Die Baselbieter Kantonsbibliothek führte Jahrzehnte lang ein Mauerblümchendasein im Gerichtsgebäude beim Liestaler Bahnhof. Dann kam vor einem Dutzend Jahren wenige Meter entfernt der Befreiungsschlag in Form eines Neubaus, der über Liestal hinaus strahlt und weitherum als architektonischer Leuchtturm gilt. Parallel dazu blühte die Bibliothek auch nach innen auf. Jetzt aber sieht Kantonsbibliothekar Gerhard Matter, der gleichzeitig auch das kantonale Amt für Kultur leitet, Gefahr im Anzug.

Dies mit dem im Rahmen des Quartierplans Bahnhofcorso geplanten SBB-Hochhaus. Matter sagt: «Der mächtige SBB-Tower ist eine völlig andere Dimension und erdrückt die Bibliothek. Und er schliesst den Bahnhofbereich markant nach Norden ab und trennt somit wie ein Riegel den möglichen künftigen Uni Campus von der Bibliothek ab.»

Für Matter klar ein Riegel am falschen Ort, weil sich Uni-Campus und Bibliothek gegenseitig befruchten könnten. Ob sich auch das geplante SBB-Hochhaus mit seinen mehreren hundert Arbeitsplätzen positiv auf die Bibliothek auswirken würde, da macht Matter ein grosses Fragezeichen. Das hänge ganz von der Nutzung ab, die völlig offen sei. Firmen aus dem Finanz- und Pharmabereich brächten der Bibliothek jedenfalls nichts.

Matter überschreitet «neue Linie»

Kein Wunder also, dass sich Matter zusammen mit andern Liestalern an vorderster Front gegen das Hochhaus wehrt und verlangt, dass der Quartierplan Bahnhofcorso ohne dieses, das heisst nur mit neuem Bahnhof und angegliedertem Bürohaus, umgesetzt werden soll. Mit dieser Stossrichtung organisierten die Opponenten namens «Gruppe für ein starkes Liestal» vor einem Monat eine stark besuchte Informationsveranstaltung und heute eine Medienkonferenz – beides mit Gastgeber und Mitspieler Gerhard Matter in der Kantonsbibliothek.

Und da wird’s für diverse Liestaler heikel, so auch für den Stadtrat. Stadtpräsident Lukas Ott sagt: «Ich registriere, dass der Kantonsbibliothekar im öffentlichen Raum gegen die Liestaler Bahnhofsplanung auftritt und in der Bibliothek auch Propagandamaterial auflegt. Da stellen sich ein paar Fragen.»

Er sei denn auch von Einwohnern sowie von Bibliotheksnutzern darauf aufmerksam gemacht worden, dass dies suggeriere, dass der Kanton gegen den Quartierplan Bahnhofcorso sei. Eine neue Linie werde mit der heutigen Medienkonferenz in der Kantonsbibliothek gegen die Bahnhofsplanung überschritten, bei der Gerhard Matter klar als Mitorganisator auftrete.

Ott: «Das führt zu Irritationen. Ist der Kantonsbibliothekar von der Regierung tatsächlich dazu autorisiert, bei der Bahnhofsplanung nach aussen zu kommunizieren, dann haben wir ein paar brennende Fragen an sie.»

Die Stadt wäre ohnehin froh um eine offizielle Mitteilung des Regierungsrates, wie dessen Immobilienstrategie auf dem Bahnhof Liestal als Grundeigentümer lautet. «Oder gehen hier willkürlich erscheinende Nutzerinteressen vor?», fragt Ott.

Gerhard Matter sieht hinter seinem Engagement gegen «Bahnhofcorso» kein Problem, auch wenn dieses in der Kantonsbibliothek stattfindet. In dieser gebe es immer Platz für politische Veranstaltungen, auch für die «Bahnhofcorso»-Befürworter. Heikel würde es erst, wenn sich eine Veranstaltung gegen die Position des Kantons richte. In einem solchen Fall würde er Rücksprache mit Monica Gschwind, der Vorsteherin der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion, nehmen, sagt Matter.

Genau gleich schätzt man die Situation in Gschwinds Entourage ein. Die stellvertretende Generalsekretärin Petra Schmidt sagt: «Für uns ist weder ein privates Engagement von Gerhard Matter noch die Nutzung der Kantonsbibliothek für öffentliche Veranstaltungen im Rahmen der Liestaler Bahnhofsdiskussionen problematisch.

Es gibt auch keine entsprechenden internen Richtlinien.» Anders sähe es für Schmidt aus, wenn der Kanton immer noch als Ankermieter in die SBB-Planung involviert wäre und sich ein Kadermitarbeiter offiziell dagegen wehren würde.