Neue Musik mit grossem N hat sich die Basel Sinfonietta auf die Fahne geschrieben. Dass dieser Fokus auf ein Musikgenre in unterhaltsamen und höchst abwechslungsreichen Programmen resultieren kann, bewiesen sie am Sonntagabend im Heavy-Metal-Mekka Z 7 in Pratteln. Ein besonderer Spielort für ein besonderes Programm: Angesagt waren drei sehr unterschiedliche Komponisten: John Adams, zurzeit wohl der bekannteste amerikanische Komponist für zeitgenössische Musik, Simon Steen-Andersen, der Shooting Star der Szene, und Maurus Conte, dessen Werk «REM» den zwei Stars die Show stahl.

Der Titel spielt auf die gleichnamige Schlafphase an. Erhöhte Herzfrequenz, schnelle Augenbewegungen und lebhafte Träume bei gleichzeitiger Lähmung des Körpers zeichnen den sogenannten REM-Schlaf aus. Man ist dabei näher am Wachzustand als im Tiefschlaf. Diese Welt zwischen Schlafen und Wachen erlebte der junge Schweizer Komponist während der Konzeption des Stücks auch selbst: Es entstand unter dem Einfluss von akutem Schlafmangel – nach der Geburt seiner Zwillinge.

Perfekt inszenierte Zwischenwelt

Das Gefühl der Übermüdung, ein in Watte gepacktes Unwohlsein, begleitet von ständigem Abdriften, schlug sich spürbar im Stück nieder: Quälend langsame Streicherglissandi, flüchtige Motivfragmente und dünne Akkordwolken fanden sich zusammen, verdichteten sich zu transparenten, doch komplexen Texturen. Einzelne Tonpunkte gruppierten sich zu Ansätzen einer Melodie, die sich nach wenigen rastlosen Gesten wieder verflüchtigte.

Das Orchester spielte fast durchweg im leisen Register. Die Bläser klangen wattiert, wie aus einem fernen Traum, die Streicher hauchzart und gleichzeitig alptraumhaft-bedrohlich. Die Sinfonietta bewies in dieser Uraufführung, dass sie ein Ohr und ein Händchen für ungewöhnliche Klangtexturen hat und auch abstrakte Klangvorstellungen anschaulich umsetzen kann.

Im Stück «City Noir» von John Adams aus dem Jahr 2009 überzeugte die Sinfonietta hingegen weniger. Stellenweise mangelte es an der nötigen rhythmischen Präzision, um die Jazzrhythmen zum Grooven zu bringen. Auch das Werk selbst blieb ein wenig zahnlos. Obschon Adams die Atmosphäre des Hollywood-Kinos der 1950er-Jahre stimmungsvoll in Musik übersetzte, blieb das Werk ein wenig dekorativ und konzeptuell nicht überzeugend, im Vergleich zu den zwei anderen Stücken des Abends.

Klang der Zerberstung

An einer durchdachten Konzeption fehlte es dem Piano Concerto des dänischen Komponisten Simon Steen-Andersen von 2014 nicht. Steen-Andersen erforscht darin die klanglichen Möglichkeiten eines Klaviers, während und nach seiner Zerstörung. In einer ausgedienten Fabrikhalle liess er einen Flügel aus sieben Metern Höhe auf den Boden fallen und nahm das Zerbersten auf. Danach liess er den Pianisten Nicolas Hodges, der auch in Pratteln den Solopart übernahm, auf dem zerstörten Klavier spielen.

Die Komposition selbst besteht aus dem Klang des zersplitternden Klaviers, aus den aufgenommen Samples, die das kaputte Klavier nach dem Fall noch von sich gab, und aus den live gespielten Klavierklängen von Hodges.

Drei Klangquellen, die sowohl zu hören als auch zu sehen waren: Der Fall des Klaviers wurde in Zeitlupe hinter das Orchester projiziert, und vor dem Orchester sass Hodges an einem Flügel – direkt neben Videoschnipseln, die ihn beim Bespielen des malträtierten Instruments zeigten.

Das Orchester vermittelte geschickt zwischen diesen drei Instanzen: Es instrumentierte den zeitlich zerdehnten Klang des zerberstenden Klaviers, nahm die verfremdeten Klaviertöne auf, entwickelte sie weiter und trat mit dem «Live-Hodges» in einen musikalischen Dialog. Im Konzert präsentierte sich dies unterhaltsam, streckenweise komisch und musikalisch und dramaturgisch geschickt gebaut. Trotzdem entwickelte Steen-Andersens Piano Concerto nicht den gleichen Sog wie Maurus Contes beeindruckendes REM-Stück.

Mit dem Programm «Agglo rockt!» bewies die Sinfonietta einmal mehr die Vielfältigkeit Neuer Musik und, obschon die Raumakustik eher ungünstig für diese Art von Musik war, trug der unkonventionelle Konzertort das Übrige zu einem gelungenen Abend bei.
Man wünscht sich, dass die Sinfonietta weiterhin den Fokus auf interessante zeitgenössische Musik richtet und diese so unterhaltsam umsetzt.