Noch am Samstag erklärte die bz, warum die FCB-Heimspiele gegen den FCZ nicht mehr als Hochrisikospiele gelten müssen. Nach dem Schock des «Tags der Schande» am 13. Mai 2006 und den sukzessive ergriffenen Massnahmen haben die Behörden mit dem «Basler Modell», das zuerst auf Dialog und erst dann auf Repression setzt, einen gangbaren Weg gefunden, die Lage rund um die FCB-Heimspiele in den Griff zu kriegen.

Nun sind seit dieser Einschätzung etwas mehr als 48 Stunden und ein äusserst unrühmliches Nachspiel zum feinen 5:1-Erfolg der Rot-Blauen über den FCZ vergangen. Teile des Zürcher Fanblocks erzwangen am Sonntagabend auf der Heimfahrt den Nothalt ihres Fanzugs im Bahnhof Pratteln, schwärmten im Bahnhofsgelände aus und richteten dort beträchtliche Schäden an. So wurden drei Schaufenster der Bahnhofsapotheke eingeworfen und mehrere Autos beschädigt.

Nur mit einem grossen Aufgebot und unter dem Einsatz von Gummischrot gelang es der Polizei, die FCZ-Chaoten in den Zug zurückzudrängen. Der SBB-Bahnreiseverkehr blieb auf der Strecke Basel-Olten für rund eine halbe Stunde unterbrochen. All dies, nachdem es bereits während des Spiels im Joggeli-Gästefansektor zu Sachbeschädigungen, dem seriellen Zünden von Petarden und Leuchtfackel-Würfen gekommen war, was in einen zehnminütigen Spielunterbruch mündete. Die Ereignisse erinnerten stark an die Ausschreitungen von GC-Fans vor ziemlich genau einem Jahr, als diese auf der Heimfahrt im Bahnhof Muttenz den Fanzug zum Stehen brachten.

Ist jetzt alles falsch, was vor dem Sonntagsspiel in der bz über die vermeintlich positive Entwicklung und Sicherheitslage rund ums Joggeli geschrieben stand? Jene, die schon immer ein noch härteres Durchgreifen gegen Fussballchaoten gefordert haben, werden das bestimmt so sehen und sich einmal mehr bestätigt fühlen. Gewiss werden jetzt umgehend Stimmen laut, welche den verschärften Hooligan-Konkordatsbeitritt beider Basel sehen und die Unterschriftensammlung für die entsprechende Initiative forcieren wollen. Dabei sollte aber eine zentrale Frage zuerst beantwortet werden: Welche zusätzlichen polizeilichen Mittel könnte das verschärfte Hooligan-Konkordat bieten, die solche Ereignisse wie am Sonntagabend verhinderten oder zumindest erschwerten?

Reizvolle Machtprobe mit Sicherheitskräften

Bereits jetzt kennt Basel-Stadt die Bewilligungspflicht für Veranstaltungen von mehr als 20’000 Personen. Einem FCB-Heimspiel wie gegen den FCZ präventiv die Durchführung zu verbieten, lehnt die Basler Regierung aber von vornherein als unverhältnismässig ab. Eine Einschränkung des Alkoholausschanks im Joggeli wurde im Rahmen einer Studie als nutzlose Massnahme entlarvt und per Anfang Jahr aus der Vereinbarung mit dem FC Basel gestrichen. Die Frage der Bewilligung von Fanmärschen stellt sich nie, da die Fanzüge direkt vors Stadion fahren.

Bereits jetzt könnten Matchbesucher auf dem Weg zum Stadion nach pyrotechnischem Material durchsucht werden, was aber praktisch nie geschieht. Überführte Einzeltäter und Chaoten werden jetzt schon hart angepackt: Noch nie sind auf dem Platz Basel so viele Rayon- und Stadionverbote ausgesprochen worden wie 2014; mehr als doppelt so viele wie 2012. Zudem wird die Fahndung nach Fussballchaoten verstärkt mittels Internet-Pranger durchgeführt, was bestimmt keine zimperliche Methode ist. All das spricht nicht für eine Ausweitung der bereits breiten polizeilichen Möglichkeiten.

