Das Timing des Rücktritts stimmt für Lukas Ott nach dem grossen Abstimmungserfolg vom letzten Wochenende perfekt. Trotzdem geht er mit Wehmut – und auch Tränen. Ob Präsident oder nicht, Ott findet Liestal nach wie vor strategisch den besten Baselbieter Standort für einen Uni-Campus. Neu ist in diesem Zusammenhang: Das an der Urne abgesegnete SBB-Hochhaus könnte Bestandteil dieses Campus werden.

 

 

Herr Ott, Sie verlassen die politische Bühne Liestals mit einem grossen Sieg. Fällt Ihnen nach der klaren Zustimmung zum neuen Bahnhof der Abgang leichter?

Lukas Ott: Es ist natürlich wunderschön, so abtreten zu können. Ich empfinde das Resultat auch als ein grosses Abschiedsgeschenk der Liestaler Bevölkerung und bin sehr dankbar dafür. Ich glaube, dass das Timing perfekt ist. Andererseits habe ich Wehmut. Als ich vergangenen Freitag beim letzten öffentlichen Auftritt im Stedtli die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet habe, gab es Umarmungen und einige Tränen – auch bei mir.

Neben aller Freude zum Bahnhof-Abstimmungsresultat gibt es auch einen kleinen Dämpfer: Laut SBB steht der neue Bahnhof erst 2025.

Ja. Wir haben uns immer stark gemacht dafür, dass die Entwicklung am Bahnhof nicht nur Schienen, Schotter und Schwellen, sondern auch die Gebäude betrifft. Und das ist uns zusammen mit den SBB auch gelungen. Dabei haben wir versucht, das Bahnhofsgebäude auf der Zeitachse zu beschleunigen. Anfang Jahr sah es auch danach aus, dass dies möglich ist. Doch wir haben jetzt wegen der demokratischen Prozesse entscheidende Monate verloren, in denen das Bauprogramm des Vierspur-Ausbaus weitergetrieben wurde. Das ist vielleicht ein Wermutstropfen. Aber den nehme ich noch so gerne in Kauf, weil wir im Gegenzug eine grosse Abstützung des neuen Bahnhofs erreicht haben.

An der sonntäglichen Medienkonferenz zur Bahnhof-Abstimmung fiel eine Aussage von SBB-Vertreter Alexander Muhm auf. Er kündete an, dass im Hochhaus die Bildung einziehen könnte. Wird das Hochhaus zu einem Teil des Uni-Campus?

Ja, das könnte tatsächlich eine Perspektive sein. Die bisherigen Abklärungen haben ergeben, dass der Platzbedarf der Uni am Standort Liestal grösser wäre als ursprünglich angenommen. Deshalb stellt das Hochhaus eine sehr gute Option dar. Aber wir sind immer noch im Evaluationsverfahren. Das kantonale Hochbauamt hat mittlerweile alle drei möglichen Standorte, das heisst Bahnhof Liestal, Dreispitz Münchenstein und Bachgraben Allschwil, auf den gleichen planerischen Stand gebracht. Derzeit ist das Dossier bei der Verwaltungsdirektion der Uni, die die Plausibilität überprüft. Irgendwann im nächsten Jahr werden der Unirat und die beiden Kantonsregierungen entscheiden. Nach meiner subjektiven Wahrnehmung wäre Liestal nicht nur der am besten erschlossene, sondern auch strategisch der bestgeeignete Standort, weil die Baselland-Präsenz der Uni hier am meisten wahrgenommen würde.

Nicht nur beim Lobbying zugunsten eines Uni-Campus, sondern auch bei den ganzen Diskussionen um eine bessere Nutzung der Kantonsareale in Liestal werden Sie schmerzlich fehlen. Wie wird hier Kontinuität geschaffen?

