«Nur wenn das Gift ganz draussen ist, haben wir eine Garantie für viele Generationen», definiert eine Frau das Interesse der rund 60 Personen, die sich zur öffentlichen Sitzung des Gemeindeparlaments von Grenzach-Wyhlen eingefunden haben. Ihre Sorge gilt der Sanierung der Kesslergrube in Grenzach am Rheinufer: Dort haben Ciba-Geigy, Hoffmann-La Roche und die lokalen Chemiebetriebe – nachdem es in der Muttenzer Feldrebengrube nicht mehr erlaubt war – bis in die 70er-Jahre Chemiemüll abgeladen, zusammen mit Bauschutt und Hausmüll. Nun müssen die Eigentümer Roche und BASF die Grube sanieren.

Roche wird ihr vergiftetes Erdreich bald ausgraben. Was jedoch besorgten Grenzachern partout nicht in den Kopf will: Unter den gleichen geologischen und Grundwasserverhältnissen will unmittelbar daneben die BASF ihren Müll, den sie bei der Ciba-Übernahme mit eingekauft hat, mit einer Mauer und einem Deckel seitlich und von oben einkapseln. Beide Sanierungs-Varianten sind nach deutschem Gesetz erlaubt. Und es gibt Beispiele von Einkapselungen, mit denen man Schadstoffe unter Kontrolle bekam. Aber so nahe am Rhein? Und wird das Gelände dann wirklich als Gewerbegebiet nutzbar? Und wie dicht ist der Beton?

Um die Zweifel zu klären, haben die Gemeinde Grenzach-Wyhlen, das Landratsamt Lörrach und BASF eine Studie in Auftrag gegeben. Diese soll klären, ob der Totalaushub à la Roche oder die BASF-Einkapselung die nachhaltigere Variante ist. Die Bürgerinitiative «Zukunftsforum» ist am Prozess beteiligt.

«Ein solches Nachhaltigkeitsgutachten ist absolutes Neuland», kommentiert Georg Lutz, Fachbereichsleiter Umwelt im Landratsamt Lörrach. Bisher gilt nämlich: Ist ein Projekt rechtlich und fachlich genehmigungsfähig, so hat der Bauherr – in diesem Fall die BASF – einen Anspruch auf die Baugenehmigung. «Sollte nun eine der Varianten deutlich weniger nachhaltig sein, haben wir eine neue Situation.» Damit wäre ein kleines Landratsamt überfordert, und die Regierung in Stuttgart müsste sich mit der Sanierung der Kesslergrube befassen.

«Das Gesamtergebnis der Studie muss eine klare Aussage enthalten. Sonst hat sie keine praktische Wirkung», fordert deshalb Manfred Mutter, Chemieprofessor und Sprecher der Bürgerinitiative, zu Beginn der Veranstaltung. Die Grenzacher im Saal hoffen, das Gutachten bringe trotz der Gesetzeslage noch eine Wende. «Die Frage ist, ob das, was zulässig ist, auch qualitativ genügt», erklärt der örtliche Vorsitzende der Umweltorganisation BUND, Herwig Eggers. Doch wer erwartet, der Gutachter Helmut Dörr lasse die Katze an diesem Februar-Dienstag aus dem Sack, wird enttäuscht: Das Ergebnis sei erst im April zu erwarten.

«Nachhaltigkeit ist gesetzlich nicht definiert», stellt Dörr klar. Drei Säulen, rund zwanzig Kriterien und zahllose Unterpunkte – darauf stützt er bei dieser Sanierung den Begriff «Nachhaltigkeit». Umwelt, Gesellschaft und wirtschaftliche Aspekte sind die drei Säulen. Nur wenn alle drei Säulen ausgewogen berücksichtigt sind, könne man von Nachhaltigkeit sprechen. Dabei werde er die verschiedenen Kriterien mit einem System aus halben und doppelten Punkten «halbqualitativ» bewerten.

Der Applaus ist verhalten. Bürgermeister Jörg Lutz weist Dörr darauf hin, er solle bei den wirtschaftlichen Kriterien nicht vergessen, dass man bei der Einkapselung 10 000 Jahre lang die Mauer immer wieder abdichten müsse. Mit wärmerem Applaus bedenken die Bürger dagegen die Roche-Planer, die Details des Totalaushubs vorstellen. Die Grenzacher und Wyhler im Saal wissen ganz ohne Gutachten: «Nur wenn das Gift ganz draussen ist, haben wir eine Garantie für viele Generationen.»