Ein Wahlkreis tanzt aus der Reihe. Die Gemeinden Münchenstein und Arlesheim wählen anders als der restliche Kanton, wo meist die SVP oben aus schwingt: Münchenstein ist ein rotes SP-Nest, Arlesheim eine liberale Hochburg.

Doch die Freisinnigen haben ein Problem. In ihren Stammlanden Arlesheim kommen ihnen bei den Landratswahlen vom 31. März die Grünen in die Quere – genauer gesagt: deren unabhängiger lokaler Ableger Frischluft. Frischluft hat einen Kandidaten aufgestellt, der viele Stimmen hinter sich vereinen dürfte. Es ist Karl-Heinz «Kalle» Zeller. Zwölf Jahre amtete der Schulleiter als Gemeindepräsident von Arlesheim, von 2004 bis 2016. Der 58-Jährige ist weit über das Domdorf hinaus bekannt, unter anderem wegen seines früheren Wahlslogans «Kalle für alle».

Zweite Hypothek für die FDP: Die Wiederwahl von Balz Stückelberger (Arlesheim) gilt zwar als sicher, und die FDP war bei den Landratswahlen 2015 in Arlesheim stärkste Kraft, mit Abstand. Doch der andere der beiden FDP-Landratssitze wird von Christine Frey gehalten, und die Münchensteinerin ist im Rahmen des Wahlkampfs im Nachbardorf bisher wenig in Erscheinung getreten – ebenso hilft es der Unternehmerin wenig, dass die FDP Arlesheim zwar ein Leporello an alle Arlesheimer Haushalte verteilte, Frey darin jedoch nicht vorkam, weil die Sektion nur die vier eigenen Kandidierenden vorgestellte.

Ein fataler Facebook-Post

Der Ehrgeiz der Grünen dürfte gross sein, der FDP einen Landratssitz abzuluchsen: Es war die FDP, die ihnen 2015 ihr einziges Mandat wegschnappte. Die Grünen dürfen aber auch auf einen anderen Sitz spekulieren. Zwar haben sie im Wahlkreis den fünftgrössten Wähleranteil, die Grünliberalen verwiesen sie mit Abstand auf den 6. Rang – trotzdem hat die GLP ein Mandat inne, die Grünen nicht.

Das ist dem komplizierten Baselbieter Wahlsystem zuzuschreiben. Es macht es möglich, dass sich innerhalb der Wahlregionen Sitze von Parteien über die Wahlkreise hinweg verschieben. So konnten die Grünliberalen ihren einzigen Sitz halten, trotz ihres geringen Wähleranteils. GLP-Landrat Daniel Altermatt sollte aber nicht vorschnell abgeschrieben werden: Er gilt im Kantonsparlament als solider Wert. Ihm ist auch zuträglich, dass er in Münchenstein im Gemeinderat sitzt.

So besteht auch die Möglichkeit, dass es die CVP erwischt und sie ihr einziges Mandat verliert. Die Christlichdemokraten sind im Wahlkreis viertstärkste Kraft, könnten jedoch von den Grünen überholt werden, die, neben dem «Kalle-Effet», auf zusätzliche Sympathien wegen der Klimabewegung hoffen. Zudem hat sich die CVP im Wahlkampf selber geschwächt. Von Nächstenliebe war wenig zu spüren – zumindest beim Arlesheimer Ableger.

Kandidatin Christina Hatebur lud auf ihrem Facebook-Profil ein Foto ihres Wahlzettels hoch, unter dem Titel «Und ja, ich will!». Auf dem Zettel war der Name des einzigen bisherigen CVP-Vertreters, Markus Dudler, durchgestrichen. Die hämischen Kommentare liessen nicht lange auf sich warten. Hatebur lernte ihre Lektion: Rasch löschte sie den Post wieder und entschuldigte sich.

Erstaunlich fragile SVP

Auf ein zweites Mandat schielt auch die SVP. Mit dem Arlesheimer Peter Brodbeck besetzt sie einen Sitz. Der Münchensteiner Gemeinderat René Nusch würde Brodbeck gerne künftig nach Liestal begleiten. Die Schweizerische Volkspartei ist im Wahlkreis Münchenstein jedoch bemerkenswert schwach. Kantonal kam sie 2015 auf einen Wähleranteil von 26,7 Prozent. Im Wahlkreis Münchenstein waren es 16,9 Prozent – fast 10 Prozentpunkte weniger. 

Keine Sorgen machen müssen sich die Sozialdemokraten. Ihre zwei Sitze sind ungefährdet. Im Wahlkreis erhielt die SP bei den Landratswahlen 2015 jede vierte Stimme, in Münchenstein kommen sie sogar auf 31 Prozent Wähleranteil, das sind rund 9 Prozentpunkte mehr als im Gesamtkanton. Die beiden Bisherigen spielen zudem in der Kantonalpolitik tragende Rollen. Adil Koller ist seit 2015 Co- und seit 2016 Präsident der Baselbieter SP; Miriam Locher präsidiert seit 2016 die Landratsfraktion der Genossen und ist Mitglied der Landrats-Geschäftsleitung.

Kaum Chancen auf einen Sitz dürfen sich EVP und die GLP ausmalen. Die Evangelischen steigerten sich zwar zwischen 2011 und 2015 stark und treten mit voller Siebnerliste an. Für ein Mandat wird es Hanspeter Buff, dem ersten auf der Wahlliste, aber nicht reichen.

Völlig chancenlos ist die BDP. Die Bürgerlich-Demokraten verloren 2015 über die Hälfte ihrer Stimmen und liegen von allen acht Parteien auf dem letzten Platz. Auf der Wahlliste gibt es lediglich zwei Vorschläge, die zudem beide Auswärtige sind: Claire Vögeli und Susanne Knechtli wohnen in Reinach.

Rivalität Arlesheim-Münchenstein

Für Diskussionen sorgt immer wieder die Verteilung der Kandidierenden auf die zwei Gemeinden. Frappant ist der Überhang bei den Grünen. Frischluft stellt fünf Kandidierende, darunter den Spitzenkandidaten Zeller. Dafür folgen die zwei Münchensteinerinnen Ursula Berset und Sara Wehrli auf den Listenplätzen zwei und drei. Bei der SVP ist es genau umgekehrt: Die Münchensteiner Sektion stellt fünf Kandidierende, ihre Arlesheimer Schwesterpartei zwei.

Auch hinter den Spitzenplätzen sind bekannte Gesichter zu entdecken. Auf der CVP-Liste kandidiert etwa Nadja Lüthi, Tochter von Münchensteins Präsident Giorgio Lüthi. Sibylle von Heydebrand tritt für die FDP an. Die Juristin aus Arlesheim engagiert sich für die Gleichstellung von Mann und Frau und hat das Projekt Frauenbasel aufgebaut. Auf der FDP-Liste sind die Herren der Schöpfung jedoch in der Überzahl: drei Frauen, vier Männer.