Was für ein Kontrast: Jahrelang beklagten Pessimisten den Niedergang des Gewerbes in der Liestaler Altstadt. Dann rauften sich alle Akteure von links bis rechts, vom Gewerbe bis hin zu den Stadtbehörden zusammen mit dem Resultat, dass letztes Jahr in einer neunmonatigen Parforceleistung die altehrwürdige Rathausstrasse zu einer modernen Flaniermeile umgebaut wurde. Und jetzt, ein halbes Jahr nach deren Eröffnung, erklingt ein vielstimmiger Jubelgesang.

Mit kräftigem Tenor mischt dabei Stadtpräsident Daniel Spinnler mit: «Die Belebung der Rathausstrasse ist an allen Wochentagen spürbar. Die samstäglichen Genussmärkte und der neu konzipierte Warenmarkt sind eine Bereicherung, von der auch die Unternehmer aus Detailhandel und Gastronomie mitprofitieren. Es ist lässig, wie mit der neuen Rathausstrasse eine positive Dynamik ins Stedtli gekommen ist.» Höhepunkt sei der Genussmarkt, der ganz neue Leute nach Liestal locke und begeistere.

Und der erfahrene Finanzpolitiker meint fast schon euphorisch: «Ich habe eine Riesenfreude. Der Umbau der Rathausstrasse war eine lohnende Investition und zeigt, dass gute Investitionen mehr bringen als Sparen.» Steigerungspotenzial sieht Spinnler an den Abenden und an Sonntagen. Der Ball liege hier bei den Gastronomen. Von übergeordneter Bedeutung sei nun aber, gute Verbindungen vom Bahnhof respektive vom Ziegelhofareal ins Stedtli zu finden.

Auch Michael Bischof, Sprecher von KMU Liestal, ist mehr als zufrieden mit der neuen Rathausstrasse: «Die Veränderungen sind massiv. Es gibt jetzt mehr Leben mit vielen neuen Gesichtern, mehr Veranstaltungen und einen ganz neuen Drive mit dem Herausstuhlen der Gastronomie im Stedtli. Dadurch ist auch der Umsatz gestiegen. Ich habe jedenfalls von keinem Detaillisten oder Wirt Gegenteiliges gehört.» Der Auftrieb sei an jedem Wochentag zu sehen, ganz besonders aber an Samstagen mit dem Highlight Genussmarkt.

Umzug von Zürich nie bereut

Die meisten befragten Gewerbler bestätigen das. So Fabrice Bütler, Inhaber des gleichnamigen Herrenkleidergeschäfts beim Törli: «Auffallend ist bei uns, dass vor allem samstags die Frequenz der Laufkundschaft zugenommen hat, was mit dem Genussmarkt zu tun hat. Dadurch verzeichnen wir auch ein deutliches Plus beim Umsatz gegenüber dem Vorjahr.» Und das wohlgemerkt, obwohl Bütler entgegen dem Liestaler Trend schon 2017 während des Umbaus der Rathausstrasse eine Umsatzsteigerung verzeichnen konnte. Fabrice Bütler meint zum Resultat des Umbaus: «Das ist eine klare Aufwertung für den Standort Liestal. Das merke ich auch an der begeisterten Reaktion von unseren Lieferanten, die Liestal schon lange kennen. Und viele Kunden fragen, ob sie das Auto auf unserem Parkplatz stehen lassen dürfen, weil sie noch ins Stedtli gehen wollen. Das war früher kaum der Fall.»

Irmgard Herzog von Strüb Activewear, die mit ihrem Outdoor-Bekleidungsgeschäft letzten Herbst von Zürich nach Liestal umgezogen war, bereute den Wechsel keine Sekunde: «Ich bin sehr zufrieden, unsere Erwartungen hier an der Rathausstrasse haben sich voll erfüllt. Wir haben viel mehr Laufkundschaft als in Zürich, wo wir allerdings nicht im Zentrum waren.»

Auch aus der Lebensmittelbranche tönt es positiv. Beat Siegrist, Geschäftsführer der Metzgerei Maag, sagt, dass sich der Umsatz «leicht positiv» verändert habe. Er verspüre keine Konkurrenz durch den Genussmarkt, an dem ebenfalls Fleischprodukte verkauft werden. In den Chor der Positivstimmen reihen sich auch Liestaler Wirte ein. Beatrice Rieder vom «Herzlich» spricht an den Samstagen von einem Umsatzplus von satten 50 Prozent. Sie erklärt: «Es herrscht mehr Leben mit vielen neuen Leuten in der Rathausstrasse, was sich auch wochentags positiv auf mein Geschäft auswirkt. Der samstägliche Genussmarkt aber bringt einen richtiggehenden Sprung nach oben.» Djawed Azizi, der sein afghanisches Spezialitätenrestaurant Azizi im Aussenbereich mit Palmen markant aufgewertet hat, schwärmt: «Es ist viel besser als in der Vergangenheit. Jetzt ist auch am Samstag mit dem Genussmarkt viel los hier.»

Begehrter Stedtli-Entwickler

Auch Felix Mühleisen vom gleichnamigen Café verweist auf den Genussmarkt, der ihm am Samstag mehr Umsatz bringe. Wichtig sei für ihn, dass mit dem Pflanzenstand oberhalb des Törlis eine Fortsetzung des Markts bis zu seinem Café geschaffen werde.

Der Macher hinter diesem Genussmarkt, an dem seit Ende April jeden Samstag zwei Dutzend Standbetreiber ihre regionalen Produkte feilbieten, ist Stedtli-Entwickler Thomas Bretscher. Er will sich aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen: «Es gibt noch Entwicklungspotenzial. Die Produzenten sollten ihr Sortiment ständig an die Saison anpassen. Auch könnten sie ihr Selbstbewusstsein bezüglich Standgestaltung noch steigern.» Auch mit den Gastronomen ist Bretscher nicht restlos zufrieden: «Mir fehlt es noch an Innovation. So zum Beispiel tolle Frühstückangebote an Samstagen und gezielte saisonale Angebote wie Tomatendrink, Spargelsuppe oder Kirschenwähe.»

Am Genussmarkt «als Herz» will Bretscher mit weiteren Attraktionen andocken, so im September mit einer «Weinstrasse» in der Rosengasse mit diversen regionalen Weinproduzenten und im Oktober mit einer «genialen Einzigartigkeit weit und breit». Mehr will er im Moment dazu nicht verraten, weil das Ganze erst im Planungsstadium sei. Bretscher, dessen Mandat Ende Jahr ausläuft, war in den vergangenen Jahren an der Liestaler Gewerbefront omnipräsent. Das ist andern Städten nicht entgangen und er hat mittlerweile auch Mandate etwa in Laufen und Rheinfelden.

Einer mag indes nicht in den Jubelchor miteinstimmen – Florian Finkbeiner. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Bäckerei sagt: «Wir verzeichnen 2018 leicht weniger Umsatz als im Vorjahr. Und dieses war wegen der Bauerei schon schlechter als das 2016. Der April war im laufenden Jahr besonders schlecht.» Er hat keine Erklärung für diese Entwicklung. Mangelnde Innovation kann man Finkbeiner auf jeden Fall nicht vorwerfen: Der Verkaufsraum der alteingesessenen Bäckerei wurde im letzten Jahr grundlegend modernisiert und mit einem kleinen Café angereichert.