Mitglieder der BI in der Pharmabranche tätig, betont dagegen: «Wir fühlen uns in der Forderung nach einem Totalaushub bestätigt. Nur so ist die Folgenutzung des Areals und die Standortqualität von Grenzach gesichert.» Eine Einkapselung sei nur 400 Meter vom Dorfzentrum nicht vertretbar. Unter anderem deshalb sei auch der Gemeinderat Grenzach-Wyhlen einstimmig für den Totalaushub. «Ich hoffe, dass BASF nochmals die Vorteile einer Totalsanierung erwägt: ein Imagegewinn, wie ihn Roche erreicht, Akzeptanz in der Bevölkerung und ein deutlich wertvolleres Areal.»

Das Landratsamt Lörrach wollte gestern keine Stellung nehmen und verweist auf den 15. Mai, wenn BASF ihr Projekt präsentiert.