Monica Gschwind steigt immer ganz hinten ein, wenn sie mit der Waldenburgerbahn (WB) zur Arbeit fährt. Dann hat sie beim Aussteigen weniger lange bis zur Arbeit. Es mag ein Detail sein; aber es ist eines von Tausenden in diesem Mosaik, das zu einem perfekt getakteten Arbeitstag in ihrem Leben als Regierungsrätin gehört.

Zielbewusst war sie schon immer, Erinnerungen an ihren eigenen Schulweg hat sie jedenfalls kaum welche. Dort, wo früher Schneeballschlachten veranstaltet, Liebschaften geknüpft und Streiche gespielt wurden, um eine halbe Stunde zu spät zum Mittagessen zu erscheinen: Dort war Monica Gschwind offenbar nicht. «An den Schulweg habe ich gar nicht so intensive Erinnerungen», sagt sie, als die bz sie frühmorgens von Hölstein nach Liestal begleitet. «Aber was ich sagen kann ist, dass ich sehr gerne in die Schule ging.»

Ihre Schulzeit war geprägt von Wechseln. Im Laufe der 4. Primarklasse zogen ihre Eltern von Luzern nach Rickenbach bei Schwyz, danach absolvierte sie zwei Sekundarschuljahre in Schwyz und eines in Brunnen. Sie habe es gemocht, neue Umgebungen kennenzulernen. Sie sei wissbegierig und fleissig, aber keine Streberin gewesen. Als Kind wollte sie immer Lehrerin werden; doch damals hiess es, die Jobaussichten seien wegen des Lehrerüberschusses zu schlecht. Stattdessen liess sie sich zur Treuhänderin ausbilden, heiratete einen aus Hofstetten stammenden Mann und zog nach Hölstein.

Lob von den Lehrern

Drei Jahrzehnte später kehrte Gschwind doch noch in den Bildungsbereich zurück. Doch es waren nicht die besten Vorzeichen, mit denen sie im Juli 2015 ihr Amt als Baselbieter Regierungsrätin antrat.

Als erste Amtshandlung musste Gschwind bereits nach sieben Tagen ein Sparpaket präsentieren, das quasi alle gegen sie aufbrachte, mit denen sie fortan zu tun haben sollte: Lehrer (wegen der Erhöhung der Klassengrössen), Basel-Stadt (wegen der Sparmassnahmen bei der Uni) und die Schüler (wegen der Aussage, wonach es gemütlicher sei, in die Schule zu gehen als eine Lehrstelle zu suchen). Die Medien stellten ihr zu Beginn ein schlechtes Zeugnis aus. Auch die bz sprach von einem «missglückten ersten Auftritt».

Natürlich sei es nicht einfach gewesen, sagt Gschwind. Doch sie habe dies als verkraftbaren Preis angesehen für den interessantesten Job, den man sich vorstellen kann. Die Art, wie sie mit Kritik umging, nahm den Gegnern den Wind aus den Segeln: Sie nahm sie ernst, statt wie ihr Vorgänger Urs Wüthrich (SP) mit Giftpfeilen auf die Kritiker zurückzuschiessen. Der Präsident des Lehrervereins Baselland (LVB), Roger von Wartburg sagt beispielsweise heute: «Wir hatten in den vergangenen Jahren bei gewerkschaftlichen Themen sehr oft unterschiedliche Positionen, aber wir haben eine Vertrauensbasis. Bei Monica Gschwind weiss man, woran man ist.»

So kann Gschwind bei der Wiederwahl tatsächlich auf den einen oder anderen Erfolg verweisen. Allem voran hat sie es geschafft, die verhärteten Fronten bei der Lehrmittel-Debatte aufzuweichen. Nach ihrem Wahlkampf-Motto «Marschhalt» beim Lehrplan 21 liess sie den Worten Taten folgen: Sie verankerte die Einzelfächer im Bildungsgesetz und verhinderte die kritisierten Sammelfächer. Taktisches Gespür bewies sie ausserdem mit ihrem Vorschlag, die Lehrmittelfreiheit einzuführen. Bei einem Volks-Ja sind die Lehrer künftig nicht mehr verpflichtet, mit dem unpopulären «Mille feuilles», «Clin d’Oeil» oder «New World» zu unterrichten.

