Einige hundert Meter neben dem Hof von Peter Sieber sieht es aus wie in einem schweizerischen Tourismus-Prospekt. Auf einer satten Weide oberhalb von Seewen grasen rund 20 Simmentaler Kühe. Die rot-weissen Tiere haben ausgiebig Platz und tragen stolz ihre Hörner zur Schau.

Obschon dieses Postkarten-Motiv in vielen Köpfen fest verankert ist, entspricht es längst nicht mehr der Realität. Viele Züchter möchten heute hornlose Kühe, um Verletzungen in Laufställen zu vermeiden. «In der Schweiz haben nur etwa zehn Prozent aller Kühe noch ihre Hörner. Das ist eine sehr schlechte Entwicklung», findet Bauer Sieber. Der 66-Jährige engagiert sich deshalb für die Hornkuh-Initiative, über die das Schweizer Stimmvolk Ende November entscheidet. Die Initiative verlangt, dass Halter von behornten Tieren für den Mehraufwand entschädigt werden. Morgen Sonntag veranstaltet die IG Hornkuh auf dem Hof Unterackert der Familie Sieber ein Hornfest. Initiant Armin Capaul ist zu Gast im Schwarzbubenland.
Gras statt Kraftfutter

Dem Berner zuliebe lässt Peter Sieber am Nachmittag eine seiner Kühe zur sogenannten Miss Horn küren. «Da es der Sache dient, ist es in Ordnung», erklärt er. Viehschauen, wie er sie früher selber auf seinem Hof abhielt, hat er aber abgeschworen. «Aus Liebe zu den Tieren und aus wirtschaftlichen Gründen habe ich meinen Betrieb völlig umgestellt.» Einst fütterte er seine Kühe und Schweine mit Kraftfutter, was in der Landwirtschaft der Normalfall ist. «Ich stellte schnell fest, dass diese Art der Haltung nicht nur hohe Kosten verursacht, sondern das Vieh auch schädigt.» Immer wieder habe der Tierarzt auf den Hof kommen müssen, was jedes Mal eingeschenkt habe.

«Meine Kühe kriegen nur noch Gras, Salz und Wasser», erklärt Sieber. Seine Wollschweine füttert er einzig mit Gerstenmehl und Wasser. Mehr Bio gehe nicht, so der Seewner, der auf dem Hof Unterackert zur Welt gekommen und aufgewachsen ist. 1976 hat er den elterlichen Betrieb übernommen und vier Jahre später auf biologische Landwirtschaft ausgerichtet. Aktuell führt er den Bauernhof mit seiner Frau Astrid. Die vier Töchter und einige freiwillige Helfer unterstützen ihn, wenn Not am Mann ist.
Die Verbundenheit zu seinen Tieren brachte Sieber auch dazu, die Hörner der Kühe wachsen zu lassen. «Die Hörner abzusägen, ist Tierquälerei, da die Kühe noch lange Schmerzen haben.» Das Argument der Gegner, die Hörner seien gefährlich, lässt er nur teilweise gelten. «Lässt man die Kühe auf einer Weide leben, wachsen die Hörner gleichmässig. Ist das Vieh in einem Stall eingepfercht, wachsen sie in die unterschiedlichsten Richtungen. So können die Hörner wirklich zur Gefahr werden», sagt Sieber, der sich einen Namen als erfolgreicher Züchter der Simmentaler Kühe machen konnte.

An den meisten Tagen des Jahres holt Peter Sieber seine Tiere von der Weide, um sie zu melken. «Die Entfernung der Hörner wirkt sich auch negativ auf die Qualität der Milch aus.» Studien hätten ergeben, dass Milch von behornten Kühen auch für Menschen mit Laktoseintoleranz zu geniessen sei. Er habe einer Frau aus Nuglar-St.Pantaleon, die an der Unverträglichkeit leidet, Milch seiner Kühe zu trinken gegeben. «Sie hatte keinerlei Beschwerden und bedankte sich überschwänglich bei mir.» Am liebsten würde der Bauer seine Milch – wie auch das Fleisch der Kühe, Kaninchen und Schweine – direkt auf seinem Hof vertreiben. Das sei aufgrund der Menge aber nicht möglich, weshalb er sie der Mooh Genossenschaft verkauft.

Kritiker von Direktzahlungen

Auch wenn Sieber bei einer Annahme der Hornkuh-Initiative mehr Direktzahlungen blühen, ist der Bauer grundsätzlich ein Kritiker von Subventionen. «Die unzähligen Direktzahlungen, welche die Landwirte erlangen können, hemmen die Kreativität und führen zu Trägheit.» Mit seiner Meinung sei er in Bauernkreisen ein Aussenseiter, ist er sich bewusst. Und ganz ohne Direktzahlungen kommt auch er nicht aus. Er werde vom Staat unterstützt, da sich sein Hof an Hanglage befinde.

Dazu könnte bald noch ein Beitrag für die behornten Kühe auf der Weide kommen. Peter Sieber blickt der Abstimmung in zweieinhalb Monaten optimistisch entgegen. «Die Schweiz wird ein Zeichen setzen: Eine Kuh ist nur dann eine Kuh, wenn sie Hörner hat.»

Sonntag ab 10 Uhr: Hornfest auf dem Hof der Familie Sieber. Unterackert 2, 4206 Seewen.