Die neue Baselbieter Kulturdirektorin Monica Gschwind (FDP) hat bisher vor allem mit Sparmassnahmen Aufsehen erregt. Noch vakant ist zudem die Stelle der Baselbieter Kulturchefin, des Kulturchefs. Sie hat die Besetzung sistiert, möchte jemanden nach eigenem Gutdünken einsetzen. Doch was hat Monica Gschwind eigentlich für kulturpolitische Visionen? Vor allem das wollten wir im ersten exklusiven Zeitungsinterview, das sie als Regierungsrätin gibt, von ihr wissen.

Stellen Sie sich vor: Wir haben das Jahr 2023. Sie sind acht Jahre im Amt. Wie sieht die Kulturlandschaft in der Region aus, was werden Sie bis dahin bewirkt, gestaltet haben?

Monica Gschwind: 2023 haben wir immer noch ein reges Kulturleben in der Region. Es gibt weiterhin die Kulturinstitutionen in der Stadt: Stark geprägt von der Stadt, weiterhin mitunterstützt von Baselland – in welcher Form, das werden wir in den kommenden Jahren aushandeln. Und im Baselbiet wird es ein vielfältiges Kulturangebot geben, das ich nach Kräften unterstütze.

Und was wird anders sein als heute? Wo setzen Sie Akzente?

Auch dann werden wir ein Kulturleitbild haben, auf das wir uns abstützen. Das jetzige gilt bis 2017. Es wird die Aufgabe der neuen Leitung Kulturelles BL sein, ein neues Leitbild zu erarbeiten – mit Einbezug der Bevölkerung. Es ist und bleibt unsere Leitplanke.

Das Leitbild ist allgemein gehalten. Was haben Sie konkret für Ideen, wo setzen Sie Schwerpunkte?

Es soll ja nicht um meine persönlichen Vorlieben gehen. Wir orientieren uns deshalb am Leitbild. Mir ist es sehr wichtig, dass es für jede Einwohnerin, für jeden Einwohner im breiten Angebot etwas gibt, das sie oder ihn interessiert. Vom Brauchtum bis zum Experimentellen soll alles Platz haben. Letzteres muss der Kanton etwas stärker fördern, damit das überhaupt entstehen kann. Daraus entwickelt sich wiederum Neues. Auch im Jahr 2023 soll alles Platz haben.

Es bleibt also alles gleich wie heute?

Es werden sich neue Akzente herauskristallisieren. Das Kulturleben entwickelt sich ständig weiter. Jetzt setzen wir auch darauf, dass wir die Filmförderung stärker unterstützen. Aus solchen Experimenten von heute entsteht in Zukunft Neues.

Als Kulturvorsteherin haben Sie es aber in der Hand, Einfluss zu nehmen, eigene Visionen umzusetzen.

In erster Linie sind es die bikantonalen Fachausschüsse, die gemäss klaren Richtlinien entscheiden, was gefördert wird. Ab einer gewissen Beitragshöhe gehen die Gesuche über meinen Tisch – ebenso wie alle Empfehlungen an den Baselbieter Swisslos-Fonds. Ich schaue das sehr sorgfältig an. Vor allem sollen aber die Leute via Kulturleitbild mitbestimmen können. Und wir möchten sicher weiterhin die Laienkultur auf dem Land stark unterstützen.

Was ist denn Landkultur für Sie – im Gegensatz zur Stadtkultur?

Hier in der Landschaft ist die Laienkultur ausgeprägter: Ich denke etwa an die vielen Chöre und Laientheater. Im Baselbiet finden aber auch einige ortsspezifische Kunstprojekte statt, etwa die interessante Ausstellung auf der Sissacher Fluh. Da tut sich sehr viel. Bei der städtischen Kultur ist der Anteil an Laienkultur vermutlich etwas geringer. Stadt und Landkultur vermischen sich natürlich zu einem gewissen Grad.

Aber die Laienkultur funktioniert gut ohne Subventionen.

Zum Teil. Viele Laientheater und Musikschulen kommen zum Glück auch ohne Subventionen aus. Aber punktuell brauchen auch Laien Unterstützung für grössere Kulturprojekte – gerade die zahlreichen Chöre.

Das heisst, Sie wollen die Laienkultur stärker fördern?

Es soll im bisherigen Rahmen bleiben. Aber wir möchten die Vermittlung der Kultur stärken, möchten sie der Bevölkerung näher bringen. Schulklassen und Jugendliche sollen an Kultur herangeführt werden. Da können wir als Kanton noch einiges tun, hier sind wir noch nicht am Ziel.

Aber die meisten Baselbieter pendeln ins kulturelle Zentrum, in die Stadt, um Kultur zu geniessen. Ist die Stadtkultur somit ein Bestandteil der Landkultur?

Ja, das gehört für mich zusammen, das darf man nicht trennen oder gegeneinander ausspielen. Beides ist gleich wichtig. Aber es ist nicht unbedingt so, dass alle in die Stadt gehen, um Kultur zu geniessen. Man frequentiert durchaus auch die verschiedenen Dörfer. Ich denke an die vielen Theater- und Choraufführungen oder an Festivals wie «Jazz uf em Platz» in Muttenz. Da kommt auch die Stadt aufs Land. So soll die ganze Region vom städtischen und vom ländlichen Kulturangebot profitieren.

