Ende September feierte das Comitato italiano d’ intensa del Birstal, der Dachverband der italienischen Vereine im Birstal, sein 40-jähriges Bestehen. Nun löst sich der Verband per Ende 2017 auf. «Jetzt ist ein guter Zeitpunkt», findet der langjährige Comitato-Präsident und Mitgründer Argo Lucco. Es sei gleich wie bei einem guten Sportler: Wichtig sei, einen würdigen Zeitpunkt für den Rücktritt zu finden. Zuletzt gehörten dem «Komitee des Zusammenhalts» noch sechs Italiener-Vereine an; zu seinen besten Zeiten Ende der 1980er-Jahre waren es 17 mit hunderten von Mitgliedern.

Das Comitato war neben der seelsorgerisch tätigen Missione cattolica eine zweite Anlaufstelle der Italiener im Birstal. Zentrales Ziel war, diesen Menschen eine Stimme zu verleihen und den Kontakt untereinander zu fördern. Das Comitato agierte aber nicht losgelöst von der Mehrheitsgesellschaft der Schweizer. Lucco war eine enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden wichtig. Zudem setzte sich das Comitato für das Wahlrecht der Ausland-Italiener ein und veranstaltete vor EU-Parlamentswahlen Podiumsdiskussionen. «Die Kommunistische Partei hat versucht, das Comitato zu unterwandern», sagt Lucco. Heute kann er darüber lachen, damals musste er für die politische Neutralität kämpfen.

Ausländersonntag gegründet

Mittlerweile dürfen die im Ausland lebenden Italiener in ihrer Heimat wählen. Dieses und andere Ziele hat das Comitato erreicht, die Integration sei «vervollständigt», wie es Lucco ausdrückt. Missione compiuta – Mission erfüllt. In vielen Familien leben bereits Urenkel der ersten Gastarbeiter aus den 50er- und 60er-Jahren. Da stellen sich Integrationsfragen gar nicht mehr.

Jede Einwanderergeneration bringt sich anders in die hiesige Gesellschaft ein. Der am 3. Januar 1968 – fast genau vor 50 Jahren – eingewanderte Argo Lucco hat sich von Beginn weg mit riesigem Effort als Brückenbauer betätigt und 1978 in seiner Wohngemeinde Reinach den Ausländersonntag (später: Tag der Völker) ins Leben gerufen. Eine Pionierleistung, für die er 2009 mit dem Reinacher Preis geehrt wurde.

Aber: Argo Lucco spricht beim Treffen Hochdeutsch – nicht Dialekt, wie es seine Söhne wohl tun würden. Dies freilich mit einem reichen Wortschatz. Viele Reinacher Bekannte nehmen an, dass sich der 76-Jährige längst hat einbürgern lassen, doch das tat er nie. Dies im Gegensatz zu seinen Söhnen, die er bereits im Teenageralter ermutigt hat, den roten Pass zu erlangen. Sohn Andreas spielt in der Basler Italo-Jazz-Formation Detto Fatto. Doch weshalb wollte er nicht Schweizer werden? Lucco überlegt lange und sagt: «Ich habe mich solidarisiert mit meinen Landsleuten. Viele wurden in der Schweiz nie richtig akzeptiert.» Deswegen wollten einige Italiener nicht Schweizer werden und haben nach ihrer Pensionierung das Land fast fluchtartig in Richtung alte Heimat verlassen.

Akademiker aus dem Norden

Bei Argo Lucco war alles etwas anders: Im Gegensatz zur grossen Mehrheit der italienischen Einwanderer der 60er-Jahre stammt er aus dem Norden, dem Friaul, und aus einem Akademikerumfeld. Er kam mit einem abgeschlossenen Chemiestudium in der Schweiz. Also nicht als Gastarbeiter, wie es damals hiess, sondern als Expat, wie man heute sagen würde. Zuerst arbeitete er bei der Schuhfirma Bata in Möhlin, bereits mit 32 bekam er bei der damaligen Sandoz (heute Novartis) eine Kaderstelle. Lucco hängt das nicht an die grosse Glocke. Aber man spürt, dass er nicht zuletzt aus dieser privilegierten Position die Verpflichtung ableitete, sich für sein Volk zu engagieren. Ob Nord oder Süd, ob Arbeiter oder Akademiker – der bekennende Christ Argo Lucco hat da nie einen Unterschied gemacht. «Ich war anders als viele. Aber ich habe mich dieser Gemeinschaft der Auswanderer zugehörig gefühlt.»