Eines stellt Kardinal Kurt Koch gleich klar: «Ökumene heisst nicht: Die Protestanten akzeptieren den Papst als ihr Oberhaupt; und die Katholiken verzichten dafür auf Maria.» Der Kurienkardinal und Ökumenebeauftragte des Papstes hat in seinen vielen Reisen in Europa, Afrika und Asien vielmehr gelernt, dass das Einswerden der Christen in der Ökumene nicht die Einheit in der Gleichheit zum Ziel habe, sondern die Einheit in der Vielfalt. Nicht Kompromiss oder gar Fusion stünden am Ende des Ökumene-Prozesses, sondern die Anerkennung der Stärken der anderen Konfessionen, sagte er bei seinem gestrigen Besuch in der Peter-und-Paul-Kirche von Oberwil.

Eingeladen wurde der ehemalige Bischof von Basel von der Merkuria Basel, der Vereinigung Christlicher Unternehmer (VCU) und der CVP-Vereinigung «Kirche und Gesellschaft im Dialog». In der Kirche sprach Koch mit VCU-Vorstandsmitglied Lukas Stutz, «Kirche und Gesellschaft»-Vorsteherin Sabrina Corvini-Mohn und Merkuria-Präsident Martin Kohler über seine Aufgaben als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, die er nach seinem Rücktritt als Bischof von Basel 2010 im Vatikan übernommen hat. Die zahlreichen Besucher brachten sich ebenfalls mit Fragen ein.

Christen: 80 Prozent der Verfolgten

«Wir müssen uns nicht in allem einig sein», sagte Koch. «Wir müssen vielmehr erkennen, dass wir denselben Glauben nur auf unterschiedliche Weise ausdrücken.» Deshalb gebe es auch keinen Grund zu warten, bis die «volle Einheit» erreicht sei. Schon heute könnten sich die christlichen Kirchen gemeinsam äussern zur Diakonie, zur Verkündigung des Evangeliums und zu Fragen der Gesellschaftspolitik.

Vor allem gegenüber der grössten Christenverfolgung aller Zeiten sei Ökumene unabdingbar: «Die Diktatoren interessieren sich nicht für Konfessionen.» 80 Prozent der religiös Verfolgten weltweit sind laut Koch Christen: «Das sind weit grössere Dimensionen als zur Zeit der römischen Kaiser.» Dabei müssten sich die Christen auf ihren Glauben verlassen: «Menschen können nur spalten. Die Einheit erreichen kann nur das Gebet», sagte Koch: «Eigentlich ist der Heilige Geist der Ökumene-Beauftragte, nicht ich.»

Weitere aktuelle Projekte, an denen Koch arbeitet, sind die 50. Jahresfeier der Annäherung von Orthodoxen und Katholiken Anfang Dezember sowie das grosse Reformationsjubiläum 2017. Koch teilt die Christen in vier grosse Gruppierungen: Die Katholiken, die Orthodoxen, die Protestanten und die Pentekostalen (Pfingstkirchen). Zu Vertretern aller Gruppierungen hat er regelmässigen Kontakt. Besonders am Herzen liegen ihm als Mitglied des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog aber auch die Juden, deren Religion er als «die Mutter des Christentums» bezeichnet. Besondere Sorge macht ihm deshalb das «rasante Anwachsen des Antisemitismus in Europa».

Wer so viel in der Ökumene unterwegs sei wie er, könne kein guter Katholik mehr sein, werde ihm bisweilen vorgeworfen, erzählte Koch: «Das Gegenteil ist der Fall: Erst wenn man ihn von aussen sieht, weiss man seinen eigenen Glauben zu schätzen.» Der gebürtige Emmenbrücker erwies sich gestern auch bei anderen Themen als progressiver Geistlicher im Sinne Papst Franziskus›.

«Kirche muss sich wandeln»

Wie im Dialog mit anderen Christen müsse sich die römisch-katholische Kirche auch in der neuen vielfältigen, säkularisierten Welt zurechtfinden lernen: «Jesus sagte nie, die Kirche werde immer so bleiben, wie sie ist. Kirche muss sich wandeln.» Auch wenn Franziskus bei der Familiensynode viele Kardinäle gegen sich gehabt habe, konnte Koch laut eigener Aussage in der Kurie «keinen Feind des Papstes» ausmachen: «Alle sind loyal.» Dabei dürfe man nicht vergessen, dass eine Synode im vatikanischen Sinne kein Parlament sei, bei dem eine Mehrheit entscheide, sondern ein beratendes Gremium, das um Konsens ringe.