Schlag auf Schlag ging es am Montag im Strafjustizzentrum in Muttenz zu und her, allerdings nicht wegen der Kampfsportler, sondern wegen der Anwälte: Das übliche formelle Vorgeplänkel beim Prozess wurde mit grosser Härte geführt. Am Dienstagmorgen wird das Dreiergericht entscheiden, ob und wie der Prozess fortgeführt wird.

Klar ist, dass der heute 41-jährige Paulo Balicha mit einer Truppe von rund zwei Dutzend Männern im Februar 2014 ins Kampfsportcenter von Shemsi Beqiri in Reinach eingedrungen ist und einen brutalen «Zweikampf» mit seinem früheren Schüler herbeiführte. Alle anderen Eindringlinge, die mit Schlagstöcken und offenbar auch einer Schusswaffe ausgerüstet waren, trugen dabei Masken, die Staatsanwaltschaft war bei der Ermittlung der Mittäter stark auf Insider angewiesen.

Verteidiger vermuten Deal

Hier kommt nun ein 29-jähriger Mitangeklagter ins Spiel, der offenbar einen Grossteil der Truppe verpfiffen hat: Es ist bekannt, dass Gerichte solche Kooperation mit Strafminderung belohnen, doch manche Verteidiger argwöhnen nun, der Mann habe bereits damals einen informellen Deal mit der Staatsanwaltschaft abgeschlossen und sei auch bloss deshalb aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Die Verteidiger wollen deshalb auch den Fall führenden Staatsanwalt Stefan Fraefel befragen, ein äusserst ungewöhnlicher Vorgang. Dieser war am Montag allerdings krankheitshalber gar nicht erst vor Gericht erschienen. Staatsanwalt und Abteilungsleiter Boris Sokoloff dementierte am Montag vor Gericht allerdings deutlich, dass es einen solchen Deal gegeben habe. «Abgekürzte Verfahren sind nur mit einer Unterschrift von mir möglich. Wie unter solchen Umständen geheime Absprachen möglich sein sollen, weiss ich nicht. Es sei denn, Sie wollen mir Komplizenschaft unterstellen», kommentierte Sokoloff.

Auch der Anwalt des 29-Jährigen widersprach den Vorwürfen. «Seine Identifizierung der Täter hatte nichts mit Druck zu tun, er wollte das machen. Hätte er das nicht gemacht, wäre er vielleicht heute alleine vor Gericht gestanden», so Verteidiger Ozan Polatli.

Viele Akten geschwärzt

Doch auch die vielen geschwärzten Aktenstellen sorgten bei den Verteidigern am Montag für rote Köpfe, rein umfangmässig machen die geheimen Stellen offenbar rund ein Drittel der gesamten Akten aus. Staatsanwältin Evelyn Kern betonte allerdings, es handle sich dabei um Akten zur persönlichen Lebenssituation oder den finanziellen Verhältnissen der Angeklagten. «Der Ausschluss der Akteneinsicht ist zulässig, wenn der Persönlichkeitsschutz dies verlangt», so Kern.

Laut diversen Verteidigern geht es allerdings auch um die Aussagen über andere Mittäter und damit um die Frage der Glaubwürdigkeit. Sie ärgern sich auch darüber, dass sie grösstenteils keine Kenntnis darüber haben, über welche Vorstrafen die Mitangeklagten verfügen. «Vielleicht sind von den 10 000 Seiten 9 999 für mich unwichtig. Aber die eine will ich dann lesen können», meinte Nicolas Roulet, der Verteidiger des Hauptangeklagten Paulo Balicha.

Verteidiger fordern Abbruch

Weitere Anträge betreffen Zeugen, die vor Gericht nochmals angehört werden sollen, darunter auch Shemsi Beqiri, der am Montag im Gerichtssaal sass. Auch eine Gutachterin des Institutes für Rechtsmedizin soll zu den Verletzungen nochmals kritisch befragt werden können, und ein Verteidiger verlangt gar gerichtliche Erkundigungen bei H&M, um zu erfahren, wie hoch die Verkaufszahlen einer bestimmten Hose sind, aufgrund der sein Mandant offenbar identifiziert wurde.

Hauptsächlich kritisierten die Verteidiger aber Mängel an der Anklageschrift, die Vorwürfe seien unpräzise, damit das Anklageprinzip verletzt. Bislang hatte Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli über die Anträge als Instruktionsrichterin zu entscheiden, nun aber berät das Dreiergericht über den Fortgang der Verhandlung. Das Gericht kann die Anklage zurückweisen, den Prozess vorübergehend sistieren oder aber die Hauptverhandlung wie geplant durchziehen. (Patrick Rudin)

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Jascha Schneider, Anwalt von Shemsi Beqiri, fordert, dass das Verfahren politische Konsequenzen hat

Jascha Schneider, Anwalt von Shemsi Beqiri, fordert, dass das Verfahren politische Konsequenzen hat.