Sitzverschiebungen vorauszusagen ist Kaffeesatzlesen. Das umso mehr, als bei der Sitzverteilung unter den Parteien nicht nur das Resultat im eigenen Wahlkreis eine Rolle spielt, sondern auch die Resultate in den anderen Wahlkreisen in der gleichen Wahlregion. Und der Wahlkreis Liestal bildet zusammen mit jenem von Pratteln eine solche Wahlregion.

Trotzdem: Vorauszusagen, dass der EVP-Sitz im Wahlkreis Liestal gefährdet ist, bedingt keine hellseherischen Fähigkeiten. Dafür reicht ein Blick auf das Kandidatenfeld: Das grosse Zugpferd der vergangenen Landratswahlen fehlt dieses Mal auf der EVP-Liste – Elisabeth Augstburger. Sie holte 2015 mit 1905 Stimmen über einen Drittel der ganzen Liste. Zum Vergleich: Ihre Nachfolgerin Priska Jaberg aus Bubendorf, die Augstburger nach deren Rücktritt im letzten Sommer beerbte, kam auf 489 Stimmen.

Wohl hat die EVP mit der profilierten Liestaler Einwohnerrätin Sonja Niederhauser eine Kandidatin mit Überraschungspotenzial in ihren Reihen, die Jaberg überholen könnte. Dies, obwohl Jaberg doppelt aufgeführt ist auf der Liste. Denn im Wahlkreis gilt generell: Wer aus dem stimmenmässig dominanten Liestal stammt, hat gegenüber den Mitbewerbern aus den umliegenden Gemeinden einen klaren Vorteil.

Auch der aus einer bekannten Liestaler Familie stammende Martin Strübin, der zwar jetzt in Lausen wohnt, aber als Kadermann bei der Stadt arbeitet, könnte stimmenmässig überraschen. Aber ob es für die EVP unter dem Strich wieder für einen Landratssitz reicht, ist eine der grossen Fragen.

Joël Bühler – der neue Stoll?

Ganz anders die FDP. Sie tritt wieder mit ihren beiden bisherigen Landräten Heinz Lerf und Thomas Eugster an, die vor vier Jahren bei den Freisinnigen am meisten Stimmen machten. Dazu haben sie auf ihrer Liste einen guten Mix von Mandatsträgern aus den Gemeinden wie den Seltisberger Gemeindepräsidenten Bernhard Zollinger oder den Bubendörfer Gemeinderat Matthias Mundwiler sowie von jungen Zukunftshoffnungen. Zu diesen ist sicher die 23-jährige Studentin Naomi Reichlin aus Seltisberg zu zählen, die Vizepräsidentin der kantonalen FDP ist.

Vor einer Herausforderung stehen SP und SVP: Sie müssen ihre stimmenmässig grossen Überflieger der Wahlen 2015 ersetzen. Bei der SVP war das die in den Nationalrat aufgestiegene Sandra Sollberger, die mit 2885 Stimmen kantonsweit den ersten Platz aller Kandidaten belegte. Auf dem zweiten Platz folgte damals der Newcomer Diego Stoll mit 2727 Stimmen, der sich auf Ende Amtsperiode aus der kantonalen Politik bereits wieder verabschiedet und der SP fehlt. Ebenfalls fehlen wird den Genossen der letzten Sommer zurückgetretene Thomas Bühler, der 2015 am zweitmeisten Stimmen auf der SP-Liste holte.

Doch auch von seinem Nachfolger Thomas Noack ist ein sehr gutes Resultat zu erwarten: Dafür spricht einerseits sein Bekanntheitsgrad in Liestal und Bubendorf als Stadtbaumeister respektive ehemaliger Gemeinderat. Und andererseits sein nicht zuletzt wegen der vielen grossen Bauprojekte in Liestal, für die er auf Verwaltungsseite verantwortlich zeichnet, prall gefüllter berufliche Rucksack. Ein gutes Resultat ist auch dem alt Landrat und derzeitigen Liestaler Einwohnerratspräsidenten Peter Küng zuzutrauen. Er ist nach Stolls im November überraschend angekündigtem Abtritt von der politischen Bühne nachnominiert worden.

Von seinem rhetorischen Talent her ein valabler Nachfolger Stolls wäre auch der 24-jährige Joël Bühler. Der ehemalige Co-Chef der Baselbieter Juso würde den Landrat auch mit seiner Schlagfertigkeit und gesunden Portion Streitlust bereichern, die er im Liestaler Einwohnerrat ab und zu aufblitzen lässt. Dort vorzugsweise im Rededuell mit seinem Lieblingsgegner Thomas Eugster von der FDP, auf den er im Landrat mit grösster Wahrscheinlichkeit ebenfalls treffen dürfte. Ob Bühler bei einer Wahl dort auch auf seine Mutter trifft, ist hingegen weniger sicher.

Denn Erika Eichenberger, die bei den Grünen vor rund einem Jahr für Marie-Theres Beeler in den Landrat nachrückte, hat starke, interne Konkurrenz. Da ist einmal Anna Ott, die 2015 Erstnachrückende war, wegen ihrem Studium im Ausland aber auf Beelers Nachfolge verzichtete. Da ist aber auch die in Liestal bestens bekannte Umweltpädagogin Meret Franke, die den Einwohnerrat vor drei Jahren souverän präsidiert hat. Zudem ist sie seit rund einem Jahr Präsidentin von Pro Natura Baselland. Dass die Grünen aber Eichenberger pushen, zeigt sich im jetzigen Abstimmungskampf um die Zersiedlungsinitiative: Ihr Kopf ziert die zahlreichen Ja-Abstimmungsplakate in und um Liestal.

Weltgewandter SVPler

Zurück zur Sollberger-losen SVP: Sie ist auch ohne ihr Zugpferd eigentlich in einer komfortablen Ausgangslage. Denn alle ihre drei aktuellen Amtsträger treten wieder an – Reto Tschudin, Dieter Epple und Hans Rudolf Schafroth. Allerdings zählen regelmässige Landrats-Beobachter die beiden Letzten – im Gegensatz zu Tschudin – zu den Hinterbänklern.

Ein Blick in ihre Vorstossliste zeigt auch weitgehende Leere. Ihnen könnte der umtriebige Ramlinsburger Obstbauer Ernst Lüthi, der vor vier Jahren ein gutes Resultat einfuhr, gefährlich werden. Frischen Wind brächte auch der Liestaler Daniel Jurt. Der Luftwaffen-Berufsoffizier könnte mit seiner Auslanderfahrung – unter anderem war er Schweizer Verteidigungsattaché in Schweden – einen Hauch weite Welt ins Kantonsparlament bringen.

Chancenlos dürften BDP, CVP und GLP bleiben. Ihnen fehlen die zugkräftigen Namen. Den hatte zumindest die GLP 2015 noch mit Gerhard Schafroth, der mit seinen Stimmen auch für einen Sitz sorgte. Dieser verschob sich dann aber innerhalb der Wahlregion in den Wahlkreis Pratteln. Genau dieser Mechanismus macht Prognosen so schwierig.