Die Schweiz erwartet in den nächsten Monaten einen starken Anstieg an Asylsuchenden. Das Bundesamt für Migration rechnet für 2014 mit rund 24'000 Gesuchen und für 2015 mit weiter steigenden Zahlen. Die Flüchtlinge werden nach Bevölkerungsanteil auf die Kantone verteilt.

«Wir dürfen den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken», warnt der Baselbieter Asylkoordinator Rolf Rossi angesichts der schwelenden Konflikte im Mittleren Osten und dem Massenexodus aus verschiedenen krisengebeutelten, afrikanischen Ländern. «Es muss jetzt in einigen Gemeinden neuer Platz geschaffen werden», stellt er klar.

Schon im Juni und im Juli teilte der Bund dem Landkanton bedeutend mehr Asylsuchende zu – zwischen 80 und 90 sind es derzeit monatlich. Das ist eine Verdoppelung im Vergleich zu den Vormonaten. Die meisten gelangen aus Eritrea in die Schweiz. Noch ist der Syrienkonflikt kaum spürbar, aber Rossi geht davon aus, dass sich das bald ändern wird.

Hilfe für die Basler

Die Gemeinden sind verpflichtet, für 0,8 Prozent ihrer Wohnbevölkerung Platz für Asylsuchende zur Verfügung zu stellen. Nach dem Ende des Kosovokonflikts in den 90er-Jahren entspannte sich die Situation, sodass heute nicht mehr alle Gemeinden den nötigen Platz zur Verfügung haben. Rossi hat sich deshalb entschieden, einen Mahnbrief an sämtliche 86 Baselbieter Gemeinden zu schicken. «Heute erfüllen viele Gemeinden die Anforderungen nicht», sagt Rossi. Derzeit sind 0,6 Prozent der Bevölkerung Asylbewerber.

Einige Gemeinden, insbesondere jene in der Agglomeration Basel, werden durch die heranrollende Flüchtlingswelle in arge Nöte geraten. «Wir haben absolut keinen Platz mehr», räumt Brigitte Schafroth ein, die als Birsfelder Gemeinderätin fürs Asylwesen zuständig ist. Neben dem 48 Plätze bietenden Asylheim habe die Gemeinde keine zusätzlichen Liegenschaften.

Und vor allem: keine Möglichkeiten, innert nützlicher Zeit zusätzliche Plätze zu schaffen. Sollte der Kanton zusätzliche Asylbewerber zuteilen, dann sähe sie keine andere Möglichkeit, als die Zivilschutzanlage zu beanspruchen. Aber: «Das wäre tragisch, sozusagen der absolute Notfall.»

Auch der zuständige Prattler Gemeinderat Emanuel Trueb sagt: «Sollte die Zahl der Asylsuchenden zunehmen, dann stehen wir vor einer grossen Herausforderung.» Ihm macht nicht nur zu schaffen, genügend Betten zur Verfügung stellen zu können. Die humanitären Katastrophen, wie sie etwa in Syrien vorzufinden sind, vertreiben ganze Familien. «Wir müssen familiengerechten Wohnraum finden», sagt Trueb.

Dass Pratteln in einer solchen Notsituation Hand bieten kann, zeigte die Agglogemeinde vor zwei Jahren: Als das Aufnahmezentrum in Basel aus allen Nähten platzte, stellten die Prattler die Schiessanlage in der Lachmatt dem Bund zur Verfügung. Wäre Pratteln wieder bereit, die Anlage notfallmässig für Asylsuchende zu öffnen? «Wir befinden uns hier im Bereich der Mutmassungen, denn damals befanden wir uns in einer absoluten Notsituation», stellt Emanuel Trueb klar. Eine solche Zivilschutzanlage könne allerhöchstens als Zwischenlösung dienen.

Nicht nur im Landkanton sind die Grenzen erreicht. Die Basler Asylkoordinatorin Renata Gäumann spricht von «ausgelasteten Asylstrukturen» in Basel-Stadt. Immerhin kann sie notfalls auf das Angebot des Nachbarkantons zurückgreifen, vorübergehend Flüchtlinge aus dem Basler Kontingent aufzunehmen. «Darauf kommt der Kanton Basel-Stadt notfalls gerne zurück», sagt Gäumann.

Dieses Angebot gelte trotz Platznot, beteuert Rolf Rossi, auch wenn die temporäre Unterbringung von Flüchtlingen aus der Stadt in der einen oder anderen Gemeinde «sicher zu Irritationen» führen werde. Rossi macht aber klar, dass diese «freundnachbarschaftliche» Hilfe keine Auswirkungen auf die Gesamtzahlen der Zuweisungen hätten. Die Asylsuchenden aus der Stadt würden schliesslich in einem der darauffolgenden Monate wieder vom Pflichtkontingent abgezogen.