«Am ersten November 1958 habe ich bei der Hanro angefangen. Da war ich 21 und war ich nicht sicher, ob ich bleibe. Ich kam aus der Lehre zum Feinmechaniker und musste mich erst mal einstellen auf diese Textilsachen, das schien mir Frauenarbeit. Aber ich bin dann doch geblieben, 34 Jahre lang. Erst als Maschineneinrichter, später als Leiter der Galon-Abteilung. Galon ist die Bezeichnung für die Borten und Bänder, die an Kleidern angebracht werden. Zum Beispiel an die Bonneterie, also die Leibwäsche, Hemdchen und Slips und so weiter.

Seinerzeit war Hanro eine Prestige-Firma, man war stolz, dort zu arbeiten. Es gab für die Mitarbeiter eine eigene Garage, wo man während der Arbeitszeit sein Auto reparieren lassen konnte, und eine firmeneigene Krankenkasse.

Gestaffelte Pausen

Der Lohn lag über dem Durchschnitt. Ganz am Anfang verdiente ich drei Franken zwanzig in der Stunde, das war gut, direkt nach der Lehre. Eine Arbeitswoche hatte 48 Stunden. Wir fingen morgens um fünf nach sieben an, um fünf vor halb sechs war Feierabend. Pausen machten wir gestaffelt, schliesslich konnten nicht 600 Mitarbeiter gemeinsam in die Kantine. Die Masse der Angestellten war auch ein Verkehrsproblem. Es gab extra drei Leute, die mussten bei der Verkehrspolizei winken lernen, um die Autos aufs Gelände zu lotsen.

Am Feierabend liefen ganze Scharen von Frauen zum Bahnhof. Als ich in Liestal in der Rekrutenschule war, haben wir aus dem Fenster geschaut, wenn sie vorbei kamen. Meine Frau habe ich bei Hanro zum ersten Mal gesehen, sie war Glätterin.

Bedrückendes Arbeitsklima während der Krise

In die Ferien gingen alle zur gleichen Zeit. Zwei Wochen lang stand alles still. Das war wegen den Italienern. Die wollten alle einmal im Jahr nach Hause. Die Hanro hat sie eigens angeworben und Personalhäuser gebaut, um sie unterzubringen. Wir sagten jeweils «Jetzt ist wieder ein Schiff angekommen», wenn Neue kamen. Am Anfang hatten die es natürlich schwer, sie konnten ja kein Deutsch. Aber mit der Zeit haben viele von uns Italienisch gelernt, und man hat sich gut verständigt.

Während der Hochkonjunktur war das Arbeitsklima sehr gut. Aber als immer mehr Abteilungen geschlossen wurden, war es bedrückend. Mir sagte man lange, die Galon-Abteilung werde es immer brauchen. Aber ich spürte, dass es zu Ende ging. Also habe ich die Fühler ausgestreckt. Als meine Abteilung zugemacht wurde, musste ich meinen neuen Vertrag nur noch unterschreiben.

Ich ging nach Bubendorf zur Firma Bachem. Zehn Jahre war ich dort, als Mechaniker, als Lagerist und für Abwartsdienste. Das war ein Schritt rückwärts. Bei der Hanro war ich wie ein kleiner König. Und bei Bachem wieder wie ein Lehrbub. Das war nicht leicht. Aber in der Erinnerung überwiegt das Gute. Die Hanro war für die Region von grosser Bedeutung. Dem Areal sehe ich das heute kaum mehr an, hier ist es sehr anders als damals. Aber im Archiv ist noch etwas davon zu spüren.»