Im Gegenteil: In jenen Städten und Kantonen wie Zürich und Bern, wo die Konkordatsbestimmungen per Volksabstimmung verschärft wurden und seither sehr restriktiv ausgelegt werden, finden auffallend oft die ungleich grösseren Zwischenfälle und Krawalle statt als in Basel. So ist die These naheliegend, dass die Ausschreitungen nach dem FCB-Gastspiel bei YB im vergangenen Oktober eine direkte Reaktion auf das vorgängige Verbot eines Fanmarsches durch die Bundesstadt waren. Hier legten es bestimmte Fan-Kreise auf eine Machtprobe mit den Berner Sicherheitsbehörden an, was zwar ebenso verwerflich wie unentschuldbar ist, aber leider zu den Mechanismen von Repression, Reaktion und Eskalation gehört.

Das gleiche Bild bei den Ausschreitungen von FC-Aarau-Anhängern im vergangenen Herbst in Thun, als die Berner Polizei beim Gäste-Fanmarsch die bewilligte Route durchsetzen wollte. Schliesslich wurden die massiven Ausschreitungen nach dem Zürcher Derby am 22. Februar 2015 mit der stundenlangen Einkesselung einer grösseren Fangruppe in Verbindung gebracht.

Gästefans sollen künftig zu Hause bleiben

Doch mal abgesehen vom Zürcher Fussball-Derby: Allgemein fällt auf, dass es insbesondere die organisierten Gästefans sind, die auf fremdem Terrain im Rudeltrieb ihre niederen Instinkte ausleben und eine Eskalation bewusst in Kauf nehmen. Leider mischen hierbei militante Teile der rot-blauen Ultras und Hooligans regelmässig an vorderster Front mit. In Zürich hat dieser Umstand bereits zur Forderung geführt, den Gästesektor für künftige FCB-Gastspiele zu sperren.

Diese zunächst sehr lockende Vorstellung, künftig bei allen Fussballspielen einfach keine organisierten Gäste-Fangruppen mehr in die eigene Stadt zu lassen, keine Fanzüge mehr anzubieten und stattdessen die Stadien nur noch der eigenen Anhängerschar zu öffnen, erweist sich schon auf den zweiten Blick als kaum oder nur mit allergrössten Repressionsmassnahmen durchführbar. Wobei wir wieder beim Thema der auf dem Fusse folgenden Eskalation wären.

Für Gewalt gibt es keine Entschuldigung

Nochmals in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt und Sachbeschädigungen, weder im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen noch sonst wo. Es gibt keinen rationalen Grund, dass sich Fussballfans nicht an dieselben Benimmregeln halten könnten wie alle anderen Mitmenschen. Verstösse müssen im Rahmen der üblichen Gesetzesschärfe sanktioniert werden. Straftaten der Schuldigen dürfen nicht verharmlost, aber auch nicht dramatisiert werden.

Anderseits beweist das Basler Modell, dass mit dem möglichst engen Dialog zwischen Behörden, Verein und Fussballfans eine viel stabilere Lage herbeigeführt werden kann als mit der Verschärfung des polizeilichen Mitteleinsatzes. Zudem eine, die den Steuerzahler weniger kostet. Denn auch das ist eine Tatsache, dass der personelle Aufwand der Sicherheitskräfte auf dem Platz Basel zuletzt spürbar abgenommen hat, was gleichzeitig den Kostendeckungsgrad durch die öffentliche Hand senkt. Mussten 2012 rund 89 Prozent der Durchführungskosten vom Staat übernommen werden, waren es 2014 «nur» noch rund 81 Prozent. In absoluten Zahlen sind das durchschnittlich rund 160’000 Franken pro FCB-Spiel für den Steuerzahler.

Solange Stadionbesucher beim Eintritt nicht wie am Flughafen einzeln durchleuchtet werden und die Taktik der Sicherheitskräfte nicht das Herausgreifen von Einzeltätern und Rädelsführern aus Fan-Pulks vorsieht, werden sich Ereignisse wie am Sonntagabend in und ausserhalb des Stadions wiederholen. Vernünftigerweise wird beides von Behördenseite nicht praktiziert. Wäre letzteres der Fall, so wäre es in Pratteln gewiss nicht bei zwei zerbrochenen Schaufenstern und ein paar eingeschlagenen Autoscheiben geblieben.