Herr Oberer, vor einem Jahr wurde viel über die Metzgete geschrieben. Braucht es jetzt wirklich noch ein 240 Seiten dickes Buch darüber?

Heiner Oberer: Wir sind uns durchaus bewusst, dass nicht ganz Europa auf dieses Buch gewartet hat. Aber: Wir wollen die Debatte um Fleischkonsum, Tierhaltung und unser Verhältnis zu Nutztieren weiterführen. Die Schlachtung hat etwas ausgelöst, das uns sehr überrascht hat. Dabei wollte man nur demonstrieren, wie es damals bei einer Hausmetzgete abgelaufen ist. Früher brauchte es für zwei Säue einen Störmetzger und einige Hausfrauen, die das Blut für die Blutwürste auffingen. Heute gibt es nicht nur Auflagen des Kantons. Es melden sich Tierschützer und Tierrechtler. Ein Pfarrer geisselt sich, um das Unrecht an den Schweinen zu sühnen. Rolf Häring, der Metzger, muss sich mit teils verletzenden Leserbriefen und anonymen Drohungen herumschlagen. Und die Metzgete zeigte ein langsam verschwindendes Handwerk.

Öffentliche Sauschlachtung in Sissach

Öffentliche Sauschlachtung in Sissach

Was steht denn im Buch?

Wir erzählen, wie es damals zur Metzgete und zum darauffolgenden Hype gekommen ist. Wir porträtieren die Hauptprotagonisten und zeichnen die Auseinandersetzung nach. So gab es zum Beispiel in den sozialen Medien Meinungsverschiedenheiten zwischen Tierschützern, die gegen die öffentliche Schlachtung in Sissach waren, und Veganern, die sagten: Man muss den Leuten zeigen, was wegen des Fleischkonsums mit den Tieren passiert. Weiter haben wir im Buch diverse Menschen rund um die Metzgete ein Kapitel schreiben lassen, etwa Nationalrätin Maya Graf oder Lukas Kilcher vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain. Ein Journalist erläutert zudem, wie die einzelnen Medien mit dem ausserordentlichen Ereignis umgingen. Wir betten den Anlass also auch historisch ein und bringen Schnitzelbängg über die Metzgete an der Sissacher und Basler Fasnacht 2018.

Und die Gegner der Metzgete?

Sie kommen natürlich vor. Ohne sie hätte die Metzgete nie dieses Echo gefunden. Wir Herausgeber bedauern sehr, dass Lukas Baumann, der den Anlass kritisierte, nicht für ein autorisiertes Porträt bereit stand. Wir würdigen ihn trotzdem. Beatrice Pfister, welche die Behörden mit Beschwerden und Strafanzeigen eindeckte, drohte uns mit juristischen Schritten, sollten im Buch ihre Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Die Organisatoren der Metzgete haben Pfisters Vergangenheit nie thematisiert. Vielmehr hat die engagierte Tierschützerin mit bewusst oder unbewusst ausgeteilten Seitenhieben in den Medien vergangen Geglaubtes wieder ans Tageslicht gezerrt. Nach einem juristischen Hin und Her haben sich die Herausgeber entschieden, einen von ihr autorisierten Text, der ihren Widerstand gegen die Metzgete dokumentiert, zu veröffentlichen.

Öffentliche "Hausmetzgete" zweier Schweine in Sissach

Öffentliche "Hausmetzgete" zweier Schweine in Sissach

Nehmen Sie selber im Buch Stellung?

Wir moralisieren nicht. Das Buch ist keine Lobhudelei oder eine Nabelschau. Es ist auch keine Abrechnung mit den Gegnern der Schlachtung. Eher ein Sittengemälde, in dem wir aufzeigen, wie aus einer eigentlich kleinen Sache ein Hype entstanden ist. Ich bin unfreiwillig zum Mediensprecher mutiert und war anfänglich erstaunt, was wir ausgelöst haben. Ich bin mir aber bewusst, dass wir nicht wie bis anhin billiges Fleisch konsumieren können.

Hat sich die Aufregung um die Metzgete inzwischen gelegt?

Ich denke schon, auch wenn unser Buch vielleicht schlafende Hunde wecken wird.

Selbstgeisselungs-Protest gegen öffentliche Schweineschlachtung

Selbstgeisselungs-Protest gegen öffentliche Schweineschlachtung