Da muss ich zuerst eine Klammer auftun. Wir sind bis heute unglücklich darüber, dass der Kanton mit seiner Verwaltungszusammenführung beim SBB-Hochhaus ausgestiegen ist. Wir hatten vergangenes Wochenende eine Doppelabstimmung. Die Kantonsregierung blieb mit ihrer Abbauvorlage auf der Strecke, wir hatten mit unserer Aufbauvorlage die Stimmbevölkerung hinter uns. Das müsste dem Kanton auch zu denken geben. Er müsste an einer Vorwärtsstrategie interessiert sein und neue Arbeitsplätze schaffen und Steuersubstrat generieren. Deshalb löst es bei mir bis heute Unverständnis aus, dass der Kanton sich aus dem Bahnhofsprojekt zurückgezogen hat. Er hätte dort konkret etwas zur Wirtschaftsoffensive beitragen können. Doch bei aller Enttäuschung haben wir in diesem Jahr bei der Nutzung der Kantonsareale einen Durchbruch geschafft, um auf Ihre Frage zurückzukommen. Wir haben ein Koordinationsgremium aus den Regierungsräten Sabine Pegoraro und Thomas Weber und seitens der Stadt aus Vizepräsident Franz Kaufmann und mir geschaffen, mit dem wir die strategischen Fragen angehen. Operativ werden wir von der Wirtschaftsförderung, vom Hochbauamt und unserer Verwaltung unterstützt. Das heisst, wir haben Strukturen installiert, die nicht personenabhängig sind.

Und was ist der inhaltliche Stand bei diesem Geschäft?

Wir sind uns einig, dass wir mittels einer Masterplanung die Rheinstrassenachse in Liestal angehen werden, um zu sehen, wo wohnen, wo arbeiten Sinn macht. Der Lead liegt jetzt in der ersten Phase bei uns. Für diesen Fortschritt bin ich dankbar.

 

Ott wird als Interessensvertreter der Gemeinden gegenüber dem Kanton eine grosse Lücke hinterlassen. Er sagt im Interview, wer diese füllen könnte. Im Weitern wünscht er sich, dass Regierungspräsidentin Sabine Pegoraro nach der Läufelfingerli-Klatsche wieder „auf den Weg der Erfolgslogik“ zurückfindet. Der Kanton könne es sich nicht leisten, wenn wichtige Geschäfte aus Pegoraros Küche nicht vorankommen. Er selber wollte nicht ewig auf einen Regierungssitz warten.

 

Sie haben die Abstimmungsniederlage von Sabine Pegoraro beim Läufelfingerli angesprochen. Die Regierungsrätin steht ja auch an einem Scheidepunkt. Man weiss, dass sie noch bis 2019 im Amt bleiben will, aber sie verliert und verliert. Haben Sie eine Empfehlung, wie sie den Turnaround schaffen und wie Sie auf einem Höhepunkt abtreten könnte?

Ich will mich zurückhalten, der Regierungspräsidentin irgendwelche Empfehlungen zu geben. Wir stellen einfach fest, und das bereitet uns allen Sorgen, dass Sabine Pegoraro vom Weg der Erfolgslogik abgekommen ist. Wir wünschen uns alle, dass sie auf diesen Weg zurückfindet. Wir können es uns im Kanton gar nicht leisten, dass wichtige Projekte aus der Bau- und Umweltschutzdirektion nicht vorankommen. Das wichtigste Gut in der Politik ist das Vertrauen, und das entsteht nur, wenn man wahrnehmbar ist. Denn die Leute müssen sich orientieren können.

Ihnen haben die meisten Liestaler vertraut und etliche sind nun enttäuscht von Ihrem Abtritt. Sie fühlen sich ein Stück weit verraten, weil Sie Ihre persönlichen beruflichen Interessen vor jene Liestals setzen. Was sagen Sie diesen Leuten?

Ich habe bis zu einem gewissen Grad Verständnis dafür, man darf enttäuscht reagieren. Ich muss aber auch klar sagen, dass ich mich sehr stark für die Entwicklung dieser Stadt eingesetzt habe und irgendwann muss man auch mir zugestehen, dass ich mich weiterentwickle.

Der Liestaler Einwohnerratspräsident sagte bei Ihrer Verabschiedung letzte Woche explizit «au revoir». Gibt es ein politisches Wiedersehen mit Ihnen in Liestal?

Ich will jetzt meine ganze Schaffenskraft in die neue Stelle, die Leitung der Kantons- und Stadtentwicklung in Basel, einbringen. Und ich werde in nächster Zeit sicher keine andern Optionen prüfen. Wer mich kennt, weiss, dass ich sowohl den Aufgaben wie den Menschen gegenüber treu bin. Ich bleibe aber in Liestal wohnen und behalte wenige Ehrenämter, die mir am Herzen liegen.

«Ich habe das Gefühl, dass die Regierung mittlerweile eine Art Sachzwangverwaltung ist.»

Lukas Ott

«Ich habe das Gefühl, dass die Regierung mittlerweile eine Art Sachzwangverwaltung ist.»

Sie können viele Erfolge vorweisen. Haben Sie politisch auch einmal eine Bruchlandung erlebt?

