Als vor rund hundert Jahren Igor Stravinskys «Sacre du Printemps» in Paris uraufgeführt wurde, löste es einen veritablen Theaterskandal aus. Sowohl die polytonale Musik, als auch die Choreografie von Vaslav Nijinsky überforderten das Publikum. Zentrales Element ist ein russischer Opferritus, die Choreografie bestand aus rohen archaischen Gesten.

Die «Suite Bâloise» dagegen ist eine Sammlung von Volkstanz-Choreografien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Basel entstand, unter der Federführung von Annelis Aenis-Bitterli. Der Tänzer und Choreograf Kiriakos Hadjiioannou hat nun diese prägenden Werke der Tanzgeschichte zu einem gemeinsamen Abend im Birsfelder Theater Roxy geformt. Die Inszenierung feierte am Mittwochabend Premiere.

Den Beginn des interessanten Kulturabends machen im Foyer Statements zum Tanz als soziale Bewegung, als Widerstand gegen die Diktatur. Dazu bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer durch die Menge und loten Zwischenräume aus. Es wird deutsch, französisch und englisch gesprochen. Die Zitate fungieren als Referenz sowohl auf die Situation vor dem Ersten Weltkrieg, als Stravinskys Werk entstand, als auch auf die nach dem Zweiten, als die Erneuerung des Volkstanzes begann. Intellektuell ist dies reizvoll, doch emotional eher verstörend.

Idee spannender als Umsetzung

Der zweite Teil findet im Saal statt. Wir hören das «Frühlingsopfer» und sehen sechs Tänzer (Dominique Cardito, Giuliano Guerrini, Lukas Hofmann, Margarita Kennedy, Marcella Moret und Rebecca Weingartner), wie sie mit starren Gesichtern in einer Reihe stehen, die Füsse nach innen gedreht. Eine Tänzerin löst sich und damit eine Bewegung aus, man umkreist sich, beäugt sich und findet, eine gemeinsame Richtung.

In der Bühnenmitte ragt ein Pfahl auf, den sie umkreisen. Der Kreis wandert über die Bühne, das zentrale Element vieler Volkstänze. Klar wird die Form, als sie sich an den Händen greifen, Stampfen und mit den Fussspitzen auf den Boden tippen. Auch die Kleidung hat etwas Volkstümliches: unterschiedlich erdfarbene Hosen und sogenannte Bauernhemden.

Zurück zum Anfang. Jetzt sind die Bewegungen grob, kastenartig und individuell, erneut geht es in eine Einerreihe, dann verschwinden sie. Und kommen wieder hervor mit den Masken der drei Ehrenzeichen. Vogel Gryff, Leu und Wilde Maa. Sie zeigen ihre spezifischen Tänze und dann erscheint auch der Bär, wird erst ausgeschlossen und dann integriert. Schliesslich wird der Pfahl zum Maibaum mit den roten und weissen Bändern. Sie flechten das traditionelle Muster und dann ist Schluss.

Über weite Strecken schwebt die Choreografie über die sehr akzentuierte Musik Stravinskys hinweg, nur einzelne prägnante Momente spiegeln sich in ihren Tänzen. Dadurch bekommt der Abend etwas gefälliges, man ahnt mehr die Kraft, die darunter liegt, als dass man sie sieht. Umso bedrohlicher, wenn sie doch einmal ausbricht wie beim Tanz des Wilden Mannes. Aber irgendwie bleibt die Idee spannender als die Umsetzung.

Der dritte Teil ist dann rein musikalisch. Simon Dettwiler spielt auf dem Schweizerörgeli, und die Ehrenzeichen setzen sich zu ihm, während das Publikum bereits angeregt diskutiert.

Weitere Vorstellung: Freitag um 20 Uhr.