Als Kurt Thüring den Entschluss fasste, war seine erste Reaktion: «Juhui!» Der Coiffeur aus Ettingen beschloss, seinen Friseur-Gürtel an den Nagel zu hängen und seinen Salon «Coiffure Kurt» aufzugeben. Nach 44 Jahren hat er genug.

Der Fast-Pensionär mit weissem Bart und grauem Hemd scheint für geringe Anstrengungen viel Kraft zu benötigen. Auf das Ende seiner Coiffeur-Ära angesprochen, wird er – zwei Monate vor der Geschäftsaufgabe – wehmütig. Thüring führt das Familiengeschäft in dritter Generation. «Was machen bloss meine älteren Kunden, die nicht mehr gut zu Fuss sind», fragt er sich. Doch nicht nur Ettinger lassen Haare bei ihm. Durch Mundpropaganda fanden viele Auswärtige den Weg zu ihm. Zwar gibt es im Ort mehrere Coiffeure. Aber ob diese auch solchen Spezialservice bieten, ist fraglich: «Jene Stammkunden, die nicht mehr gut zu Fuss sind, hole ich mit dem Auto ab und fahre sie hin und zurück», erzählt der 65-Jährige. Sie hätten in all den Jahren zu ihm gehalten, jetzt sei es an ihm.

Umbauen oder zur Polizei

Dabei wäre er als junger Mann am liebsten Sportlehrer geworden. Doch dafür hätte er das Gymnasium und die Lehrerausbildung absolvieren müssen. «Das wollte ich überhaupt nicht», erinnert sich der Ettinger. So wurde er Friseur. «Mir gefallen die Vielseitigkeit und die Gespräche mit den Kunden. Man kann immer wieder mit der Mode gehen, was auch Abwechslung bringt.» Bevor Kurt Thüring den Coiffeursalon übernahm, hatte sein Vater im Ein-Mann-Betrieb als Herrencoiffeur gearbeitet. Damals waren die Kunden hauptsächlich Bauern.

Der Junior hatte zu diesem Zeitpunkt einige Jahre in anderen Salons gearbeitet und «die Nase voll» vom geringen Verdienst und den langen Arbeitszeiten. Vor allem aber wollte er eines: selbstständig arbeiten. Er stellte seinem Vater ein Ultimatum: «Entweder bauen wir um, oder ich gehe zur Polizei.» Der Beruf habe ihn interessiert. «Aber das war eher eine Drohung», schmunzelt er rückblickend. Der Salon wurde umgebaut, vergrössert und rustikal eingerichtet. Thüring beschloss, künftig auch Frauen die Haare zu schneiden.

Zu Beginn seiner Coiffeur-Ära sei es «sehr familiär» zugegangen. Die eine Kundin wusste, dass eine andere ebenfalls einen Termin hatte. So brachten sie Kuchen oder auch einmal einen Tropfen Wein mit. Thüring: «Das ist heute anders.» Einmal war während der Fasnacht ein Mann so «hackedicht», dass er auf dem Stuhl einschlief. «Ich bekam ihn nicht wach, also liess ich ihn schlafen», amüsiert er sich rückblickend. Bis 2004 beschäftigte er immer Angestellte – dann habe er aber realisiert, dass sich das nicht lohne, und die Kunden fortan wieder alleine bedient. Seine Frau Ann hilft ihm bis heute oft aus.

Mit Laser die Haare schön

Später kam ein zusätzliches Standbein hinzu. Er kaufte sich ein Lichtwellengerät. Das sei gut gegen Haarausfall; aber auch gegen Muskelzerrungen. Das war um 1985, da war diese Technik noch sehr neu. Thüring richtete links vom Eingang einen zusätzlichen Raum mit 2 Plätzen dafür ein und nutzte ihn als «Laserstudio». «Das kam bei den Leuten sehr gut an», denkt er zurück. «Die Haare waren einfacher zu bearbeiten; die Chemie musste weniger lang drauf bleiben.» Seit drei Jahren ist dieser kleine Raum an eine Coiffeuse untervermietet.

Mit den Jahren hatte Kurt Thüring mit gesundheitlichen Problemen zu Kämpfen. Er musste kürzertreten, und seit einem Jahr hat der Laden noch Dienstag bis Freitag am Vormittag geöffnet. Kürzlich war das Ehepaar Thüring nach vielen Jahren wieder einmal in den Ferien. Neun Tage in Amsterdam – das habe ihm gutgetan.

«Das kannst du nicht machen»

Seine Kunden wissen schon lange, dass ihr Coiffeur aufhören wird. Der Entschluss fiel vor einem Jahr, als er 65 wurde. «Das kannst du doch nicht machen», «mach doch noch ein Jahr oder bis du jemanden hast, der den Salon übernimmt», waren die Reaktionen. Das Jahr ist um und noch ist weder eine Nachfolgerin noch ein Nachfolger in Sicht. Trotz zentraler Lage und guter öV-Anbindung und eher tiefer Miete. Beinahe hätte er eine Lösung gehabt. Per Handschlag war die Übernahme ab Januar abgemacht. Doch Ende Jahr zog die potenzielle neue Besitzerin ihr Angebot zurück.

Das Leben beginnt

Der 9. Juni wird sein letzter Arbeitstag. Am Tag darauf feiert der Ettinger Geburtstag – seinen 66. «Man sagt ja: Mit 66 Jahren fängt das Leben an», sagt er trocken. Wenn es die Gesundheit erlaubt, will er Tennis und wieder häufiger auf der Handorgel spielen. Doch zuallererst will er nur eines: «Wie sagt man heute: erst mal chillen.»

Nachfolge-Interessenten können sich bei Kurt Thüring melden: 
E-Mail: k.thuering@yahoo.com, Telefon: 061 721 25 55