Eigentlich klingt das Modell ziemlich simpel: Die SBB bieten zusätzliche Interregio-Extrahalte ausserhalb der Stosszeiten am Morgen an, dafür verschiebt die Fachschule Nordwestschweiz (FHNW) die Anfangszeiten gewisser Vorlesungen nach hinten. Was zunächst als Pionierprojekt ab September 2018 am neuen Campus Muttenz eingeführt wird, soll nach und nach auch die Hauptverkehrszeiten der Bahn an den FHNW-Standorten Olten und Brugg/Windisch entlasten helfen.

Bis dahin werden allerdings noch manche Verhandlungshürden zu nehmen sein, darüber kann auch der grosse Bahnhof, der am Mittwoch in Muttenz rund um die Vereinbarung veranstaltet wurde, nicht hinwegtäuschen.

Der nach aussen sichtbare Werbeträger der Partnerschaft zwischen Bahnunternehmen und Fachhochschule ist eine Flirt-S-Bahn, die von der Baselbieter Regierungspräsidentin Sabine Pegoraro am Mittwochvormittag auf den Namen «Muttenz» getauft wurde und in knalligem Gelb-Schwarz den Schriftzug der FHNW trägt. Wenn im Herbst 2018 der 300 Millionen Franken teure Campus-Neubau in Muttenz in Betrieb genommen wird, werden in der Baselbieter Agglomerationsgemeinde nicht nur fünf bisher in der Region Basel verstreute FHNW-Fakultäten zusammengeführt werden, sondern auch rund 3700 Studierende und 800 Mitarbeitende aus der ganzen Deutschschweiz die neue Ausbildungsstätte beziehen.

Die meisten davon werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf der Ergolzachse von Olten her anreisen, ein geringerer Teil durchs Fricktal. Für jene FHNW-Pendlerschar aus dem Mittelland, welche die Verbindung Luzern–Zofingen–Olten–Gelterkinden–Sissach–Liestal–Basel benützt, wird der Inter-Regio um 8.40 und 9.40 Uhr jeweils einen Extrahalt an Bahnhof Muttenz einlegen. Dafür passt die FHNW die Anfangszeiten gewisser Vorlesungen an, was für rund ein Drittel der Studierenden bedeuten wird, dass «bereits ab dem Herbstsemester 2018 die Vorlesungszeiten zu einem späteren Zeitpunkt starten», wie FHNW und SBB am Mittwoch gemeinsam mitteilten

Stundenpläne noch offen

Für die Verantwortlichen der Fachhochschule heisst dies neben dem gesamten Umzugsstress eine zusätzliche organisatorische Herausforderung, wie deren Vizedirektionspräsident Raymond Weisskopf bestätigt. Denn noch sind die entsprechenden Stundenpläne gar nicht erstellt. «Wir haben zwei sich überlagernde Problemstellungen», erläutert Weisskopf. Zum einen müsse der rechtzeitige Bezug des neuen Campus sichergestellt sein, was für sich alleine eine hochkomplexe Angelegenheit darstelle.

Zum anderen müsse die Bewirtschaftung der gemeinsam genützten Räume «im dicht gedrängten Campus» zwischen den fünf bisher selbstständigen Fakultäten koordiniert und über die Wochentage verteilt werden. Beide Problemkomplexe haben laut Weisskopf dazu geführt, dass zwar Simulationen des künftigen Campus-Betriebs durchgespielt worden sind, aber noch keine definitiven Abläufe definiert, geschweige denn Stundenpläne erstellt werden konnten. Der Versuchsballon mit den zusätzlichen Schnellzughalten und Anfangszeiten dürfte demnach für die FHNW noch einige Überraschungen bereit halten.

Für die SBB hingegen ist die Ausgangslage einfacher. An das neue FHNW-Pendlerregime sind klare Vorstellungen der zu erwartenden Vorteile geknüpft, obschon sich erst noch erweisen muss, wie viele Studierende und Mitarbeitende die neuen Bahnverbindungen tatsächlich nutzen werden.

S-Bahn wird entlastet

Offensichtlich und an erster Stelle: Zur Hauptverkehrszeit am Morgen, in der laut SBB die Kapazität der Regio-S-Bahn Basel «bereits vollständig ausgeschöpft» ist, werden weniger Studierende anreisen. Das wird die übrigen Pendler freuen. Wenn dafür die späteren Schnellzüge genommen werden, in denen es noch Platz hat, bringt dies gleichzeitig die Entlastung des Bahnknotens Basel SBB und der S-Bahn zwischen Basel und Muttenz mit sich. Der Zusatzhalt der beiden IR-Züge dürfte rund 400 Studierende zusätzlich auf die Bahn nach Muttenz locken, rechnen die SBB vor.

Unter dem Strich schaut für die Studierenden eine um bis zu 25 Minuten kürzere Bahnreise bei mehr Komfort und für SBB und öffentliche Hand weniger Investitionen in zusätzliches Rollmaterial und den Ausbau der Bahn-Infrastruktur heraus.

Wenig erstaunlich wurde darum der Begriff von der «Win-win-Situation» am Mittwoh geradezu inflationär verwendet. Sei es von Ursula Renold, der Präsidentin des Fachhochschulrats, die sich über die Attraktivitätssteigerung des FHNW-Standortes in Muttenz freute. Sei es von SBB-Konzernleitungsmitglied Kathrin Amacker, welche im Pilotprojekt ein viel versprechens Zukunftsmodell sah. Sei es vom Muttenzer Gemeindepräsidenten Peter Vogt, der sich davon eine Signalwirkung fürs übrige Gewerbe erhoffte. Oder eben von der Baselbieter Verkehrsdirektorin Sabine Pegoraro, welche die Entlastung der S-Bahn-Infrastruktur betonte.

In den Hintergrund geriet dabei, dass sich die FHNW weder mit ihrem Wunsch nach einem analogen Bahnregime am Abend, noch mit zusätzlichen Extrahalten der Schnellzüge aus Zürich-Frick-Rheinfelden durchsetzen konnte. Trotzdem und trotz des unbestrittenen Mehraufwands überwiegen aber auch für FHNW-Vizedirektor Raymond Weisskopf die Vorteile. «Das sind nun einmal die Realitäten der ausgelasteten Bahnkapazitäten. Wenn wir uns aber nicht bewegen würden, und alle Studenten kämen gleichzeitig um 8 Uhr in Muttenz an, hätten wir auch so ein gewaltiges logistisches Problem.»