Michael Gehring hat sich schon immer für Kleider aus Gummi interessiert: Stiefel, Handschuhe und Regenjacken aus dem Kunststoff faszinierten ihn. Akzeptieren, geschweige denn verstehen konnte er seine Neigung aber nie. Heute weiss der 49-Jährige, dass seine streng katholische Erziehung einen wesentlichen Einfluss auf seine Körperwahrnehmung und auf die Ablehnung seiner Vorlieben hatte. Geprägt von seinem Elternhaus wollte er lange Zeit Priester werden, seine eigene Sexualität rückte damit gänzlich in den Hintergrund. Nachdem er seine Ambitionen, Geistlicher zu werden, aufgegeben hatte, folgte mit 19 Jahren seine erste feste Beziehung mit einer Frau. Gehring erinnert sich: «Das Ganze passte einfach nicht. Ich merkte, dass ich da raus musste. Aber ich ahnte noch immer nicht, was mit mir los war.» Irgendwann kam ihm der Gedanke, es mit einem Mann zu versuchen.

Als er 23 Jahre alt war, hatte er seine erste Verabredung mit einem Mann und merkte, dass er schwul ist. Mit der Entdeckung seiner Homosexualität kam die Vorliebe für Fetische erst richtig zum Tragen. Seine erste greifbare Erfahrung mit Gummi hatte Gehring mit der Hülle eines Schweizer Armeeschlafsacks: «Beim Berühren ist in mir etwas gleichzeitig Seltsames und Aufregendes passiert. Ich kann das nicht wirklich beschreiben.» Eines führte zum anderen und Gehring «mumifizierte sich mit dem Schlafsack zum ersten Mal», wie er berichtet. Nach diesem Schlüsselerlebnis ging alles schnell weiter. Bald kaufte er sich einen Komplettanzug, Gasmasken, Gummihandschuhe und Gummistiefel. Das Eingeschlossen-Sein in den Kleidern geniesst er am meisten. «Ich fühle mich sicher und umarmt. In mehrschichtiger Verpackung ist es wie in einem Kokon.»

Drei Jahre lang lebte Gehring sein Schwulsein und seine Vorliebe für Gummi im Versteckten aus. Sein Coming-Out führte schliesslich dazu, dass er aus seiner Heimatgemeinde Aesch wegzog. Zudem hat er einen Grossteil seines damaligen Freundeskreises verloren. Auch die Beziehung zu seiner Mutter litt unter seinen Neigungen. Seit über zehn Jahren herrscht zwischen den beiden Funkstille. Mit seinem Vater hatte Gehring schon lange vor seinem Outing den Kontakt abgebrochen. «Mein Vater war gewalttätig, was mich natürlich sehr geprägt hat», erzählt Gehring. Mit BDSM – im Volksmund als Sadomaso oder Fesselspiele bezeichnet – fand er einen Weg das Erlebte zu verarbeiten. Rückblickend bedauert Gehring sein Versteckspiel: «Wenn ich heute nochmals die Chance hätte, würde ich das alles nicht für mich behalten. Ich möchte mich nie wieder verstecken.»

Fetisch-Szene in der Schweiz

Wie viele homosexuelle Fetisch-Liebhaber in der Schweiz leben, kann kaum durch konkrete Zahlen belegt werden. Reto Müller, Co-Präsident des Vereins Leathermen of Switzerland, erklärt: «Es gibt keine exakte Definition, wer als Fetisch-Liebhaber gilt. Jeder macht da wohl seine eigene Einschätzung.» Er beobachte aber, dass sich die Fetisch Communities – nachdem der Boom von Online-Dating über die letzten Jahrzehnte zu einer starken Individualisierung geführt habe – europaweit mehr organisieren. So entstand letztes Jahr der Verein Swiss Gear Heads. Dieser zählt zusammen mit dem Club Swiss Rubbermen, dem Verein Leathermen of Switzerland und der Gruppe Gay Fetish Suisse Romande zu den grossen Fetisch-Communities in der Schweiz. Daneben gibt es noch viele kleine Gruppierungen.
All diese Communities bezwecken die Freundschaft und Zusammenarbeit von Gleichgesinnten. Sie wollen als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden. Vor allem für Lederfetischisten sei das Tragen von Fetischklamotten in der Öffentlichkeit kein Problem. Müller: «Ich habe noch keine Distanzierung erlebt, sondern eher Neugierde, wenn wir in einer Gruppe unterwegs sind.» Die Gummikleidung, wie Gehring sie trägt, zieht da schon mehr Aufmerksamkeit auf sich. Der Gummiliebhaber ist sich dessen bewusst und weiss: «Bei so manch einer Person stosse ich mit meiner Kleidung auch auf Abneigung. Mir gefällt ja auch nicht alles, dem ich im Alltag begegne.»

Mister Rubber

Vergangenes Jahr traf Gehring eine bedeutende Entscheidung in seinem Leben: Er nahm an der Mister Rubber Switzerland Wahl teil. «Es war nicht einfach ein Schritt auf die Bühne, für mich war es bedeutend mehr», erzählt der 49-Jährige. 2001 hatte er einen Autounfall, der sein Leben grundlegend veränderte. Gehring erlitt ein schweres Schleudertrauma, wurde psychisch krank und kann seither nicht arbeiten. Ebenso liess er das Laientheater, das er bis dahin mit grosser Freude ausübte, hinter sich.

Um wieder Selbstvertrauen zu tanken, ermutigten ihn Freunde dazu, an der Mister Rubber Wahl teilzunehmen. Am Wahltag musste er eine Darbietung aufführen, bei der er mehrere Gummischichten übereinander trug. Gehring konnte das Publikum und die internationale Jury mit seiner Showeinlage überzeugen und gewann schliesslich die Wahl. Der Titel ist ein Ehrenamt, welches die Schweizer Gummi-Community repräsentiert.
Mit dem nationalen Sieg qualifizierte er sich für das Finale der Mister Rubber Europe Wahl im Februar 2018 und holte auch diesen Titel. Die beiden Ämter bedeuten ihm sehr viel: «Ich möchte anderen Mut machen, zu sich zu stehen, selbstbewusst Gummi-Outfits in der Öffentlichkeit zu tragen und sich wohlzufühlen.»

Facebook: Mister Rubber Europe 2018

Seit seinen Amtstiteln verzichtet Gehring an den Tagen, an denen nichts Offizielles ansteht, bewusst auf Gummikleidung. Seine Haut braucht diese Pausen, um sich zu erholen. Trotzdem weiss er, dass er ohne Probleme die Fetisch-Kleider in seiner Wahlheimat Breitenbach öffentlich tragen kann: «In der Gemeinde wurde ich immer akzeptiert. Hier habe ich noch nie etwas Schlechtes erlebt.»

Seine Dreizimmerwohnung teilt er mit seinem Berner Sennenhund Odin, einen festen Partner hat er nicht. Sowieso nimmt ihn sein Mister-Dasein voll in Anspruch. Er weiss aber, übertreiben darf er nicht: «Sobald meine Schmerzen kommen, ist das ein Indikator, dass ich bremsen muss.» Mit seinem Engagement in der Gummi-Szene will Gehring den Weg für künftige Generationen erleichtern: «Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Fetisch-Kleider mit einer Selbstverständlichkeit getragen werden können und damit auch die rein sexuelle Konnotation verschwindet.»