Michael Lutz, laut der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz (SSK) ist die Videofahndung bei Ausschreitungen und Krawallen einzusetzen. Jetzt sucht die Baselbieter Staatsanwaltschaft aber nach dieser Methode einen Sexualstraftäter. Ist das überhaupt erlaubt?

Michael Lutz: Es ist richtig, dass das Drei-Stufen-Modell der SSK für die von Ihnen genannten Fälle konzipiert worden ist, wobei es sich in der Praxis meist um Ausschreitungen rund um Sportveranstaltungen handelt. Wir im Baselbiet haben aber das Verfahren für Fälle einer gewissen Schwere adaptiert, was laut Strafprozessordnung ausdrücklich möglich ist.

Wie wird diese «Schwere» einer Tat definiert?

Das ist Ermessenssache der fallführenden Staatsanwalts. Wobei das Verfahren selbstverständlich nicht bei einem blossen Kioskdiebstahl angewendet werden würde, da es sich doch um einen schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre eines Einzelnen handelt. Eine Öffentlichkeitsfahndung wie diese darf immer nur das letzte Mittel sein, wenn alle anderen Methoden nicht zum Erfolg geführt haben. Und natürlich müssen dafür die notwendigen Bilder zur Verfügung stehen, was bei Straftaten im Sexualbereich nur sehr selten der Fall ist.

Laut Ihrer Mitteilung zerrte der gesuchte Täter in der Nacht vom 12. auf den 13. August eine Frau nahe des Muttenzer Bahnhofs in ein Gebüsch. Zur Vergewaltigung kam es aber nicht, da sich die Frau losreissen und flüchten konnte. Ohne diesen Fall im Geringsten zu verharmlosen: Ist hier die nötige Schwere wirklich gegeben?

Aus ermittlungstaktischen Gründen können wir nicht alle unsere Erkenntnisse öffentlich machen, aber wir bewegen uns hier mutmasslich im Verbrechensbereich, weshalb sich die Frage nach der nötigen Schwere bejahen lässt.

Die Bilder, mit deren Veröffentlichung Sie drohen, wurden vor der Tat in einem Muttenzer Pub aufgenommen. Was, wenn es sich beim Gesuchten nur um einen unbeteiligten Gast handelt?

Wir haben umfangreiche Ermittlungen angestellt und sind sicher nicht leichtfertig zum Schluss gekommen, mit den Aufnahmen von dort eine Öffentlichkeitsfahndung durchzuführen. Für die Strafuntersuchung ist die Identifikation des Gesuchten wichtig, und wir hoffen auf entsprechende Hinweise.

Welche Erfahrungen hat die Baselbieter Staatsanwaltschaft bisher mit Videofahndungen gemacht?

Der aktuelle Fall ist bereits der vierte, in dem wir zu diesem Mittel greifen müssen. Bisher reichte in einem von drei Fällen die blosse Androhung der Veröffentlichung unverpixelter Bilder, also die Stufe eins, dass sich die Tatverdächtigen von sich aus gestellt haben. In den anderen beiden Fällen konnten die Gesuchten nach der Veröffentlichung verpixelter Bilder, Stufe zwei, identifiziert werden. Zur Stufe drei, der Veröffentlichung unverpixelter Bilder mussten wir noch nie greifen.