Gross und glitzernd ist die Art Basel, die VIPs in den High Heels oder wahlweise in den schrillbunten Sneakers treten sich auf die Füsse, so dicht ist das Getümmel.

Bei all dem Reichtum kann es schon mal zu einer Gegenbewegung kommen. Obwohl sie es eigentlich nicht sein wollen, sagen sie, sind sie es: die temporäre Künstler-WG an der Neuweilerstrasse 99, kuratiert von Demian Wohler und Benedikt Wyss. Diese kleine Kunst-Oase ist das komplette Gegenteil der funkelnden Art-Welt. Hier ist es dreckig, basisdemokratisch, ursympathisch und gemütlich. Und: es ist eine traumhafte Spielwiese für alle kühnen Kindheitsträume von Erwachsenen, die sich eben nur Künstler umzusetzen getrauen.

Zum Beispiel einen riesigen Gartenteich ausbaggern und darin Boot fahren. Ein Stück Wand heraussägen, Regalhalter drunter, fertig ist die stylishe Ablagefläche. Lehmige Erde auf dem Fussboden des Obergeschosses ausbreiten, für mehr Naturgefühl in den eigenen vier Wänden. Oder im Keller so tief graben, bis ein alter Brunnen zum Vorschein kommt.

Künstler wohnen vor Ort

Doch hinter dieser lustigen Oberfläche verbirgt sich ein Grundsatzentscheid: Gemeinschaft. «Begegnung und Freiheit» lautet das Motto des Projekts, sagt Kurator Benedikt Wyss: totale künstlerische Freiheit im Umgang mit dem alten Haus, aber permanente Begegnung und Austausch, entgegen der normierten Galeriefläche an der Art Basel, wo jeder nur sich selbst präsentiert. Herausgekommen ist «eine begehbare Skulptur, ein lebender Organismus», sagt Wyss.

Der Ort ist geheimnisvoll. Ein altes Haus, das im August abgerissen wird, um 21 topmodernen Wohnungen Platz zu machen; die riesigen Bäume im Vorgarten mussten bereits weichen. Innendrin haben sich zwölf Künstler für drei Wochen zum Arbeiten, Austauschen und Leben eingenistet.

Sie alle kommen auf Einladung der Kuratoren Demian Wohler und Benedikt Wyss. Jeder durfte sich einen Raum aussuchen und diesen nach Belieben bespielen. Einzige Bedingung: die Künstler mussten hier auch wohnen und den Besucherinnen und Besuchern Red und Antwort stehen.

Das Gemeinschaftliche wird gross geschrieben, das Projekt bewusst für das lokale Publikum kreiert. Täglich haben kommen an die fünfzig Besucher, oft sogar mehr. Jeden Tag hat die Künstler-WG Geschenke aus der Nachbarschaft bekommen: frisches Brot, selbstgebackenen Kuchen, einen Früchtekorb, und sogar Geld. Viele Kinder haben auf dem Gelände getobt, den Bagger bedient, das Boot gefahren.

Gesammelte Beleidigungen

Und die Kunstwerke? Sind zart, poetisch, wild und rau. Carole Fuchs hat tief im Keller einen Brunnen ausgegraben, der alte Weinflaschen zu Tage förderte – im Kellerdunkel ist so eine stimmungsvolle Licht- und Klanginstallation über die ganz alten Jahre dieses Hauses entstanden.

Das Duo «Once We Were Islands» denkt darüber nach, was ein sterbendes Haus wie dieses empfindet. Und die Gruppe «New Agency» tapeziert das Haus mit sinnigen Sprüchen, mit denen sie sich auch schon mal auf die Strasse stellen. «I have to work» steht auf einem davon.

Das vielfältigste Kunstwerk stammt von Sybren Renema. Er hat Beleidigungen aus der Reformationszeit gesammelt und in Zitaten an die Wand geschrieben. Er lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, mit ihm und seinem Schlagzeug gemeinsam Punkrockmusik zu spielen. Und: Er wirft jeden Tag einen Fernseher zum Fenster hinaus.

Sein Bezugspunkt: die Prager Fensterstürze in der Reformationszeit. Damals wurden Reformatoren aus dem Fenster geschmissen – «und weil ich ein Punk bin, werfe ich keine Reformatoren aus dem Fenster, sondern Fernseher», sagt der Künstler.

«Das wird nie langweilig», erzählt Sybren Renema. «Wenn ich schlecht drauf bin, trägt mich das durch den Tag. Es gibt mir Struktur und Inhalt in meinem Leben», sagt er und grinst verstohlen. Jetzt wissen wir, was wir bei der nächsten Herbstdepression tun können: Einfach mal den Fernseher aus dem Fenster werfen.

Haus 99 Neuweilerstrasse 99, Basel. Bis 19. Juni, täglich geöffnet von 12 bis 14 Uhr und auf Anfrage. www.deliprojects.com