Herr Huber, im Fall Erschwil wird deutlich, dass bei der Überprüfung des Kaplans damals nicht alles ideal verlaufen ist. Wie werden heute Priester durchleuchtet, bevor man sie einstellt?

Hansruedi Huber: Bei Anstellungen von Priestern aus anderen Diözesen und Orden werden zahlreiche Dokumente verlangt. Dazu gehören ein Auszug aus dem Betreibungsregister und ein Leumundszeugnis. Dass man heute Letzteres vorlegen muss, ist eine direkte Folge der Aufdeckung und Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Vergangenheit. Bei Priestern, die aus dem Ausland kommen, sind wir darauf angewiesen, dass uns der frühere Arbeitgeber keine Informationen vorenthält. Eine völlige Sicherheit hat man natürlich nie.

Und wer stellt letztlich die Priester in den einzelnen Kirchgemeinden ein?

Es gibt in der Schweiz das sogenannte duale System. Darunter versteht man das Miteinander von Kirchgemeinden und Landeskirchen einerseits sowie Bistümer und Pfarreien andererseits. In diesem System wird das Personal durch die Kirchgemeinde angestellt. Dies ist jedoch nur möglich, wenn der Kandidat oder die Kandidatin vom Bischof für diese Stelle beauftragt wird. Man spricht von der Erteilung einer Missio Canonica. Die Bistümer sind vor allem für die Seelsorge und für die inhaltliche Führung des Personals zuständig.

Was unternimmt das Bistum Basel gegen pädophile Priester und für Opfer sexuellen Missbrauchs?

Jeder bekannt gewordene sexuelle Übergriff wird untersucht. Je nach Schwere des Übergriffs werden Täter aus dem kirchlichen Dienst entlassen oder bekommen einschneidende Massnahmen für ihren weiteren Dienst. Im Bistum Basel gibt es keinen verurteilten pädophilen Priester, der nach der Verbüssung seiner Strafe eine bischöfliche Missio erhalten hat. Opfer haben das Recht auf ein Gespräch mit dem Bischof. Ausserdem werden ihnen die ungedeckten Kosten einer Therapie bezahlt und sie erhalten Schmerzensgeld.

Wie sieht es mit Verhaltenskursen für das Personal aus?

Seit bald zwei Jahrzehnten laufen im Bistum Basel grosse Bemühungen zur Prävention und Intervention bezüglich Nähe und Dienst im pastoralen Dienst. So hat der Bischof 2004 einen dreitägigen Fortbildungskurs für alle Seelsorgenden durchgeführt. Auch im aktuellen Jahr werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem halbtägigen Kurs aufgeboten.

Die Überprüfung von Seelsorgenden auf ihr Verhalten im Bereich Nähe und Distanz vor dem Eintritt in den Dienst des Bistums Basel gehört ebenfalls zur Prävention. Es gibt wohl keinen anderen Gesellschaftsbereich, in dem diese Thematik so durchgängig aufgearbeitet wurde.

An welche Stellen können sich Opfer sexuellen Missbrauchs durch Seelsorgende wenden?

Wir haben im Bistum mehrere Ansprechpersonen, bei denen sich Opfer melden können. Ebenso kann man sich an eine Opferhilfestelle oder an die Polizei wenden. Im Jahr 2010 hatte die Schweizerische Bischofskonferenz erstmals dazu aufgerufen, dass sich Opfer melden sollen. Daraufhin gingen in der ganzen Schweiz 115 Meldungen über sexuelle Übergriffe bei den diözesanen Stellen ein. Bei den meisten dieser Fälle geht es um Übergriffe, die sich im vergangenen Jahrhundert ereignet haben.

Ich denke unter anderem an die Heimkinder. Viele der Fälle waren, als sie aufgedeckt wurden, bereits verjährt und die Täter verstorben. In den letzten Jahren ist die Zahl der gemeldeten Vergehen deutlich zurückgegangen. Neue Missbrauchsfälle wurden uns glücklicherweise keine mehr gemeldet.

Aus Scham oder wegen einer starken Verbindung zur Kirche melden sich viele Opfer aber trotz dieser Massnahmen nicht.

Ja, das ist so. Das ist ein Problem. Wir versuchen deshalb, auch auf dem pastoralen Weg die Opfer zu motivieren, sich bei den betreffenden Stellen zu melden. Mehr als immer wieder auffordern können wir nicht.