Das 356-Millionen-Projekt Vierspurausbau der SBB will den Bahnverkehr in Liestal entflechten und damit Kapazitäten und Pünktlichkeit erhöhen. Gleichzeitig soll das neue Wendegleis den Viertelstundentakt der S-Bahn von Basel nach Liestal ermöglichen. Gegen dieses Mammut-Vorhaben sind beim federführenden Bundesamt für Verkehr (BAV) 43 Einsprachen eingegangen. Gegen was sie sich inhaltlich richten, darüber informiert das BAV nicht.

Der bz sind mehrere Einsprachen mit ganz unterschiedlicher Stossrichtung bekannt; einige haben Einzelinteressen zum Inhalt, andere sprechen eine übergeordnete Problematik an. So die von 23 Personen unterzeichnete Sammeleinsprache aus dem Schwieri-Quartier. Sprecher dieser Gruppe ist der Geologe Markus Häring; er ist einer grösseren Öffentlichkeit als einstiger Leiter des Basler Geothermie-Projekts bekannt. Häring bemängelt, dass sein Quartier mit über 200 Bewohnern ein Stück weit abgehängt wird vom Stedtli.

Behinderte im Offside

Dies, weil der heutige, ebenerdige Fussgänger-Bahnübergang ersatzlos gestrichen wird. Häring: «Das bekommen in erster Linie die Leute zu spüren, die mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen unterwegs sind.» Der einst als Ersatz diskutierte Lift über die Gleise sei aus dem Projekt gefallen. Ein solcher Lift wäre zwar nicht sehr elegant, aber hilfreich, findet Häring. Die gewünschte Alternative wäre für die Einsprecher eine Fussgänger-Unterführung.

Gibt es weder einen Lift noch eine Unterführung, kommen die Fussgänger nur per Passerelle über die Schienen. Diese Passerelle wird zwar gegenüber der heutigen verbessert, dafür wird der Zugang aus Richtung Schwieri-Quartier mühsamer. Häring: «Wegen dem Gleisausbau hat die Gartenstrasse, die das Schwieri-Quartier erschliesst, einen viel engeren Radius und mehr Steigung. Heute sind es 14, in Zukunft 16 Prozent. Zumutbar für behinderte Fussgänger sind sechs Prozent.» Er betont, dass diese Verschlechterung weit mehr Leute als jene seines Quartiers betreffe, weil dies der kürzeste Zugang vom Stedtli ins Naherholungsgebiet Oristal sei. Häring hält aber auch fest: «Wir Unterzeichner der Sammeleinsprache stehen dem Vierspurausbau grundsätzlich positiv gegenüber.»

Einig ist sich Häring mit den beiden Einsprechern aus dem Oristal, dem Ingenieur und ehemaligen Präsidenten der Basler Sektion des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins, Markus Ringger, und dem Architekten Bernhard Bossard. Sie sagen unisono: «Die Stadtplanung findet in Liestal südlich der Gleise nicht statt. Wir wollen, dass sich Liestal ein Beispiel an Basel nimmt, das das Gundeliquartier auch weiterentwickelt hat.» Ringger und Bossard wohnen beide nicht in Liestal, besitzen aber im Oristal Liegenschaften.

Materiell richtet sich Ringgers Einsprache gegen das neben seinen beiden Mehrfamilienhäusern geplante SBB-Parkhaus eingangs Oristal. Dieses sei von «billigster Art» ohne Dach und ohne interne Erschliessung. Das heisse, wer in der ersten Etage keinen Parkplatz finde, müsse wieder auf die vorbeiführende Quartierstrasse hinaus fahren, um dann im zweiten Stock weitersuchen zu können. Diese Quartierstrasse nutzten gemäss einer Zählung täglich 800 Schüler. Ringger: «Das ist völlig unbefriedigend.»

Aber auch die geplante Fussgängererschliessung des Oristals gefällt Ringger «überhaupt nicht», auch wenn sie besser sei als der heutige Zustand. Er verweist auf die Idee von Bernhard Bossard, dem Vater der Idee «Nadel von Liestal», das Oristal mit einer breiteren und längeren Personen-Unterführung unter den SBB-Gleisen durch sowie mit einem zweiten Strang von der Post her zu erschliessen (bz berichtete).

IG will für Oristal kämpfen

Ringger hat nun begonnen, eine IG Oristal zu organisieren. Interessiert daran sei auch eine Versicherungsgesellschaft, die ihre Siedlung im Oristal in den nächsten Jahren aufwertet. Nächste Woche fänden auch Gespräche mit einem grossen Areal-Entwickler im Oristal statt. Ringger: «Das SBB-Projekt hat das Ganze ausgelöst. Wir wollen eine bessere Anbindung ans Stedtli, was nicht nur eine Aufwertung unserer Liegenschaften, sondern des ganzen Oris- und Sichternquartiers bringt.» Und Bossard ergänzt, dass die Leute «hinter den Gleisen» leiden würden und sich von der Stadt Liestal «sträflich» im Stich gelassen fühlten. Als nächstes, so sagen Ringger und Bossard, suche man das Gespräch mit der Stadt Liestal.

Das BAV hat nun die SBB zur Stellungnahme eingeladen. Können sich diese und die Einsprecher nicht einigen, entscheidet das BAV. Dessen Entscheid können die involvierten Parteien beim Bundesverwaltungsgericht und später allenfalls beim Bundesgericht anfechten.