Ein Mann lässt Gas ausströmen, um sich umzubringen, er bricht den Versuch ab, und einen Tag später explodiert deshalb das Haus: Was simpel klingt, führt im Strafgericht in Muttenz derzeit zu einer komplizierten juristischen Auseinandersetzung.

Der Angeklagte selber beteuerte am Dienstag erneut, es habe sich um einen Unfall gehandelt. An jenem Samstag im April 2012 habe er bloss Brötchen aufbacken wollen und nicht gewusst, dass trotz Lüften noch derart viel Gas im Raum sei.

Staatsanwalt Jörg Rudolf bezeichnete dies am Dienstag in seinem Plädoyer als Schutzbehauptung: Der Mann habe sich schlichtweg durch eine Explosion das Leben nehmen wollen und damit auch weitere Verletzte und Tote in Kauf genommen.

 

Laut Spurensicherung sei der Backofen zum Zeitpunkt der Explosion geschlossen gewesen, die Brandspuren fänden sich am anderen Ende der Küche, die Regler der Herdplatten seien aufgedreht gewesen.

Dies alles widerspreche den Aussagen des 56-Jährigen deutlich. Er habe auch bloss ein paar Fenster gekippt, nicht aber richtig gelüftet.

Rudolf forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren, effektiv absitzen müsste der Mann davon zwölf Monate. Durch die Möglichkeit der Halbgefangenschaft könnte er damit seine Stelle als Koch behalten.

Ob dieser sogenannte Eventualvorsatz tatsächlich nachgewiesen ist, ist allerdings unklar, und so hat die Staatsanwaltschaft als Alternative auch noch den fahrlässigen Umgang mit dem Gas angeklagt: Er habe als Koch früher sieben Jahre lang professionell mit Gasherden gearbeitet und hätte daher die üblichen Vorsichtsmassnahmen kennen müssen. Bei einem Schuldspruch sei eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten angemessen.

Das sogenannte Anklageprinzip verlangt jedoch, dass diese Pflichtwidrigkeiten dem Angeklagten pingelig genau vorgeworfen werden, sonst darf das Gericht sie nicht berücksichtigen. Als am Montag der technische Experte nebenbei erwähnte, nur ein Fachmann mit einem Gasmessgerät könne definitiv feststellen, ob noch ein gefährliches Gemisch vorhanden sei, war das Staunen im Gerichtssaal gross.

Tatsächlich empfiehlt deshalb ein Merkblatt, bei Gasgeruch sofort die IWB oder die Feuerwehr zu benachrichtigen. Das hatte der Mann offensichtlich nicht getan.

Das Dreiergericht erlaubte am Dienstagmorgen der Staatsanwaltschaft, die Anklageschrift um diesen «neuen Aspekt» zu erweitern. Ob das rechtlich zulässig ist, ist umstritten. «Wenn die Anklage ungenügend ist, nur weil die Staatsanwaltschaft etwas vergessen hat, ist das nicht erlaubt», kritisierte der Verteidiger.

Man könne seinem Mandanten jetzt nicht Fahrlässigkeit vorwerfen, bloss weil er keinen Gasexperten beigezogen hat. «Wenn es die Staatsanwaltschaft nicht wusste, wie sollte es mein Mandant wissen?», fragte der Verteidiger. Der 56-Jährige betonte, er habe das Merkblatt nie gesehen.

Auch bei der Spurenauswertung mahnte der Verteidiger zur Vorsicht: Es seien viele Feuerwehrleute am Bergungsort gewesen, dabei sei viel verändert worden.

Auch dürfe man die widersprüchlichen Aussagen seines Mandanten, wie stark er gelüftet habe, nicht auf die Goldwaage legen:

Der Vorfall liege drei Jahre zurück, und der Mann sei an jenem Wochenende ebenfalls schwer verletzt worden. Er forderte einen vollumfänglichen Freispruch. Das Dreiergericht wird sein Urteil am nächsten Dienstag bekanntgeben.