Spätestens als vor ein paar Wochen mehrere Lastwagen aus der Ukraine und Polen vor der Giesserei Erzenberg vorfuhren, um Produktionsanlagen abzutransportieren, wurde offensichtlich, dass ein weiteres Kapitel Liestaler Industriegeschichte zu Ende geht. Und in der Tat: Während draussen eifrig verladen wurde, brütete drinnen eine kleine Schar Leute über Bauplänen.

Allen voran Albert Lehmann (58). Der Maschinen-Ingenieur mit Zusatzausbildung als Giesserei-Fachingenieur war der letzte Direktor der Giesserei Erzenberg AG und leitet heute die Nachfolgefirma Erzenberg Immobilien AG sowie die Erzenberg Bauguss AG, auf die diverse Bereiche wie Entwicklung sowie Ein- und Verkauf übertragen wurden. Im letzten Jahr wurde nun in aller Stille ein Architekturwettbewerb durchgeführt, wie das rund 15'000 Quadratmeter grosse Giesserei-Areal mit Wohnungen überbaut werden könnte.

Wohnungen in vier Jahren fertig

Inzwischen hat die Jury unter Leitung der ehemaligen Baselbieter Kantonsarchitektin Marie-Theres Caratsch entschieden. Einstimmig sei unter den fünf eingereichten Projekten jenes von Galli Rudolf Architekten und Albiez de Tomasi, beide aus Zürich, zur Weiterbearbeitung empfohlen worden, sagt Lehmann. Es sieht anstelle der heutigen Giesserei samt Annexbauten sechs grössere, drei- bis vierstöckige Bauten in zwei Zeilen mit insgesamt 98 Wohnungen vor.

Die Mietwohnungen mit 2,5 bis 4,5 Zimmern sollen laut Lehmann ins mittlere Preissegment zu liegen kommen. Unter der Überbauung gibt es eine Tiefgarage mit 128 Plätzen. Zur städtebaulichen Qualität des Projekts sagt Lehmann, der ebenfalls der Jury angehörte: «Das Projekt besticht durch die gelungene Setzung der Gebäude mit vielfältigen, gut strukturierten Grundrissen und fügt sich harmonisch ins Quartier ein.»

Die Behörden begegnen dem Projekt mit viel Goodwill. Der fürs Bauwesen zuständige Stadtrat Franz Kaufmann lobt: «Das ist ein tolles Projekt. Es bietet hochstehende Wohnqualität mit interessanten Grundrissen und einer attraktiven Innengasse.» Und es sei nicht einfach nochmals das Gleiche, wie es in Liestal schon zur Genüge bestehe.

Stellt sich die Frage: Schlittert Liestal nicht langsam in ein Wohnungsüberangebot? Kaufmann: «Das ist schwer einzuschätzen. Die Leute werden kommen, fragt sich nur wann und wie viele. Wir stellen aber fest, dass ein Wettbewerb zwischen den Anbietern entsteht, bei dem sich diese zunehmend bemühen, qualitativ hochstehende Wohnungen zu bauen.» Das komme im Giesserei-Projekt gut zum Ausdruck.

Kein Sanierungsbedarf

Lehmann rechnet damit, dass in einem Jahr die Baueingabe erfolgt, ein Jahr später Baustart ist und die Wohnungen 2023 bezogen werden können. Ein auf ehemaligen Industriearealen verbreiteter Risikofaktor fällt bei der Giesserei Erzenberg weg. Historische und technische Untersuchungen inklusive Probebohrungen hätten gezeigt, dass es sich um ein Areal ohne Überwachungs- und Sanierungsbedarf handle.

Werde gebaut, müsse aber das ausgehobene Material korrekt entsorgt werden, sagt Nico Buschauer, Sprecher der kantonalen Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD). Über die im Boden gefundenen Stoffe gibt die BUD keine Auskunft. Lehmann veranschlagt das Bauprojekt auf rund 50 Millionen Franken.