Bei einigen Gewürzkräutern steht ein Schild: «erntereif». Eine Wandtafel verkündet die anstehenden Arbeiten. Ein selbst gebauter Lehmofen steht für Gemüsepizza bereit, in einer Ecke stehen überzählige Pflanzen «zum Mitnehmen». Ernten darf, wer will, mitarbeiten auch. «Ein gutes Dutzend engagiert sich regelmässig, aber der Landhof-Garten ist ein Treffpunkt für Hunderte», erklärt Isidor Wallimann, Präsident des Vereins Urban Agriculture Netz Basel. Freimütig gesteht er, dass jeder Familiengarten bezüglich Selbstversorgung produktiver ist. Doch neben Bio-Gemüse auf einem ehemaligen Hinterhof-Asphaltplatz produziere der Landhofgarten kaum messbare, aber sehr relevante Leistungen wie Nachbarschaft, Bildung, Kultur, Geselligkeit und Integration zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.

Dass das aufgeht, sehe man nicht zuletzt daran, dass in den vier Jahren seines Bestehens weder Vandalismus noch wilde Müllablagerung den frei zugänglichen Garten verunstaltet. «Auch wer nur kommt, weil er die Party gut und dies hier eine coole Gruppe findet, trägt die Idee nach aussen», erklärt der emeritierte Soziologie- und Wirtschaftsprofessor neben einer stolzen Distel: Was Bauern als Problem-Unkraut gilt, ist hier Teil der gehegten Biodiversität.

Bisher mehr Symbolik als Ertrag

«Die Idee nach aussen tragen» ist zentral in Wallimanns Denken. Dass das bisschen Gemüse, etwas Honig und Gewürzkräuter der verschiedenen Projekte – der Landhof ist nur eines von 40 – den Begriff «Landwirtschaft» nicht durch Produktion rechtfertigen, kratzt die Urban-Agriculture-Leute nicht. Vielmehr geht es ihnen darum, die Kontrolle über die Nahrungsproduktion zurück zu erobern. Dafür ist Nähe zentral. «Natürlich können wir uns von Gewürzkräutern nicht ernähren. Aber sie sind sinnvoller als in Hartplastik verpackte Kräuter aus Ich-weiss-nicht-von-wo, bei denen die Verpackung das Teuerste ist.»

Dies gelte auch für Kräuter mit Biolabel: «Bio Suisse hat es versäumt, ein Konzept der Nähe zu entwickeln.» Auch Biobauern produzieren oft für einen anonymen Markt. Also «aus der Region, für die Region» à la Migros? «Da fehlt der Nachhaltigkeitsgedanke, denn es geht um Produktion, die mindestens Bio-Standards entspricht und sozial nachhaltig ist.» Diesen Fairtrade-Gedanken verkörpere Max Havelaar. Doch Ernährung via Weltmarkt komme nur bei Produkten infrage, die hier nicht wachsen.

Radikaler als Bio

Bei symbolischer «Landwirtschaft» in Kisten und ausrangierten Einkaufswagen – Botschaft: «In der Stadt wäre mehr möglich» – will Urban Agriculture nicht stehen bleiben. «Urban» bezeichne auch die Agglomeration, und da sei namhafte Gemüseproduktion möglich. Ursprünglich habe man im Mittelalter und später die Städte so gebaut, dass man sie aus einem unmittelbar angrenzenden Grüngürtel versorgen konnte.

Daran gelte es anzuknüpfen. «Wir haben mit dem Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain Kontakt aufgenommen. Wir wollen an der Baselbieter Agrarstrategie mitdiskutieren und das Ziel verankern, dass Baselbieter Bauern sich direkt mit Konsumenten in der Stadt verbinden.» Als Modell nennt Wallimann den Birsmattehof in Therwil, der Bio-Gemüse an Abonnenten in der Stadt liefert.

Entferntere Höfe sollten wieder mehr Getreide produzieren. «Würde man Boden, statt ihn für die Milch- und Fleischproduktion zu verschwenden, mehr für Gemüse und Getreidebau verwenden, könnte sich die Schweiz zu einem höheren Anteil selbst versorgen.» Dass das beste Terrain mittlerweile überbaut ist, lässt Wallimann als Hinderungsgrund nicht gelten: «Früher hat man auch an Hängen Getreide angebaut. Mit geländegängigen Fahrzeugen wäre dies auch heute machbar.» Damit würde man eine «Riesenabhängigkeit vom Weltmarkt verringern, der auch von Spekulation beeinflusst ist.»

Diese grossen Visionen beginnen mit Hinterhofsalatköpfen. «Es ist die Bewegung, die zählt», meint Wallimann. Urban Agriculture sei radikaler als die Biolabel-Praxis. «In den 70er-Jahren waren die Bioleute Aussenseiter, heute ist Bio ein Mainstream-Marktsegment.» Wallimann hofft, dass die neue Bewegung, die in Basel ins Netzwerk Soziale Ökonomie eingebettet ist, zwar auch zum Mainstream wird, ohne sich aber in Sachen Zielsetzung zu verwässern. «Damals ging es darum, von aussen einen Keil in die Nicht-Biowelt zu treiben. Heute geht es darum, Bio und Ernährungssouveränität von innen nach aussen zu tragen.» Dies wird der bald 70-Jährige vorantreiben: In Bratislava hat Urban Agriculture Basel ein zweijähriges Beratermandat angenommen.