Doch ist die Biobäuerin auch Nationalrätin und schleudert statt Steine parlamentarische Anfragen: «Syngenta, weltweiter Marktführer im Bereich von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut, spendet der ETH Zürich zehn Millionen Franken für eine Professur für ‹Nachhaltige Agrarökosysteme›. Wie sieht der Bundesrat die Unabhängigkeit der ETH in Lehre und Forschung in Bezug auf eine Zehn-Millionen-Spende eines Weltkonzerns?»

«Es geht um unser aller Leben»

Maya Graf formuliert ihre Sorge nicht aus akademischen Motiven: «Die Unabhängigkeit der Forschung ist hier ein besonders hohes Gut, denn es geht ums Welt-Ernährungssystem und somit um unser aller Leben.» Der von der Schweiz mit unterzeichnete Welt-Agrarbericht der Uno fordere, dass man künftig auf eine nachhaltige, kleinbäuerliche Landwirtschaft setze. «Dies widerspricht dem Geschäftsmodell von Syngenta», zeigt sich nicht nur Graf überzeugt: Die entwicklungspolitische «Erklärung von Bern» (EvB), das Hilfswerk Swissaid sowie die von Graf präsidierte Schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnologie teilen das Unbehagen über einen Einfluss von Syngenta auf Forschungsinhalte der ETH.

«Ein erster Meilenstein»

«Bereits im Jahr 2050 muss die Welt neun Milliarden Menschen ernähren», stellte die ETH im November 2010 in ihrem Communiqué fest. «Ein erster Meilenstein auf dem Weg zur Erforschung einer nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion an der ETH» sei, dass mit der 10-Millionen-Spende «Syngenta zusammen mit der ETH eine Professur im Bereich ‹Nachhaltige Agroökosysteme› lancieren kann.» Gemäss dieser Formulierung ist also Syngenta die aktiv treibende Kraft – ausgerechnet jene Syngenta, die in der Schusslinie entwicklungspolitischer und gentechkritischer Organisationen steht: Diese werfen ihr vor, sie treibe die Konzentration der Saatguthersteller voran: «Zwei Drittel des Saatguts werden heute von nur noch vier Konzernen kontrolliert», erklärt Maya Graf. «Da geht es um Profit und Macht, und wie diese verteilt werden.»

Paraquat weiter herstellt und verkauft

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Syngenta das in der Schweiz seit 1990 verbotene Pflanzenschutzmittel Paraquat weiter herstellt und verkauft, obschon sich in der Dritten Welt Tausende von Bäuerinnen und Bauern damit vergiftet hätten. So unterstellt Graf: «Da geht es nicht um Nachhaltigkeit. Syngenta hat andere Interessen.»

Darauf antwortet Syngenta-Kommunikationsleiter Michael Isaac: «In der Landwirtschaft ist der Schutz der Umwelt und der menschlichen Gesundheit genauso wichtig wie die Kontrolle von Schädlingen.» Syngenta habe allein 2010 4,2 Millionen Bauern in der sicheren Handhabung, Aufbewahrung und Anwendung von Pflanzenschutzprodukten geschult.

«Bio schmeckt nicht besser»

Im Sommer kam dann in der «Frankfurter Allgemeinen» die Retourkutsche von Syngenta-CEO Mike Mack: «Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich bei uns zu Hause keine Bio-Lebensmittel will. Sie schmecken nicht besser und sind viel teurer.» Er warf Europa Technologie-Feindlichkeit vor: «Europa macht Rückschritte und sagt: Landwirtschaft ist für uns eher eine Art Lifestyle-Thema.» Sein Credo: «Es gibt keinen Beleg dafür, dass biologische Methoden ‹nachhaltiger› sind; ich weise solche Stereotype kategorisch zurück.»

Diplomatischer drückt sich Konzernsprecher Isaac aus: «Die grösste Herausforderung der biologischen Landwirtschaft besteht darin, dass die Erträge niedriger sind. Wegen der wachsenden Weltbevölkerung braucht es höhere Ernteerträge auf dem vorhandenen Ackerland. Dies bedeutet, dass der Ertrag der biologischen Landwirtschaft nicht nachhaltig genug oder ausreichend wäre, um eine wachsende globale Bevölkerung zu ernähren.» Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick, kommt allerdings zu einem anderen Schluss (siehe Text unten).

«Nur Anschubfinanzierung»

Vor dem Hintergrund solcher Gegensätze sorgt die ETH-Professur für Diskussion. «Die Forschungsfreiheit ist gewährleistet und wesentlich, um neue Erkenntnisse zu nachhaltigen Agrarökosystemen zu gewinnen», betont Isaac. «Frau Graf und weitere Personen aus ihrem Umfeld haben Einsicht in den Vertrag zwischen der ETH und Syngenta erhalten.» In diesem Punkt stimmt Maya Graf zu und lobt die Transparenz der ETH.

«Die Forschung ist nicht von uns gesponsert» erklärt Syngenta-Sprecher Isaac. «Wir haben lediglich eine Anschubfinanzierung zur Einrichtung des Lehrstuhls geleistet.» Syngenta habe keinen Einfluss auf die Prioritäten der Forschung.

«Die Unabhängigkeit ist zentral»

Dies betont auch ETH-Sprecher Roman Klingler. «Eine Drittmittelprofessur ist eine Langzeitinvestition und wird darum nur dann errichtet, wenn sie in die Strategie der Hochschule passt. Die Unterstützung durch Syngenta reicht für zehn Jahre. Für die weitere Finanzierung kommt die ETH auf. Die Unabhängigkeit der Forschung ist zentral und wird von allen Partnern akzeptiert.» In diesem Sinn antwortete auch der Bundesrat: «Die ETH betreibt bezüglich Landwirtschaft Grundlagenforschung, die sowohl Kleinbauern als auch der Agroindustrie zugutekommen kann.» Die Unabhängigkeit der Forschung sei deshalb durch die Syngenta-Spende nicht gefährdet.