Winzig, exotisch, vermehrungsfreudig, schädlich: Die Kirschessigfliege reiht sich nahtlos in die vor allem aus Südostasien stammende Insekten-Armada ein, die in den letzten Jahrzehnten in die Schweiz eingeschleppt worden ist und hier ein ideales Tummelfeld ohne Feinde vorfand. Jenes der Kirschessigfliege sind vor allem Steinobstbäume und Beerenkulturen. Davon betroffen sind in der Region ganz besonders Bauern mit Kirschen-Hochstammbäumen, denn sie können im Gegensatz zu den Obstbauern mit Anlagen ihre Bäume nicht mit dem derzeit wirksamsten Mittel schützen – engmaschigen Netzen.

Auf Einladung der Organisation Hochstamm Suisse trafen sich nun nach der diesjährigen, schlechten Kirschensaison rund 30 Produzenten im Ebenrain in Sissach zu einer Aussprache. Wie geradezu katastrophal die Ernte aus Sicht von Hochstamm Suisse ausfiel, belegte deren Geschäftsführer Stephan Durrer mit Zahlen: Bei den Tafelkirschen brach sie in der Nordwestschweiz im Vergleich zum Vorjahr von 213 auf 86 Tonnen ein, bei den Konservenkirschen gar von 330 auf 76 Tonnen. Und das in einer Zeit, in der der Marktanteil von Hochstammkirschen eigentlich am Steigen ist.

Durrer sagte denn auch: «Wenn der Hochstamm-Kirschenanbau stirbt, dann nicht wegen dem Absatz.» Sondern eben wegen der 2011 erstmals in der Schweiz aufgetauchten und seither mehr oder weniger heftig wütenden Kirschessigfliege. Ihre Aktivitäten hängen wesentlich von den klimatischen Bedingungen ab: Sie hats gerne gemässigt und wird bei Temperaturen ab
30 Grad inaktiv.

Die Forschung ist gefordert

Von der Forschung sind derzeit keine Wunder zu erwarten. Man setze auf die Bausteine Überwachung, Vorbeugung, kulturspezifische Massnahmen, biologische respektive chemische Bekämpfung und Erfolgskontrolle, sagte Stefan Kuske von der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil. Um aber gleich einzuschränken: «Wir sind dran, Wissen zu generieren.»

Den versammelten Hochstamm-Obstbauern konnte er denn auch keine grossen Hoffnungen machen: «Die Kirschenproduktion im Feldobstbau wird fast zu einem Ding der Unmöglichkeit. Denn die Hochstammbäume sind hoch attraktiv für die Kirschessigfliege. Und sie liebt vollreife Früchte.» Letzteres hat zur Konsequenz, dass Insektizide nur bedingt einsetzbar sind, weil die Fliegen die Kirschen in der Regel erst kurz vor der Ernte befallen. Dabei schneidet das Weibchen mit seinem Sägewerkzeug am Hinterkörper ein Loch in die Fruchthaut und setzt ein Ei inklusive Atemschlauch für die Luftzufuhr von aussen ins Fruchtfleisch.

Und auch die Vertreter vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain mussten sich auf «Bekämpfungsansätze» wie frühzeitige Ernte, das sofortige Kühlen der Kirschen danach oder das Bestäuben der Früchte mit dem Tonmineral Kaolin beschränken. Die Bauern selbst schwanken zwischen Hoffnung und Resignation. Hoffnungen machen etwa Frühsorten, der Einsatz von Blattdünger, was die Fruchthaut verdicke, oder eine Spritzberatung per SMS. Es kamen aber auch viele Fragen: Welche Flughöhe bevorzugt die Kirschessigfliege? Wo überwintert sie? Kann man sie mit Nützlingen oder der Gentechnik bekämpfen? Die Forschung ist gefordert.