Frau Göschke, Sie kennen sicher die Komödie «Der eingebildete Kranke»?

Madeleine Göschke: Ja. Das ist aber schon sehr lange her, dass ich das Stück gesehen habe.

Im Falle der Schönenbucher müsste man von eingebildeten Gesunden sprechen: Die Gemeinde befragte im Frühling die Einwohner, ob sie sich vom Fluglärm gestört fühlen. Die meisten Teilnehmenden, 43 Prozent, sagten, der Lärm kümmere sie nicht (siehe bz von gestern), 40 Prozent fühlen sich mässig gestört und 17 Prozent sehr. In der gestrigen Ausgabe sagten Sie, dass sich diese 43 Prozent «Ungestörte» täuschen würden.

Das ist verkürzt wiedergegeben. Was ich sagte und was zahlreiche Fallstudien auch belegen, ist folgender Aspekt: Es spielt keine Rolle, ob sich Menschen subjektiv gestört fühlen oder nicht – die negativen körperlichen Auswirkungen des Fluglärms lassen sich bei beiden, bei «Gestörten» wie bei «Ungestörten», feststellen. Es mag aus psychologischer Sicht «Ungestörte» geben, aus medizinischer Sicht hingegen nicht. Bei beiden Gruppen erhöht sich zum Beispiel der Blutdruck im Schlaf, wenn ein Flugzeug über ihr Haus donnert, auch ohne Aufwachen. Die Schlafstörungen sind bei «Gestörten» und «Ungestörten» ebenfalls gleich stark und gleich häufig.

Das heisst, diese Gewöhnung gibt es zwar, der Körper leidet jedoch trotzdem?

Genau. Ich glaube den Leuten, die sagen, sie würden die Flugzeuge gar nicht mehr hören. Der Körper jedoch reagiert weiterhin auf die Belastung. Die Folgen haben erwähnte Fallstudien nachgewiesen: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen lang anhaltender Exposition mit Fluglärm und dem Auftreten von Herz-Kreislauferkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Es gibt jedoch einen psychologischen Aspekt, der sich ebenfalls auf die Gesundheit auswirkt: Wer eine negative Einstellung zu Fluglärm hegt, der ist von ihm auch eher gestresst, was weitere Folgewirkungen auf das Wohlbefinden haben kann. Das hat etwa eine Studie der Universität Köln ergeben. Es kommt also schon auch auf die Einstellung an.

Eine positive Einstellung kann durchaus helfen, das bestreiten wir nicht. Trotzdem steigt auch bei diesen positiv eingestellten Personen der Blutdruck an im Schlaf. Der Körper kann sich an Fluglärm nicht gewöhnen. Er reagiert – unabhängig der Einstellung. Das heisst, wie bereits gesagt, nicht, dass es Menschen gibt, die sich tatsächlich nicht mehr am Fluglärm stören. Dann ist auch zu beachten, dass jeder Mensch anders auf Belastungen und Einflüsse reagiert. Einige ertragen mehr, andere weniger; einige reagieren sofort, andere erst nach Jahren. Das ist bei allen schädlichen Einflüssen so.

Trotzdem fällt bei der Umfrage der hohe Wert derjenigen auf, die sich vom Fluglärm nicht oder mässig gestört fühlen.

Da stellen sich mir zwei Fragen: Wie aussagekräftig ist eine Umfrage mit einem Rücklauf von 16 Prozent? Und: Wie objektiv sind die Schönenbucher? Es könnte ja sein, dass ich mein Haus in Schönenbuch irgendwann verkaufen möchte ...

Der Euro-Airport ist nun mal da, das Bedürfnis nach Mobilität steigt eher noch an und somit auch die Zahl der Flugpassagiere. Wie können die Belastungen trotzdem reduziert werden?

Wir setzen uns vor allem für eine längere Nachtruhe ein. Mit einer solchen könnte schon sehr viel erreicht werden. Heute herrscht auf dem Euro-Airport eine Nachtruhe von 24 bis 5 Uhr, bei Starts von 24 bis 6 Uhr. Wir fordern eine Verlängerung um zwei Stunden, von 23 bis 6 Uhr, das entspricht der Nachtruhe am Flughafen Zürich. Dann pochen wir auch auf eine gleichmässigere Verteilung der Lärmbelastung über alle Flughafen-Anrainer, unter Berücksichtigung von Nutzungsanteilen und Bevölkerungsdichte.

Madeleine Göschke ist Präsidentin des Schutzverbandes der Bevölkerung um den Flughafen Basel-Mühlhausen. Die Alt-Landrätin (Grüne) wohnt in Binningen.