Abhängig von Wiedemann?

Die Opposition ist dennoch kritisch. «Ich bin und war mit vielem nicht zufrieden», sagt SP-Fraktionspräsidentin und Bildungspolitikerin Miriam Locher. Fragwürdig sei Gschwinds Reaktion auf die Handschlagaffäre in Therwil gewesen, wo sie eigens ein Gesetz ausarbeiten liess. «Unverhältnismässig. Und in erster Linie, um die Rechten zu beruhigen», sagt Locher. Dabei hätte die Angelegenheit pragmatisch gelöst werden können. Auch die Leistungslöhne der Lehrpersonen würden «für Unruhe sorgen», prophezeit sie.

Was Gschwind auch vorgeworfen wird: In den vergangenen vier Jahren habe sie es nicht geschafft, sich von der «Starken Schule beider Basel» zu emanzipieren, also jener Organisation, die massgebend zu ihrer Wahl in den Regierungsrat beigetragen hatte. Selbst als das Komitee damit gedroht habe, den Alternativvorschlag zu den Lehrmitteln mit weiteren Initiativen zu bekämpfen, habe Gschwind an der Mitsprache der «Starken Schule» festgehalten, sagen Kritiker.

«Und wer macht jetzt wieder Wahlkampf und hängt Plakate für sie auf?», fragt Locher suggestiv. «Die ‹Starke Schule› natürlich!» Monica Gschwind sieht sich selber nicht am Gängelband der «Starken Schule». Mit dem Komitee führe sie einfach genauso wie mit anderen Interessengruppen Gespräche. Es sei darüber hinaus der Entscheid des Komitees um den Landrat Jürg Wiedemann gewesen, sich für sie im Wahlkampf einzusetzen.

Dass sie sich «nicht durch Visionen, sondern durch eine Politik der kleinen Schritte» auszeichnet, wie ein Parteikollege sagt, unterstreicht sie gleich selbst, als sie nach den Zielen für die nächste Legislatur befragt wird. «Wir müssen besser aufzeigen, dass auch eine Berufslehre eine sehr gute Ausgangslage für ein erfolgreiches Berufsleben ist», sagt sie. Heute seien viele Sekundarschüler oft nicht im Bild darüber, was neben dem gymnasialen Weg möglich sei. Des Weiteren wolle sie den Leistungsauftrag mit der Uni und der Fachhochschule sowie den neuen Kulturvertrag unter Dach und Fach bringen.

Als sie von der bz begleitet wird, ist sie eine der Ersten bei der Arbeit. Nur ihre Assistentin ist schon da. In den frühen Morgenstunden bereitet sie den täglichen Sitzungsmarathon vor, den ersten Kaffee gibt es erst um 10 Uhr («sonst trinke ich zu viel davon»). Meist schafft sie es seit ihrer Wahl 2015 höchstens einmal pro Woche ins Krafttraining; auch kommt sie viel zu wenig zum Rennradfahren. Dabei findet sie es wichtig, Sport zu treiben, «um abzuschalten und gesund zu bleiben».

Ob sie in den nächsten vier Jahren wieder vermehrt dazu kommt, daran darf gezweifelt werden. Sie gilt nicht als Wackelkandidatin für die Wiederwahl. Sie selber übt sich in Bescheidenheit: «Ich bin immer vorsichtig, denn Wahlen sind nicht berechenbar.» Dass ihr Leistungsausweis sie für vier weitere Jahre in der Baselbieter Regierung qualifiziere, daran zweifelt Monica Gschwind aber nicht.