Herr Nicola, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Gelterkinden-Sissach (Kesb G-S), die sie leiten, wurde bei der administrativen Überprüfung durch den Kanton als negative Ausnahme genannt. Es bestünden «Defizite in organisatorischer und fachlicher Hinsicht». Was sagen Sie dazu?

Stephan Nicola: Das gibt mir sehr zu denken und ich bemühe mich nach Kräften zusammen mit meinem Team, die Situation zu verbessern.

Fühlen Sie die Arbeit ihrer Kesb im Inspektionsbericht gut wiedergegeben?

Die enormen Fortschritte, die die Kesb Gelterkinden-Sissach gemacht hat, sind aus dem Bericht leider nicht ersichtlich. Zudem sind die Hintergründe für die Situation, die ich bei der Übernahme der Leitung der Kesb G-S Ende 2014 angetroffen habe und die Auswirkungen hiervon nicht erwähnt.

Sie sprechen es selbst an: Die Kesb G-S stand immer wieder öffentlich in der Kritik. Der Abgang ihres Vorgängers Reinhard Studer geschah im Streit, nachdem das Kantonsgericht in einem Fall gegen die Behörde urteilte. Kann man das Image ihrer Behörde jetzt noch retten?

Die Presse reflektiert nicht immer ein Spiegelbild der Wirklichkeit, sondern liefert manchmal ein sehr verzerrtes Abbild. Es darf nicht vergessen werden, dass nicht alle Journalisten vom Feuer beseelt sind, objektiv und fair zu berichten. Wir selbst haben immer häufiger Rückmeldungen, dass es nun bei unserer Kesb deutlich besser läuft und wir wollen diese positive Entwicklung, die auch unserem Image zugutekommt, weiter fördern.

Franziska Vogel, die Leiterin der Abteilung Recht der Zivilrechtsverwaltung bei der Baselbieter Sicherheitsdirektion (SID), stellte auf Anfrage der bz bei Ihnen «Wissensdefizite» fest und fragte sich, ob sie genug Erfahrung im Vormundschaftsbereich mitbringen. Das ist ein direkter Angriff.

Weshalb und mit welchem Ziel Frau Vogel diese Aussage zwar nicht im Bericht, aber gegenüber ihnen geäussert haben soll, ist für mich nicht erschliessbar. Zwar bin ich mit 41 Jahren der jüngste Präsident einer Kesb im Kanton Baselland, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich auch der unerfahrenste bin. Ich arbeitete schon vorher als Jurist bei einer ausserkantonalen Kesb. Und auch was die formale Ausbildung betrifft, glaube ich, gute Voraussetzungen mitzubringen. So habe ich den Master in Rechtswissenschaften, Psychologie und Betriebswirtschaft und verfüge über das Notarpatent.

Gleichwohl sind Sie unter Druck.

Als ich die Leitung der Kesb G-S übernommen habe, stand sie vor diversen grossen Herausforderungen. Mein Team und ich haben diese angenommen und einiges positiv bewirken können. Meine persönlichen Ambitionen und mein Wohlbefinden sind angesichts der mir sehr wichtigen Aufgabe, die Kesb Gelterkinden-Sissach weiterzubringen, zweitrangig.

Was sagen Sie zu den einzelnen Mängeln, die die SID festgestellt hat? Etwa, dass das Entscheidgremium ihrer Kesb nur drei statt fünf Mitglieder hat ...

Zwar sind gemäss dem Vertrag zwischen den einzelnen Trägergemeinden der Kesb fünf Mitglieder für den Spruchkörper vorgesehen, aber laut Zivilgesetzbuch ist er schon mit drei Mitgliedern beschlussfähig. Zurzeit sind Bemühungen im Gang, weitere Mitglieder anzustellen.

Besonders klar ist die Kritik an den Schalter- und Telefon-Öffnungszeiten ihrer Kesb. Nur montags und freitags sind sie morgens und nachmittags erreichbar, sonst halbtags und am Donnerstag ist der Schalter komplett geschlossen. Laut Kanton ein No-Go.

Berechnet man die Öffnungszeiten in Wochenstunden, so liegen unsere über denen einer anderen, vergleichbaren Kesb im Kanton. Weiter ist festzuhalten, dass, ungeachtet der Öffnungszeiten, keine Laufkundschaft abgewiesen wird, Nachrichten auf der Combox abgehört werden, alle Mitarbeitenden über ihre Direktwahl erreichbar sind, man jederzeit über die Info-E-Mailadresse mit uns Kontakt aufnehmen kann und diese mehrmals täglich bearbeitet wird. Weiter kann die Kesb via Fax oder über eine Notfalldurchwahl erreicht werden. Dass die Behörde ihre Telefonanlage und den Schalter jeweils am Donnerstag schliesst, dient unter anderem der Qualitätssicherung. Mit nur einer Mitarbeiterin im Sekretariat, muss ein Zeitfenster ermöglicht werden, indem Arbeiten, die eine hohe Konzentration erfordern, erledigt werden können.

Als einzige Kesb des Kantons sind die einzelnen Mitarbeiter nicht im Internet aufgelistet. So sieht man auch nicht deren direkte Telefonnummern.

Es stimmt zwar, dass die anderen Kesb in Kanton Baselland ihre Mitarbeiter aufführen, aber in vielen anderen Kantonen ist dies die Ausnahme. Mitarbeiter der Kesb Gelterkinden-Sissach sind in der Vergangenheit schon bedroht worden und die Mehrheit unserer Mitarbeiter will ihren Namen nicht im Internet publizieren. Klienten und involvierten Stellen händigen wir die Direktnummern natürlich aus.

Und wie rechtfertigen Sie die grossen Arbeitsrückstände?

Im Vergleich mit den anderen Kesb im Kanton mussten wir wegen des personellen Umbruchs mit sehr wenig Vorlaufzeit aufgebaut werden. Dadurch sind Pendenzen entstanden, von denen die letzten bis Ende August erledigt sein sollten. Die Vergangenheitsbewältigung hat im letzten Jahr enorm viele Ressourcen gebunden. Weiter sind wir für 31 verschiedene Gemeinden zuständig, können dabei aber nur auf fünf professionell geführte Sozialdienste zurückgreifen. Dieser Umstand erschwert zum Teil unsere Arbeit.

Gibt es etwas, das sie explizit besser machen als die anderen fünf Kesb?

Wir haben alle altrechtlichen Vormundschaften, die von Gesetzes wegen in umfassende Beistandschaften umgewandelt worden sind, überprüft und die betroffenen Personen persönlich angehört. Da heben wir uns von den anderen ab. Per 31.12.2015 mussten die anderen Kesb noch insgesamt 252 Massnahmen überprüfen. Auch protokollieren wir alle Anhörungen, wie es die SID fordert. Die Kesb Gelterkinden-Sissach hat da eine Vorreiterrolle.