Sie wollen die regionale Kultur stärken. Im Gegenzug wird nun beim etablierten Neuen Theater am Bahnhof Dornach gespart. Das wirkt widersprüchlich.

Das ist keine Einsparung. Der Beitrag bleibt gleich hoch, 50 000 Franken jährlich. Man wollte ihn erhöhen, aber schon im Frühling mussten wir signalisieren, dass das wahrscheinlich nicht drinliegt. Wir können den Beitrag nicht wie gewünscht erhöhen, aber wir hoffen, dass wir 2017/18 wieder mehr Spielraum haben – und doch aufstocken können.

Baselland hat sich an den Investitionen für den Neubau beteiligt. Das neue Haus bringt höhere Betriebskosten mit sich. Es macht keinen Sinn, das Theater nun fallen zu lassen, nachdem man sich an dessen Vergrösserung beteiligt hat.

Wir lassen das Theater nicht fallen, wir subventionieren es weiterhin mit 50 000 Franken. Und wir hoffen, dass wir den Beitrag 2017 erhöhen können.

In vielen Institutionen auf Stadtboden stellt das Baselbieter Publikum rund die Hälfte der Zuschauer. Wie können Sie es rechtfertigen, dass Baselland für bezogene Leistungen nicht bezahlt?

Wir zahlen nicht nichts: Über die Kulturvertragspauschale zahlen wir bis jetzt rund zehn Millionen Franken jährlich an Basler Institutionen. Nun sind wir in einer schwierigen finanziellen Situation. Deshalb verhandeln wir mit der Stadt, wie wir in Zukunft welche Institutionen mittragen. Das bisherige Modell finde ich gut: Wir können bestimmen, welche Institutionen das Geld direkt von uns erhalten. Aber nun müssen wir eine Auslegeordnung machen und alle Optionen prüfen.

Baselland kommt mit diesen knapp zehn Millionen sehr gut weg. Wenn man die Anteile genau ausrechnen würde, müsste das Land viel mehr bezahlen. Stattdessen waren sie schon nah dran, diese Pauschale sogar zu halbieren.

Die Stadt muss, wie jede Stadt, Zentrumsleistungen erbringen. Das ist in Zürich und Bern auch so. Und die Stadt will sich so ein Kulturangebot leisten.

Gerade in Zürich zahlt der Kanton sehr viel an die Zentrumskultur. Oder Appenzell zahlt verhältnismässig viel mehr an St. Gallen.

Das ist ein anderes Modell, wie ein Lastenausgleich. Die Stadt Zürich kann das Geld so verwenden, wie sie will. Wir haben bisher ein anderes Modell. Nun werden die Verhandlungen zeigen, wie wir das in Zukunft handhaben.

Aber das Problem würde bei Kürzungen verschärft: Baselland bezieht Leistungen und bezahlt nicht.

Man muss sich überlegen, wie stark man diese Institutionen überhaupt subventionieren will. Und wie viel etwa ein Theaterbesuch kosten soll. Das sind Diskussionen, die wir werden führen müssen. Die Stadt will sich viel leisten; wir können uns nicht so viel leisten.

Vielleicht müsste Baselland seine Steuern erhöhen?

Baselland hat mit dem Entlastungspaket schon viele Einsparungen getätigt. Steuererhöhungen sind politisch im Moment nicht durchsetzbar. Das Problem ist ohnehin, dass die Ausgaben ständig steigen: Hier müssen wir den Hebel ansetzen. Man hat immer den Eindruck, ich wolle sparen. Ich will gar nicht sparen. Ich setze mich für meine Bereiche, Bildung und Kultur, ein. Ich versuche die Sparvorgaben möglichst gut abzufedern und mit Augenmass umzusetzen.

Mit Augenmass sparen klingt gut. Aber was bedeutet es genau?

In der Kultur hätten wir in der Kantonsbibliothek gerade die Gebühren verdoppeln müssen. Hier konnten wir einen anderen Weg finden. Und so waren in vielen Bereichen viel einschneidendere Massnahmen angedacht, die wir staffeln oder abfedern konnten.

Aber um mit Augenmass sparen zu können, müssen Sie doch ganz genau wissen, was Sie wollen.

Wie gesagt: Das Programm soll möglichst intakt und attraktiv bleiben. Aber wie sich die Kultur entwickelt, das kann nicht ich sagen oder vorschreiben. Die Kultur entwickelt sich – und wir fördern sie dabei, so gut wir können.

Dann spielt es ja gar keine Rolle, wer Kulturvorsteher ist.

Doch, schon. Ich setze nun natürlich einen neuen Leiter Kultur ein. Das wird auch ein Signal sein. Mir ist wichtig, dass wir eine Person haben, welche die Kultur mitprägt. Mit ihr werde ich sehr eng zusammenarbeiten.

Wer wird das sein?

Wir sind noch mitten im Prozess, aber auf der Zielgeraden.

Was erwarten Sie denn von der Kulturchefin oder dem Kulturchef?

Dass sie in engem Kontakt ist mit den Kulturschaffenden und sich ein Bild über Angebote und Resonanz schafft. Und sie soll offen sein für Neues.