Wird in Deutschland eine Industrieanlage gebaut, interessiert das zuerst die deutsche Öffentlichkeit. Doch bei der Wasserstoff-Fabrik, die die Energiedienst AG bei ihrem Rheinkraftwerk im badischen Wyhlen plant, wohnen nur wenige Menschen. Dafür sind auf der Schweizer Seite des Flusses, in Augst und Kaiseraugst, umso mehr Anwohner, denen nicht egal sein kann, was 200 Meter von ihnen entfernt gebaut wird.

Darum kommt es jetzt zu einer «Grenzüberschreitenden Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligung bei umweltrelevanten Vorhaben am Oberrhein», gemäss einer Abmachung des Oberrheinrats. Damit sind Schweizer ausdrücklich eingeladen, zu den deutschen Plänen Stellung zu nehmen.

Laut Website der Energiedienst AG ist die Wasserstofffabrik ungefährlich, es gebe in Deutschland viele vergleichbare Anlagen in ähnlicher Nähe zu Wohnbauten. Die Explosionsgefahr wird als geringer als diejenige von Erdgas beschrieben.

Michael Kempkes ist anderer Meinung. Er ist einer der wenigen Anwohner auf der Wyhler Seite und hat die «Bürgerinitiative Kraftwerk am Altrhein» gegründet, mit der die Wasserstofffabrik verhindert werden soll. Wasserstoff sei zwar tatsächlich ungiftig, das weiss auch er. «Das Problem ist aber das Handling damit.» Bei der Fabrik sollten mehrere Tausend Kilo Wasserstoff gelagert werden, die per Lastwagen abtransportiert würden.

Kempkes erwähnt ein Gutachten, das die Explosionsgefahr als «sehr hoch» einschätze. Dabei sei der Übergang über den Rhein bei Arbeitspendlern beliebt. Für ihn ist klar: «Kommt es zu einer Detonation, werden auf der Schweizer Seite des Rheins mindestens einige Scheiben kaputt gehen, wenn nicht sogar mehr geschieht.» Und unter dem Lärm der Anlage könnten Augst und Kaiseraugst besonders leiden. «Schall breitet sich nämlich über Wasser besonders gut aus.»

Kein Platz für Fischkanal

Von den 300 Unterschriften, die die Bürgerinitiative gegen das Projekt gesammelt hat, stammen rund 50 von Schweizern, unter anderem von Vogelschützern. Diese befürchten laut Kempkes Auswirkungen auf den Altrheinbogen bei Wyhlen, 100 Meter neben der geplanten Fabrik. Dort ist ein Naturschutzgebiet, in dem viele gefährdete Vogelarten leben. «Es sind Ängste da, aber es ist unklar, wie sie zu begründen sind», bestätigt ein langjähriger Fricktaler Vogelschützer, der nicht namentlich genannt werden will. Schon nur optisch hält er eine Fabrik so nahe am Naturschutzgebiet für ein «Unding».

Kempkes erhofft sich zudem Kritik aus Fischerkreisen, auch aus der Schweiz. Denn Naturschutz am Rhein laufe erfahrungsgemäss binational ab. Die bestehende Fischtreppe werde schlecht akzeptiert, hat er von Fischern gehört, und die Fabrik verbaue die einzige Möglichkeit, einen Umgehungskanal zu erstellen.

Letzteres bestätigt Jost Müller, Geschäftsführer des WWF Region Basel. Ob ein Kanal in nächster Zeit tatsächlich nötig sein werde, sei allerdings noch offen. Die Baupläne der Energiedienst hat er studiert, er sieht darin keine offensichtlichen Rechtsverletzungen. Aber er vermisst eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Und er fragt sich, ob eine Industrieanlage so nahe an einem europäischen Naturschutzgebiet vertretbar ist.

Nicht unter Störfallverordnung

Die Energiedienst hätte wohl Alternativstandorte suchen müssen, was sie seiner Meinung nach nicht gemacht hat. «Wenn wir zusammenhängend den Rhein als Lebens- und Erholungsraum ins Auge fassen, werden wir eine Einsprache vertieft prüfen», sagt Müller. In der Formulierung der grenzüberschreitenden Öffentlichkeitsbeteiligung wird nicht erkenntlich, ob eine Stellungnahme von Verbänden überhaupt erwünscht ist.

Die Energiedienst AG jedenfalls sieht keinerlei negative Auswirkungen auf Umwelt und Mensch. «Weder das Naturschutzgebiet noch das angrenzende Naherholungsgebiet sind durch die Anlage betroffen», heisst es auf der Website. Man halte die gesetzlichen Lärmgrenzwerte ein, sagt Mediensprecher Alexander Lennemann. Bezüglich Explosionsgefahr verweist er darauf, dass die Anlage wegen ihrer geringen Grösse nicht unter die deutsche Störfallverordnung falle. Sein Fazit: Die Schweizer Anwohner hätten nichts zu befürchten. «Wegen des Rheins sind sie schon rein räumlich weit weg.» Und deshalb würden von der Schweiz wohl keine Bedenken gegen das Projekt kommen.

Die Frist für eine Stellungnahme läuft bis zum 20. Juni. «Energiepolitisch haben wir sicher nichts gegen das Projekt», sagt Alberto Isenburg, Leiter des Baselbieter Amts für Umweltschutz und Energie. In der Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) werden viele Stellen die deutschen Pläne untersuchen, bezüglich Lärm, Luftqualität, Grundwasser, Sicherheit, Gebäudeversicherungen und Denkmalschutz. Einen Bericht wird die BUD auf jeden Fall an die deutschen Behörden schicken.

Auch Augst und Pratteln dürfen Stellung beziehen, überlassen das aber mangels Fachwissen dem Kanton. «Es ist wichtig, dass die Sache gut angeschaut wird», findet der Prattler Gemeindepräsident Stephan Burgunder. Mindestens so betroffen wie die beiden Baselbieter Gemeinden ist das aargauische Kaiseraugst. «Es ist sicher wichtig, möglichst genau zu wissen, ob und welche Gefahren von der Anlage ausgehen können», sagte Gemeindepräsidentin Françoise Moser der AZ Fricktal.

Diese Frage haben die Aargauer Behörden bereits beantwortet. «Unsere verwaltungsinterne Abklärung hat ergeben, dass von dieser Anlage bei Normalbetrieb keine Auswirkungen auf den Kanton zu erwarten sind», heisst es auf Anfrage beim kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt.