Esther Althaus, was ist Lärm?

Esther Althaus: Eine klare Definition für Lärm gibt es nicht. Lärm ist störender Schall, wird immer von anderen gemacht und hält einen von etwas ab. Lärm kann den Schlaf, das Lesen oder die Konzentration beeinträchtigen.

«Der andere machts.» Was heisst das? Die Natur erzeugt doch auch Lärm.

Richtig. Kuhglocken, der Hahn oder der Hühnerhof führen immer wieder zu Lärmbeschwerden. Selbst eine Fischtreppe oder das Wasserrad einer alten Mühle. Die Natur macht schon auch Lärm, und Tierhaltung in Wohngebieten ist generell kritisch. Jedoch geniesst die Natur sehr viel Goodwill. Ganz im Gegensatz zum Nachbarn, mit dem allenfalls sonst schon Probleme bestehen.

Glockengeläut …

...  auch Kirchenglocken sind immer wieder ein Thema.

Lärm ist sehr unterschiedlich.

Es gibt Lärmarten mit gesetzlichen Grenzwerten und Vorgaben, wie sie berechnet, gemessen und beurteilt werden. Dazu gehören zum Beispiel Strassenverkehrslärm, Eisenbahnlärm und Gewerbelärm. Schwieriger ist es beim sogenannten Alltagslärm, bei dem es keine Grenzwerte gibt. Dazu gehören Tierlärm, Baulärm oder Sport- und Freizeitanlagen-Lärm. In diesen Fällen stützen wir uns auf Studien und Erfahrungswerte, um abschätzen zu können, ob es sich um eine übermässige Störung handelt. Wir müssen uns jedoch bewusst sein: Niemand hat das Recht auf vollständige Ruhe. Einen gewissen Lärm muss jeder tolerieren.

Wie wird Lärm gemessen?

Unsere Masseinheit ist das Dezibel. Es gibt noch verschiedene andere Einheiten, beispielsweise die der Lautstärke. Diese werden jedoch in Spezialgebieten verwendet.

Sind Messungen das einzige objektive Kriterium, um zu bestimmen, was als Lärm gilt und was nicht?

Nein. Der Lärmpegel kann häufig berechnet werden – zum Beispiel bei Wärmepumpen: Aufgrund der technischen Angaben für die Anlage kann ich berechnen, wie viel Lärm diese beim Nachbarn erzeugt. Dasselbe gilt auch für Strassenverkehrs- oder Schiesslärm.

Eine Klage «Das ist mir zu laut, das stört mich» zählt nicht?

Das subjektive Empfinden ist kein Kriterium, um Lärm zu beurteilen. Es gibt immer wieder Situationen, bei denen die Grenzwerte eingehalten werden und der Betroffene sich trotzdem gestört fühlt, weil er darauf sensibilisiert ist.

Wird Lärm primär subjektiv empfunden?

Grundsätzlich schon. Das Empfinden des Lärms steht und fällt mit der persönlichen Einstellung zur Geräuschquelle. Es sei denn, es ist so laut wie ein Presslufthammer oder Düsenjet.

Sind es im Sommerhalbjahr mehr Lärmklagen als im Winter?

Nein, aber andere. Wir haben vor allem wegen technischer Anlagen Lärmklagen: im Winter Wärmepumpen, im Sommer Klima- und Lüftungsanlagen.

Gibt es eine Rangliste von LärmKategorien?

Am meisten Leute sind vom Strassenlärm betroffen, danach folgt der Bahnlärm. Viele fühlen sich auch von Baulärm gestört. Dieser ist nicht so monoton wie beispielsweise derjenige von Autobahnen.

Das Mobilitätsbedürfnis der Gesellschaft profitiert vom privaten und öffentlichen Verkehr, und trotzdem fühlen sich viele dadurch gestört. Das ist paradox.

Das ist so. Die negativen Auswirkungen der Mobilität – also auch den Lärm – produzieren wir selber. Aber gerade in der Mobilität will niemand eingeschränkt werden.

Gibt es besonders lärmempfindliche Menschen?

Bestimmt. Dazu muss ich aber erwähnen, dass Lärmverursacher im Rahmen der 24-Stunden-Gesellschaft nicht mehr so viel Rücksicht nehmen wie früher. Auf der anderen Seite schwindet die Toleranz, Lärm zu ertragen. In einem lärmigeren Umfeld wird das Ruhebedürfnis der Menschen zunehmend grösser.

Macht Lärm krank?

Das trifft zu. Darüber sind schon zahlreiche Studien verfasst worden. Die Folgen von Lärm können Hörschäden, Schlafstörungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein.