Es war eine Unbedachtheit, welche die Muttenzer Sekundarlehrerin Anita Biedert ins Elend stürzte. Eine SMS an einen ihrer ausländischen Schüler, der die Schule mit einer billigen Ausrede schwänzte. Eine «Dummheit», wie sie heute einräumt. Was aber darauf folgte, stürzte Biedert in die bisher schlimmste Krise ihres Lebens. Eine andere Lehrerin liess einen Aufsatz mit dem Titel «Frau Biedert und die Ausländer» schreiben. Im Muttenzer Lehrerkollegium wurde die heute 64-Jährige fortan gemobbt; letztlich verlor sie ihre Stelle. Anita Biedert war eine geknickte Frau.

Zwei Jahre ist es her, dass die Geschichte national für Schlagzeilen sorgte. Anita Biedert sagt, sie habe danach nicht durch Muttenz spazieren können, ohne dass sie die Blicke der Dorfbewohner durchbohrt hätten. Sie habe sich entscheiden müssen: «Entweder ich suhle mich in Selbstmitleid; oder ich strample mich frei.» Biedert entschied sich für Letzteres. Und brauchte nicht lange, um wieder mitten im Leben anzukommen. Heute unterrichtet sie als Primarlehrerin in Binningen und politisiert seit Jüngstem im Kantonsparlament. Beim Treffen mit der «Schweiz am Wochenende» will sie sich nicht lange mit der Vergangenheit aufhalten.

Eigentlich will sie sich gar nicht dazu äussern. Wenn man sie nach dem Wohlergehen fragt, dann wirft sie mit Superlativen um sich, dass es schon fast wieder verdächtig ist. «Sie fragen, wie es mir geht?», sagt sie beim Treffen im Regierungsgebäude, wo sie am Donnerstag zum vierten Mal für die SVP an einer Landratssitzung teilnimmt – sie ist für die zurückgetretene Rosmarie Brunner nachgerückt. «Mir geht es hervorragend. Ich bin eine Stehauffrau. Mein Temperament dürfte darauf zurückzuführen sein, dass ich halbe Tessinerin bin.» Heute betrachte sie ihr Leben als «Geschenk Gottes». Und: «Ich bin gesund und meine Familie auch. Was will ich mehr?»

Stets eine «Chrampferin»

Anita Biedert wirft wie eine Motivationstrainerin mit lebensbejahenden Formeln um sich. Wer sie wirklich kennenlernen will, muss sich vielleicht besser mit ihrer Biographie auseinandersetzen. Biedert wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater Peter Vogt war zwar der letzte Schwingerkönig der Region; damals spülte dieser Titel aber kein Geld in die Familienkasse. Ihr Bruder heisst auch Peter mit Vornamen («der liebste Bruder, den du dir vorstellen kannst») und wurde später CVP-Gemeindepräsident in Muttenz. Im Schwingermilieu der 60er-Jahre hatten die Männer das Sagen. «An den Schwingfesten waren keine Frauen anzutreffen», erinnert sich Biedert. Und wenn die Schwinger nach den Wettkämpfen feiern gingen, dann meist ohne weibliche Begleitung.

Andere Frauen begehrten gegen die klassischen Rollenverteilungen auf. Anita Biedert mochte diese ganzen Genderdebatten nicht führen. Sie sind ihr noch heute zuwider. Sie machte, worauf die Eltern stolz sein konnten. In der Schule holte sie gute Noten und gab auch im Sport eine gute Figur ab. Als einziges Mädchen durfte die Handball-Nationalspielerin am Gymnasium mit den Buben mittun. In der Freizeit spielte sie Schwyzer Örgeli und jodelte. Nach der Schulzeit liess sie sich zur Lehrerin ausbilden und gründete eine Familie. Sie sei schon immer eine «Chrampferin» gewesen, sagt Biedert. Sie sei schnell und effektiv: Sei es bei der Gartenarbeit oder beim Putzen. Die Wurzel der Herkunft könne nie gekappt werden, so Biedert. Deshalb hat sie Mühe, etwas zu entsorgen und verwertet alles Mögliche. «Und wenn ich einkaufe, bin ich eine Schnäppchenjägerin.» Gleichzeitig legt sie sehr viel Wert auf ihre Erscheinung. «Ich bin eitel», sagt sie, um eine weitere Weisheit hinterherzuschieben: «Es ist doch wie bei einem Kuchen. Der schmeckt nur halb so gut, wenn er nicht verziert ist.»

Genauso fühlt sich die bekennende Christin verpflichtet, das, was ihr «Gott gegeben hat», gut zu verpacken. So betrachtet sie es auch als eine Form des Anstandes, nicht mit den Jeans in die Oper zu gehen und gepflegt vor die Schulklasse zu treten.

Stramme SVPlerin

Dass ihre Verpackung Anlass zu Gesprächsstoff liefert, ist sich Biedert bewusst. Eine dicke Makeup-Schicht liegt auf ihrem Gesicht, ihre Lippen sind meist knallig pink. In der SVP, wo an den Stammtischen gerne auch Herrenwitze die Runde machen, macht man sich gelegentlich über den Paradiesvogel aus Muttenz lustig. Natürlich wollen sich weder Freunde vom Muttenzer Schwingklub noch die Parteikollegen öffentlich zu Kritik hinreissen lassen. Zitieren lässt sich nur Landratskollege Paul Wenger. Er, wie Biedert ein Lehrer, gerät ins Schwärmen.

Wenger sagt, er halte Biedert für «eine der besten Lehrerinnen ihrer Schulstufe». Auch als spätberufene Parlamentarierin werde sie ihre Akzente setzen – den parteiinternen Widerständen zum Trotz. «Wir Lehrer werden ja gelegentlich wie wandelnde Ferienprospekte behandelt», sagt Wenger. Doch nirgends passe diese Bezeichnung so schlecht wie bei Biedert. «Nüssli schälen und vor dem Fernseher sitzen ist nicht ihre Welt.»

Noch geht es für Biedert darum, im Landrat «anzukommen», wie sie selber einräumt. Dazu gehört auch, sich einen Platz in einer der wichtigen Parlamentskommissionen zu ergattern. Auf ihre politische Ausrichtung angesprochen, gibt sie sich als stramme SVPlerin zu erkennen. Sie habe einst die SVP zu ihrer Partei gewählt, weil diese dezidiert konservative und wirtschaftsliberale Werte vertrete. Und vor allem: weil sie sich in den 90er Jahren als «einzige Partei klar gegen einen EU-Beitritt» gestellt habe. Bis heute steht sie «vollumfänglich» hinter den SVP-Parteiinhalten. «Freiheit, Unabhängigkeit, Neutralität und Selbstbestimmung sind für mich Werte von höchstem Gut, die es so zu bewahren gilt.»

Familie ist das Wichtigste

Biedert kritisiert den Ausbau der Staatsquote, wünscht sich mehr Eigenverantwortung und zur «Bewahrung der Sicherheit» ein konsequenteres Durchsetzen der hiesigen Gesetze. Und sie befürwortet die Ausländerpolitik ihrer Partei. «Wir Schweizer schaffen die für das Land passenden Strukturen, welche von den Ausländern und den Migranten respektiert werden sollten.» Das sei auch im Sinn der «vielen Ausländer, die mitgeholfen haben, die Schweiz aufzubauen». Eine solche Haltung schaffe Platz für jene, die wirklich Hilfe bräuchten.

Seit den 90er Jahren ist Biedert politisch tätig. Sie hat in diversen Kommissionen des Bildungsbereichs sowie Schulräten gewirkt. Heute sitzt sie auch in der Sozial- und Gesundheitskommission sowie in der Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission von Muttenz. Am meisten Herzblut fliesst aber immer noch in den Lehrerberuf. Was zwangsläufig zur Frage führt, wie sich die 64-Jährige auf die nahende Pensionierung vorbereitet. Schliesslich stürzte es sie in die schlimmste Lebenskrise, als sie einst nicht unterrichten durfte. Heute scheint sie dieser Gedanke nicht aus der Ruhe zu bringen.

Sie fürchte sich nicht vor einer leeren Agenda. Neben der Politik und ihrer Arbeit als Präsidentin des Muttenzer Schwingvereins habe sie auch ihre Familie. Zwei Söhne und fünf Enkelkinder. Das sei das Einzige, was ihr heute noch den Boden unter den Füssen wegziehen könne: «Wenn ihnen etwas zustossen würde.»