Wenn jemand sagt, er surfe mit seinem motorisierten Untersatz durch die Strassen, so ist das in der Regel eine Übertreibung. Eine masslose dazu.

Es gibt aber ein Fahrzeug, das dem Surfen ziemlich nahe kommt: das «Magic Bike». Das Elektro-Stehrad besitzt eine Kippachse aus Gummi. Dank dieser neigt sich das Trittbrett beim Kurvenfahren samt Lenkstange und Vorderrad in Richtung der Kurven-Innenseite, wobei die beiden Hinterräder die Stabilität gewährleisten. Aber so sprechen nur Mechaniker. Werber würden es anders beschreiben: Das Magic Bike steht für ein noch nie da gewesenes Gefühl von Freiheit. Auch das ist eine Übertreibung – aber keine masslose.

Einziger Haken: Von der neuen Freiheit gekostet haben bisher erst wenige. Zwar wurde das Dreirad schon im Frühling 2013 lanciert, und die Verkaufszahlen nahmen rasch Fahrt auf – doch dann stand dem neuartigen Gefährt plötzlich ein Hindernis im Weg, mit dem die Konstrukteure nicht gerechnet hatten: die Unruhen in Thailand.

Die Teile des Magic Bikes sollten in einer Fabrik in der Nähe von Bangkok hergestellt werden. 2013 begannen in der thailändischen Hauptstadt die Proteste der Opposition gegen Premierministerin Yingluck Shinawatra, im Mai 2014 wurde sie ihres Amtes enthoben. Wegen der Unruhen konnte die Fabrik die Teile nicht mehr rechtzeitig liefern, aus der Serienproduktion wurde nichts.

Schieflage erwünscht: Das «Magic Bike», ein Elektro-Dreirad, kippt in der Kurve wie ein Skateboard – so auch bei der Vorführfahrt von Michael Dolensek von Pneu Fuchs.

Schieflage erwünscht: Das «Magic Bike», ein Elektro-Dreirad, kippt in der Kurve wie ein Skateboard – so auch bei der Vorführfahrt von Michael Dolensek von Pneu Fuchs.

Nun hat der Entwickler des Bikes, Viktor Borsodi, Mister Schweiz des Jahres 1999, einen neuen Anlauf genommen. Er verlegte Ende 2014 die Produktion in die Schweiz ins luzernische Emmenbrücke. Dabei nutzte er die Gelegenheit, an der Konstruktion einige Anpassungen vorzunehmen. Im Oktober wurde das neue Bike in Allschwil der Öffentlichkeit vorgestellt – in der Garage eines alten Freunds Borsodis: André Fuchs. Der Fotograf, Werber und Weltenbummler hat 2013 den Betrieb seines Vaters im Bachgraben-Gebiet übernommen. Bei «Pneu Fuchs» kann das Gefährt gemietet und gekauft werden. Die Nordwestschweiz ist Testmarkt für das Magic Bike. Eine Probefahrt zeigt: Wer mit dem summenden Apparat unterwegs ist, zieht die Blicke auf sich.

Swiss steht auf den Kipp-Effekt

Dutzende Exemplare habe man schon verkauft, sagt Michael Dolensek, der für die Vermarktung des Bikes in der Region Nordwestschweiz zuständig ist. Angebissen hätten nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen und Organisationen – und sogar Behörden: «Erst kürzlich», sagt Dolensek, «hat die Stadt Bern einen Pilotversuch mit zwei Bikes gestartet.»

Bereits im Einsatz ist das Bike unter anderem im Zoo Zürich, auf Golfplätzen und auf einem Gelände der Fluggesellschaft Swiss. Das Vehikel benötigt kein Nummernschild, fahren darf man es ab 16 Jahren, ab 14 ist ein Mofa-Ausweis notwendig. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 21 Kilometer pro Stunde. Bei diesem Tempo liefert die Batterie, die an jeder Steckdose aufgeladen werden kann, gegen zwei Stunden Energie. Beim Preis bewegt sich das Magic Bike im Mittelfeld: Die Basis-Version ist für knapp 2500 Franken zu haben.

Als entscheidenden Vorteil des «Zauberrads» im Stadtverkehr bezeichnet Dolensek den Umstand, dass man mit ihm überall fahren dürfe, wo auch Velofahren erlaubt sei. «Während man mit dem Auto noch im Stau steht oder einen Parkplatz sucht, ist man mit dem Bike längst am Ziel angekommen.»

Wäre Viktor Borsodi mit seiner Konstruktion vor zwei Jahren noch ein Pionier im Segment der Elektro-Fahrzeuge gewesen, so ist die Konkurrenz heute riesig: Auf den Strassen erblickt man Monowheels, Balanceboards, Elektro-Trottinette und -Skateboards und dergleichen – oder aber den Segway, noch immer der Liebling von Tourismus-Organisationen.

Sie alle haben mit dem Magic Bike gemein, dass sie abgasfrei, leise und einfach zu fahren sind. «Aber surfen», sagt Michael Dolensek, «das kann halt nur eines.»