Was meine Zeit als Liestaler Stadtrat angeht, so fällt mir bloss das «Haus der Künste» für die Jugendmusikschule ein, das scheiterte. In meiner politischen Laufbahn gab es ja verschiedene Phasen. Noch als Einwohnerrat drang ich mit einigen Anliegen nicht durch. Ich denke hier etwa an den Klassiker Tempo 30 oder an eine bessere familienergänzende Betreuung. Mit der Zeit lernte ich aber, dass man im Zentrum der Entscheidungen sein muss, um etwas zu erreichen. Das war ein Grund, von der Legislative in die Exekutive zu wechseln. Und in dem Moment, in dem ich das Stadtpräsidium übernahm, konnte ich beginnen, selber den Takt vorzugeben und die Initiative zu ergreifen.

Dann wäre ja der nächste logische Schritt gewesen, in die Kantonsregierung zu gehen. Noch dazu, da Sie lange als einer der Hoffnungsträger der Baselbieter Grünen für die Nachfolge Isaac Rebers galten und ihre Ambitionen nicht verheimlichten. Weshalb geben Sie dieses Ziel nun einfach auf?

Auf einen Regierungsratssitz zu aspirieren, ist mit sehr vielen Unwägbarkeiten verbunden. Ich bin jetzt seit 30 Jahren in der Politik aktiv dabei. Die Gefahr ist da, zum ewig Wartenden zu werden. Das wollte ich nicht. Und irgendwann konnte ich mir vorstellen, dass es auch noch andere Daseinsbestimmungen gibt, als Regierungsrat zu werden. Ich begann, in Alternativen zu denken und Anfang 50 war eine Weichenstellung fällig.

Verlor das Amt des Regierungsrats in Baselland für Sie mit der Zeit auch an Reiz, da Sie sahen, wie die aktuelle Regierung arbeitet und unter welchem Druck sie steht?

Ich habe schon das Gefühl, dass die Regierung mittlerweile eine Art Sachzwangverwaltung ist. Sie versucht nicht konsequent genug, sich Spielräume zu eröffnen. Ja, auch deshalb öffnete ich meinen Fokus. Ich weiss natürlich, dass ich in dieser Beziehung als Stadtpräsident von Liestal einen Traumjob hatte. Der ganze Stadtrat arbeitete als Team und versuchte, Dinge zusammen voranzutreiben. Dies stark unterstützt von der Verwaltung, die uns den Rücken freigehalten hat.

Wie lautet Ihre Botschaft an Ihre Partei, nun, da die Grünen einen ihrer Hoffnungsträger verloren haben?

Ich muss betonen, dass ich auf sehr viel Verständnis gestossen bin innerhalb der Partei. Viele erkannten, was für eine Chance der neue Job für mich persönlich ist. Es gab also keine grossen Klagen. Das wäre auch eine komplette Überhöhung meiner Person und meiner Möglichkeiten. Was die Zukunft der Partei angeht, so ist es wichtig, dass eine solide Personalplanung gemacht wird. Auch würde ich die Grünen gerne wieder etwas kämpferischer sehen bei unseren Uranliegen. Wir müssen wieder verstärkt Basisbewegungen vertreten und ihnen den Zugang zur Politik öffnen. Die Grünen hat eine Bündnispolitik von verschiedenen Gruppierungen und Organisationen stark gemacht. Diese Anliegen sollten wir wieder vermehrt aufnehmen.

Sehr aktiv waren Sie auch immer, die Anliegen der Gemeinden gegenüber dem Kanton zu vertreten. Befürchten Sie, dass die Gemeinden es ohne Sie nun auf diesem Feld schwerer haben? Zumal ja mit Urs Hintermann ein weiterer starker Kopf der Gemeinden zurückgetreten ist.

Es bleibt wichtig, dass die Gemeinden vom Kanton mehr Handlungsspielraum fordern. Das Verhältnis vom Kanton zu den Gemeinden ist meiner Meinung nach in keiner guten Balance. Ich sehe aber durchaus engagierte und fähige Gemeindepräsidien, die bereit sind, jetzt den Lead zu übernehmen.

An wen denken Sie?

Mike Keller und Reto Wolf sind sicher bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Im Laufental leisten Alex Imhof und Remo Oser bereits wichtige Beiträge. Im oberen Kantonsteil sind Christine Mangold und Erwin Müller bereit, sich weiter zu engagieren. Und wenn sie denn wollen, so sähe ich auch Stefan Burgunder und Christof Hiltmann in dieser Rolle.

Was meinen Sie mit «wenn sie denn wollen»?

Ich würde mir wünschen, dass die beiden noch etwas offensiver für die gemeinsamen Interessen der Gemeinden eintreten. Das würde den Gemeinden guttun.

Bei Ihrer Aufzählung fehlen Liestaler Köpfe. Trauen Sie hier noch niemandem eine tragende Rolle zu?

In der nun folgenden Interimsphase, bis das Stadtpräsidium wieder besetzt ist, braucht es eine Konzentration der Kräfte. Aber wir werden uns sicher bei den lancierten Gemeinde-Initiativen weiter engagieren. Insbesondere Stadträtin Regula Nebiker wird gefordert sein, etwa bei der Ausgleichs- oder der Fairness-Initiative, die für Liestal wichtig sind.

 

In Basel will er als Stadtentwickler die Bereiche Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Mobilität, Bildung, Kultur und Soziales „in ein ausgewogenes Verhältnis“ setzen. Im Fokus stehen dabei für Ott  Arealentwicklungen mit einer Nachverdichtung gegen Innen und der Schienenverkehr inklusive Verbesserung der Passerelle am Basler Bahnhof.

 

Am Freitag treten Sie ihre Stelle als Basler Stadtentwickler an. Mittlerweile dürften Sie schon klarere Ideen haben, was Sie erreichen wollen.

Ein übergeordnetes Ziel wird es sein, verschiedene Bereiche in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen. Dabei geht es um Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Mobilität, Bildung, Kultur und Soziales. Dazu möchte ich klare strategische Stossrichtungen bündeln und dafür sorgen, dass alle am gleichen Strick ziehen, wenn es um die Umsetzung geht. Vieles wurde schon getan, etwa mit den jüngst publizierten Legislaturzielen für die nächsten vier Jahre. Wichtig wäre es aber, daneben noch über eine längerfristige Entwicklungsplanung zu verfügen.

Wo sehen Sie die grössten Baustellen?

Ich wende mich einer neuen Aufgabe nicht mit einer Defizitorientierung zu, sondern ich orientiere mich immer konsequent am Potenzial. So werde ich es auch in Basel halten. Hier sehe ich zahlreiche spannende Arealentwicklungen mit einer Nachverdichtung gegen Innen. So hat man die Chance, noch mehr Wohnraum zu schaffen, ohne Gewerberaum zu konkurrenzieren. Bei der Mobilität sehe ich grosse Herausforderungen, etwa beim Schienenverkehr.

Also das Herzstück?

Es geht auch, aber nicht nur um das Herzstück. Viel früher schon müssen wir den Bahnhof SBB auf einen guten Stand bringen. Er weist heute Engpässe auf, die wir früher anpacken können als das Herzstück. So ist es ein offenes Geheimnis, dass die Passerelle ein Kapazitätsproblem hat. Hier werden ja bereits Alternativen entwickelt.

Das klingt noch ziemlich vage. Wollen Sie vor Ihrem Stellenantritt nicht mit einer grossen Vision punkten?

So verlockend dieses Angebot ist, sollte man mir zugestehen, dass ich mich erst fundiert einarbeiten kann. Auch möchte ich mich zuerst mit allen Partnern innerhalb und ausserhalb der Verwaltung in Verbindung setzen, um die wichtigsten Stossrichtungen herauszuschälen. Ich halte es für unseriös, als Ankündigungsentwickler aufzutreten.

Inwiefern können Sie etwas aus Liestal nach Basel mitnehmen?

Basel ist ein anderer Massstab, die urbane Dichte ist grösser, doch sind die meisten Herausforderungen verwandt. So zum Beispiel ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeitsplätzen und Wohnraum. Dies ist für Basel ein wichtiges Handlungsfeld. Auch der Detailhandel und der Umgang mit dem öffentlichen Raum sind in Basel wichtige Themen.

Sie haben also in Liestal im kleinen Rahmen geübt, um es nun im grossen Rahmen in Basel umzusetzen?

Es ist sicher so, dass ich an sehr vielen Aufgabestellungen Mass nehmen konnte, etwa an den Areal- und Wohnraumentwicklungen, dem öffentlichen Raum oder dem Detailhandel. Ich konnte meinen Rucksack mit Erfahrungen füllen und kann diese nun in einem sehr spannenden Umfeld noch stärker zur Geltung bringen. Auch stelle ich es mir als etwas sehr Erfüllendes vor, beruflich nicht mehr auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, sondern mich voll und ganz in den Dienst einer Aufgabe zu stellen.